Alter Auf ins Heim!
Der 82-jährige Herr Brunckhorst löst seine Wohnung auf und zieht ein letztes Mal um
Sieht man ihn da für einen Moment verloren im Wohnzimmer zwischen seinen Sachen sitzen, dann wird einem schon traurig zumute. Ein alter Mann löst seine Wohnung auf und zieht ein letztes Mal um. Wer wollte jetzt an seiner Stelle sein? Aber es sieht schlimmer aus, als er sich fühlt. Hans Brunckhorst hat gute Laune, er muss sich nur immer mal kurz setzen, weil es ihm an Kraft fehlt, das Herz.
Wenige Tage vor Ostern noch hat er bei unserem Besuch ein Paar Shorts aus dem Schrank gezogen und sich freudig vor die Hüften gehalten: »Die hab ich mir extra gekauft. Das wird ein schöner Sommer. Ich will an die Nordsee und endlich mal richtig braun werden, das war ich noch nie.«
Herr Brunckhorst hat einiges vor. Er hat sich bisher nicht beklagt, warum sollte er es nun tun?
Von Hamburg zieht er nach Husum, weg aus seiner Heimatstadt, in der er seine 82 Jahre meistenteils verbracht hat, hin zu seinen Enkeln, die in Nordfriesland wohnen. Aus seiner Zweizimmerwohnung unterm Dach geht es in ein Zimmerchen zu ebener Erde in die neu gebaute Anlage des Deutschen Roten Kreuzes. Zehn Minuten hatte er zum Schluss für die paar Stufen in die zweite Etage gebraucht, und die vierspurige Luruper Hauptstraße konnte er nur noch mit Mühe überqueren. Von der kleinen Ferdinand-Tönnies-Straße am Husumer Kreishaus wird er wenig mitbekommen, sie liegt auf der rückwärtigen Seite seines neuen Zuhauses. Ihm öffnet sich eine Terrassentür zum Rasen hin, da steht sein neuer nussbrauner Deckchair mit den blau-weißen Streifen. Und die Nordsee ist nah, ihr Salz liegt in der Luft.
Was Hans Brunckhorst jetzt tut, ins Heim gehen, das tun viele Deutsche jedes Jahr. Wie viele genau, das weiß erstaunlicherweise weder das Familienministerium zu sagen noch das Statistische Bundesamt, noch der Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe. Zahlen haben sie nur für Pflegebedürftige. Aber nicht jeder Pflegebedürftige ist alt und nicht jeder Alte pflegebedürftig. Aber vielleicht ist die genaue Zahl auch nicht so wichtig. Man weiß ja: Die vielen werden Jahr für Jahr mehr, und jeder Einzelne muss seinen Weg finden aus einem selbstbestimmten Leben in die Obhut einer Institution, von man nur hoffen kann, dass sie einem mit Verständnis und Respekt begegnet.
Herr Brunckhorst war zeit seines Berufslebens immer gesund, und er hat viel gearbeitet. »Nachts um zwei bin ich angefangen, bis nachmittags halb vier«, das sind dreizehneinhalb Stunden, »ich war ja so arbeitswütig!« Er war mit Leib und Seele »Grünhöker« auf dem Hamburger Großmarkt und erzählt gern, wie sein Chef, der Prokurist, ihn fragte: »Diese Stachelbeeren aus Übersee, soll ich da mal ’n Container von kaufen?« So importierte ihre Firma die ersten Kiwis nach Deutschland, Ingwer, Mango, Papayas, »das kannte ja keiner«. Auf den Kiwis blieben sie sitzen.
Brunckhorst hatte Kürschner gelernt, »ein Beruf, der nichts brachte«, und sein Vater hatte ihn zu den Bananen und den Apfelsinen geholt. 42 Jahre blieb er in der Firma: »Verkaufen ist was wirklich Gutes.« Obst war nach dem Krieg auch ein Argument, wenn man eine Wohnung brauchte; später verhalf es ihm, dem angestellten Händler, zu Wohlstand und einem eigenen Haus.
Seine Frau lernte er mit 19 kennen, sie sahen sich »so sporadisch«, eines Tages sagte sie zu ihm: »Wenn du mir ein dickes Baby machst, dann heirate ich dich.« Er lacht. »Sie hat das später bestritten, aber so war das, und so ist das auch gekommen.« Sie bekamen zwei Jungen. Seine Frau starb mit 70, »leider«, und »wenn sie nicht gestorben wäre, dann würde ich heute noch da wohnen«. Sie hatte Lungenkrebs, und als er den Arzt nach einem Krankenhaus mit Palliativstation fragte, sagte der: »Krankenhaus? Sie wird sterben, und Sie werden sie pflegen, und ich komme jeden Tag.«
- Datum 03.05.2010 - 15:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.04.2010 Nr. 17
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wenn´s bei vielen so wird, aber ich habe da ernste Zweifel. Vielleicht kann ich ja an dieser Stelle berichten, wenn´s in 39 Jahren bei mir so weit ist. Herrn Brunckhorst alles Gute!
Der Artikel hat mir sehr gut gefallen. In unserer Gesellschaft, die dem Jugendwahn verfallen ist, wird leider häufig verdrängt, dass das Leben nicht nur aus Spaß, Action und Jungsein besteht, sondern dass uns alle irgendwann unsere Kräfte verlassen werden und wir unserem physischen Ende entgegen sehen. Ich finde es wichtig, dass man sich bereits in jüngeren Jahren mit diesem Thema auseinandersetzt und nicht aus Angst die Augen vor diesem Thema verschließt. Ich bewundere Herrn Brunckhorsts positive Einstellung zum Leben und die Kraft, diesen letzten - nicht leichten - Lebensabschnitt ohne Verbitterung, mit einer Portion Dankbarkeit und Vertrauen ins Leben zu bestreiten. Man kann sich nur wünschen, dass man selber diese Stärke bei sich entdecken wird, wenn man im Spätherbst des Lebens angekommen ist.
Wenn Herr Brunckhorst seine Gelassenheit nicht für die Reporter spielt, ist er zu beneiden.
Nicht vielen Menschen gelingt es, so positiv fatalistisch auf diese Veränderung in ihrem Leben zu reagieren.
Ich wünsche mir für mich eine ähnliche Lebenseinstellung wenns mal so weit ist.
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