Eines Tages Schauspielerin zu sein – das war ein Traum, den ich in meiner Jugend zuerst nicht zu träumen wagte. Auf dem Gymnasium habe ich in der Theater-AG gespielt, nach einer Aufführung fragte mich eine Lehrerin, ob ich das nicht beruflich machen wolle. Aber das war für mich unvorstellbar. Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie, Arbeit bedeutete immer Schweiß, schmutzige Hände, Anstrengung, Erschöpfung. Wie konnte etwas, das so viel Spaß macht, Arbeit sein? Dann hat es mich doch auf die Bühne gedrängt. Damals, am Ende meiner Kindheit, habe ich manchmal ganze Sonntagnachmittage auf dem Bett gelegen und mich aus diesem Leben in der bayerischen Provinz hinausgeträumt. Heute bin ich in meinem Beruf eine Vermittlerin der Träume anderer. Ich verleihe den Träumen der Autoren und der Regisseure eine Gestalt. Ständig bin ich mit den Träumen anderer beschäftigt: mit den Träumen der Intendanten, meiner Agentin, des Publikums.

Hin und wieder geraten meine Visionen in Konflikt mit denen des Regisseurs oder des Autors, der meiner Figur nicht genügend Sätze gibt. Daran arbeite ich mich ständig ab.

Ich wünsche mir Rollen und Figuren, die es wert sind, dass ihre Geschichte laut erzählt wird. Ich habe einen unbändigen Spieltrieb in mir. Manchmal denke ich: "Warum bin ich kein Mann?" Ich beneide die männlichen Schauspieler um die Vielfältigkeit der Charaktere, die sie spielen dürfen. Frauenrollen sind im Theater begrenzter. Wir sind oft gehalten, die erotische Komponente zu liefern, Farbsprengsel in ein Stück zu werfen oder Reinheit zu verkörpern. Männer dagegen dürfen sich austoben, den dummen August geben oder den abgründigen Schurken.

Zugegeben, ich durfte und darf tolle Frauenrollen spielen. Und dreimal bin ich auch schon in Männerrollen geschlüpft. Trotzdem, die Vorstellung, eine Spielzeit lang ein Mann zu sein, ist sehr reizvoll für mich. Auch weil die Theaterwelt sehr hierarchisch ist und männerdominiert. Im Grunde heißt es: "Okay, du darfst bei uns mitmachen, aber du musst nach unseren Regeln spielen."

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Ich frage mich oft, ob diese Regeln für uns Mädels immer gut sind. Zum Beispiel haben männliche Kollegen in der Regel weniger Probleme damit, für Wochen von der Familie getrennt zu sein. Sie haben meist eine Frau zu Hause, die sich um die Kinder kümmert, und halten das für selbstverständlich. Mein Mann und ich versuchen, gleichberechtigt unserem Beruf nachzugehen. Bei jedem Gastspiel, jedem Filmprojekt denke ich darüber nach, ob und wie ich meinen viereinhalbjährigen Sohn, meine Familie integrieren kann. Ich bin unter selbstständigen Frauen aufgewachsen, meine Mutter betreibt eine Reinigung, meine Oma eine Bäckerei. Als Kind habe ich oft unter der Heißmangel gespielt. In meinem Beruf ist so etwas schwer möglich. Ich kann meinen Sohn zwar an den Drehort oder ans Theater mitnehmen, aber bei der Arbeit selbst muss ich mich lösen, um meiner Arbeit gerecht zu werden. Ich kann und will nichts halb machen.

Aufgezeichnet von Jörg Böckem