Trinkwasser zu verkaufen ist in Deutschland eine feine Sache. Das Image des wichtigsten Lebensmittels ist kristallklar, die Versorgung sicher. Trotzdem ist Wolfgang Schuch alles andere als zufrieden. Der Geschäftsführer des Wetzlarer Wasserversorgers Enwag rechnet mit dem Schlimmsten: der Insolvenz. Im Mai 2007 war Schuch ein Bescheid der Wiesbadener Landeskartellbehörde ins Haus geflattert. Um satte 29 Prozent sollte die Enwag ihre in den Augen der Kartellwächter stark überhöhten Wasserpreise senken. Die Gesellschaft, die zu 50,1 Prozent der Stadt Wetzlar und zu 49,9 Prozent der Thüga, einem Netzwerk lokaler und regionaler Energieversorger, gehört, klagte gegen die Verfügung – und verlor. In letzter Instanz entschied der Bundesgerichtshof (BGH) Anfang Februar, dass die Wasserversorger der "verschärften kartellrechtlichen Missbrauchsaufsicht" unterlägen und an dem Bescheid nichts auszusetzen sei. Die Behörde hatte die Wetzlarer Preise mit denen "gleichartiger" Wasserversorger verglichen und einen Preismissbrauch festgestellt.

Jetzt muss Schuch etwa 2,6 Millionen Euro an seine Kunden zurückzahlen. Aber es könnte noch dicker kommen. Die Verfügung aus Wiesbaden galt nur bis Ende 2008. Schuch erwartet aber, dass die Behörde in Kürze eine Anschlussverfügung erlässt. "Dann müsste ich den Gang zum Konkursrichter antreten", sagt Schuch. Ähnlich ergehen könnte es dem Frankfurter Versorger Mainova, der seine Preise sogar um 37 Prozent senken soll. In diesem Fall sind die Gerichtsverfahren zwar noch nicht abgeschlossen. Doch die Mainova hat für den Ernstfall schon mal Rückstellungen in Höhe von 55 Millionen Euro in die Bilanz gestellt.

In manchen Regionen unterscheiden sich die Preise um 500 Prozent

Mit dem spektakulären Sieg vor dem BGH in Karlsruhe konnte sich das CDU-geführte hessische Wirtschaftsministerium als wackerer Kämpfer gegen die "Abzockermentalität" der Monopolisten in Szene setzen. Wirtschaftsminister Dieter Posch pries den Richterspruch als "großen Sieg für die Verbraucher mit Signalwirkung über Hessen hinaus". Schon Poschs Amtsvorgänger Alois Riehl hatte sich mit einem Feldzug für niedrigere Strom- und Gaspreise das Wohlwollen von Wirtschaftsvertretern und Stammtischen gesichert. Im aktuellen Fall geht es jedoch nicht gegen Großkonzerne wie RWE, Vattenfall und Co., sondern gegen Unternehmen, die sich zumindest mehrheitlich im Besitz der öffentlichen Hand befinden, also sozusagen gegen die Bürger selbst.

Tatsache ist, dass sich die Wasserpreise in Deutschland von Gemeinde zu Gemeinde, von Stadt zu Stadt stark unterscheiden. Vergangenes Jahr entdeckte sogar die Bild - Zeitung das Thema. Sie veröffentlichte eine Rangliste der Wasserpreise in den 25 größten deutschen Städten. Danach war Trinkwasser in Augsburg mit 292 Euro pro Jahr für einen Vierpersonenhaushalt bei einem Durchschnittsverbrauch von 180 Kubikmetern am billigsten, in Essen mit 509 Euro am teuersten. In Hessen divergieren die Preise nach einer von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt in Auftrag gegebenen Untersuchung sogar um bis zu 500 Prozent.

Für die Wiesbadener Kartellwächter ist klar, dass manche Wasserwerke ihre Marktmacht ausnutzen, um die Bürger zu schröpfen. Dagegen argumentieren die Wasserversorger vor allem mit unterschiedlichen Bedingungen bei Gewinnung, Aufbereitung, Speicherung und Verteilung des Wassers. Wer nur die Abgabepreise betrachte, vergleiche "Äpfel mit Birnen", sagt Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Kommunaler Unternehmen (VKU). "Undifferenzierte Preisvergleiche haben keine wirkliche Aussagekraft für den Verbraucher und berücksichtigen auch nicht solche Faktoren wie vorbeugenden Gewässerschutz und somit ein nachhaltiges Wassermanagement."

Während sich private Wasserkonzerne wie Veolia – dem französischen Unternehmen gehört zusammen mit RWE Wasser unter anderem die Hälfte der Berliner Wasserwerke – von dem Grundsatzurteil neue Chancen auf dem deutschen Wassermarkt erhoffen, macht sich bei manchen öffentlichen Versorgern Existenzangst breit. Besonders ungehalten sind sie darüber, dass die Richter die Beweislast für auskömmliche Wasserpreise kurzerhand den betroffenen Unternehmen auferlegten. "Wir müssen jetzt nachweisen, warum andere Versorger günstigere Preise haben als wir. Wir müssten also bei denen in die Bücher schauen können. Das ist doch gar nicht zu leisten", ärgert sich der Frankfurter Kämmerer Uwe Becker.