Na endlich!, lautet die eine Reaktion. Die US-Börsenaufsicht SEC klagt gegen Goldman Sachs. Betrug!, lautet der Vorwurf, und glaubt man der Rhetorik, steht da eine Abrechnung mit den größten Abzockern der Welt bevor. In der Öffentlichkeit ist Goldman schon verurteilt.

Wie ermüdend!, lautet die andere Reaktion. Sie stellt sich ein, wenn man auf die Details schaut, einen drögen und schwer zu durchdringenden Faktenberg. Doch der Teufel steckt in ebenjenen Details. Bei der Klage 10 CV3229 SEC vs Goldman Sachs geht es um eines der esoterischsten und zugleich gefährlichsten Produkte aus den Giftküchen der Wall Street: Synthetic CDOs. Aber was zum Himmel sind sie?

Ein anderes Finanzprodukt, das fast genauso heißt, kennt man seit der Finanzkrise schon ganz gut. Während des Immobilienbooms hatten die Banken Collateralized Debt Obligations (CDOs) aufgelegt. Sie hatten Pakete aus zweifelhaften Hypothekenkrediten geschnürt und chic verpackt; Banken, Pensionskassen und Investmentfonds konnten sich daran beteiligen. Man weiß auch, wie das ausging. Synthetic CDOs enthalten aber gar keine Hypothekenkredite. Sie sind nur eine Wette auf einen Stapel solcher Kredite. Genauer wählt dabei ein Finanzakteur, zumeist eine Bank, aus dem großen Angebot einige Hypothekenkredite aus und bietet eine Wette an: Steigt dieses fiktive Paket im Wert, oder platzen diese Kredite am Ende gar?

So war es auch in dem Fall, um den es bei der SEC-Klage geht. Der Hedgefonds-Manager John Paulson hatte einen synthetischen CDO bei Goldman in Auftrag gegeben – mit der Absicht, gegen die Papiere zu wetten. Zu den Anlegern, die erwarteten, dass die ausgewählten Hypothekenkredite und damit das angebotene synthetische Papier an Wert gewinnen würden, gehörte unter anderem die deutsche IKB.

Dass jemand gegen sie wetten würde, war jedem Anleger klar – nur so funktioniert die Transaktion. Doch Paulson soll den Spezialisten, die die Wertpapiere aussuchten, eine umfangreiche Liste mit seinen Wunschkandidaten geschickt haben. Betrug!, so ruft die SEC jetzt. Nein, sagt Goldman Sachs, diese Praxis sei üblich gewesen.

Damit hat die Wall-Street-Bank wohl sogar recht. Viele Konkurrenten hatten ebenfalls Synthetic CDOs im Angebot. Die CDO-Wetten kamen zu einer Zeit auf, als sich die Anzeichen mehrten, dass am Hypothekenmarkt schwere Probleme drohten. Erste Darlehensanbieter rutschten in die Pleite, Kreditausfälle nahmen zu, ein Zinsanstieg zeichnete sich ab. Da suchten Spekulanten einen Weg, von der drohenden Krise zu profitieren, und sie fanden ihn in Synthetic CDOs.

In vielen Fällen waren die Zockerprodukte Auftragsarbeiten für Hedgefonds. "Goldman ist keinesfalls einzigartig", berichtet ein Insider. Der Chefankläger der SEC, Robert Khuzami, hat bereits angekündigt, seine Ermittler würden auch bei anderen Instituten wühlen. An der Wall Street rechnet man mit bis zu einem Dutzend weiterer Klagen. "Ein Kakerlak kommt selten allein", sagen Händler auf dem Parkett der New Yorker Börse dazu.