Kruzifix-Streit Mit Gott und Allah

Keine Angst vor Kopftuch und Kruzifix: Was der Streit um die muslimische CDU-Politikerin Aygül Özkan lehrt

Religionspolitisch herrscht in Deutschland Unordnung, und das ist auch gut so. Dies ist ein Land von Gläubigen und Ungläubigen, die es beide in einer toleranten und einer militanten Spielart gibt. Es ist das Land der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges, ziemlich gleichmäßig geteilt in Protestanten und Katholiken – schon das Christentum selbst ist hier pluralistisch. Das Judentum, das die Nationalsozialisten ausrotten wollten, wird durch Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion belebt und gewandelt. Dann sind da neuerdings die Muslime. Das alles wird zusammengehalten durch eine eigentümliche Rechtsordnung, in der Staat und Religion nicht verbunden, aber auch nicht säuberlich getrennt sind, in der ein weltanschaulich neutrales Gemeinwesen trotzdem Kirchensteuern eintreibt und an den staatlichen Schulen Religionsunterricht anbietet.

Gut ist diese etwas widersprüchliche Buntheit, weil sie der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts entspricht. In einer Welt der Migration und der Globalisierung kann man Staaten nur um den Preis großer Spannungen darauf gründen, dass alle dasselbe glauben (wie in Saudi-Arabien) oder dass Religion öffentlich irrelevant ist (wie in Frankreich). Aber auch für das relativ entspannte Deutschland bringt die Menschen- und Glaubensvielfalt gesellschaftlichen Stress mit sich. Das ist die eigentliche Bedeutung des Streits um die später zurückgezogenen Äußerungen der neuen niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan, die zum Ärger ihrer christdemokratischen Parteifreunde gegen Kruzifixe in Klassenzimmern Stellung nahm: Dies ist ein typischer, zukunftsträchtiger Konflikt; wir werden mehr davon erleben.

Anzeige

Der Übergang in die multireligiöse Gesellschaft kann sich gar nicht anders als unter heftigem Rumpeln vollziehen. Nicht nur sind neue Spieler hinzugekommen wie die Muslime – und eine zunehmend akzeptierte radikale Religionsfeindschaft, die in jedem Glauben bloß noch Aberglauben sieht (nach der Devise: Papst Benedikt XVI. gehört als Chef einer Kinderschänder-Bande vor Gericht).

Auch die Frontlinien im weltanschaulichen Streit verlaufen inzwischen kreuz und quer. Natürlich kann man, »konservativ«, dem Islam misstrauen, weil man um das christliche Abendland fürchtet. Aber es sind auch, ebenso »konservativ«, christlich-muslimische Bündnisse im Zeichen von Sitte und Anstand, Moral und Familie vorstellbar. Der CSU-Mann Peter Gauweiler hat dafür ein Beispiel gegeben, als er erklärte, Kopftuchmädchen seien ihm lieber als Arschgeweih-Mädchen. Und »linke« Islamkritiker (die Religion für das Opium des Volkes halten) stehen gegen »linke« Islamfreunde (deren Herz für Ausländer und fremde Kulturen schlägt).

Es war billig und unfair, sich über eine junge Politikerin aufzuregen, die in diesem unaufgeräumten, vollgestellten ideologischen Porzellanladen ein paar Schüsseln vom Regal gestoßen hat. Experimente, auch missglückte, gehören zum Suchprozess, den die Bundesrepublik beim Thema Einwanderung und Glaubensvielfalt durchmacht. Doch ist Aygül Özkans ursprüngliche Idee, die totale Reinigung der Schule von religiösen Symbolen, ob nun Kopftuch oder Kruzifix, deshalb richtig? Das ist sie nicht – obwohl viele sie einleuchtend finden.

Sie ist es deshalb nicht, weil sie einem falschen Ordnungs- und Klarheitsbedürfnis entspringt, einem religionspolitischen Sauberkeitswahn. Die Versuchung, im Glaubenschaos der Gegenwart auf den Tisch zu hauen und Tabula rasa zu machen, sich den ganzen lästigen Weltanschauungskram einfach mit einem Schlag vom Halse zu schaffen, ist groß, aber man muss ihr widerstehen. Die Türkei, aus der Aygül Özkans Familie stammt, hat seit ihrem Gründer Kemal Atatürk den vollkommen laizistischen, von aller öffentlichen Frömmigkeit gereinigten Staat zu schaffen versucht. Das Projekt ist gescheitert; heute regiert in Ankara mit Ministerpräsident Erdoğans AKP eine Partei, die ihre Wurzeln im politischen Islam hat. Unterdrückte, verleugnete, vergessene Religiosität hat die Tendenz, mit Macht wiederzukehren.

Jeder Glaube ist zunächst einmal gleich respektabel und human

Der Laizismus ist für Deutschland (und für die CDU/CSU) ebenso wenig eine Lösung wie die nostalgische Beschwörung einer längst brüchig gewordenen christlichen Nationalidentität. Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit. Nicht gleich verdächtig und bedrohlich sind alle Glaubensrichtungen, sondern zunächst einmal gleich respektabel, interessant und human – und dann muss man näher hinsehen. Dass Fanatiker sich im Namen der Religion über das Recht hinwegsetzen, dass sie ihre Töchter nicht zur Schule schicken oder ihnen, wenn sie erwachsen sind, die freie Wahl des Ehepartners verweigern, kann der Staat nicht dulden. Aber vor Kopftüchern oder Kruzifixen soll er sich nicht fürchten.

Aygül Özkan hat am Dienstag ihren Amtseid als Ministerin mit der religiösen Beteuerungsformel geleistet: »So wahr mir Gott helfe!« Zum ersten Mal hat ein deutsches Kabinettsmitglied in einem deutschen Parlament Allah angerufen – und zugleich war der Name, der dabei ausgesprochen wurde, derselbe wie für den christlichen Gott. Eine Szene, in der das ganz Ungewohnte und das sehr Vertraute zusammenkamen. Und ein schönes Symbol für das Betreten eines Neulands, in dem uns noch viele Abenteuer begegnen werden, aber vor dem wir keine Angst haben müssen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. unserer Gesellschaft, dass jetzt von ganz bestimmen Menschen aus Politik und Medien das Verwenden der religiösen Formel gefeiert wird, weil sie von einer Migrantin benutzt wird.
    Dieselben waren und sind es aber auch, die in der Vergangenheit nur zu gerne sich echauffiert und belustigt gezeigt haben, wenn ein autochthoner Deutscher(r) sie verwendet hat.
    Diese scheinheilige Moral dieser 68er und ihrer Gesinnungsfreunde ist letzten Endes verantwortlich dafür, dass diese Gesellschaft mit dieser demografischen Entwicklung keine Zukunft haben wird.

  2. "Die Versuchung, im Glaubenschaos der Gegenwart auf den Tisch zu hauen und Tabula rasa zu machen, sich den ganzen lästigen Weltanschauungskram einfach mit einem Schlag vom Halse zu schaffen, ist groß, aber man muss ihr widerstehen."

    Jetzt lassen Sie mal die Kirche im Dorf, geehrter Herr Ross. Kreuze aus Klassenzimmern zu entfernen hat nichts mit "Tabula rasa" zu tun und schon gar nichts mit der Türkei oder Kemal Atatürkn. Über ihre These, dass "jeder Glaube ist zunächst einmal gleich respektabel und human" sei, sollten sie doch nochmal nachdenken und ein wenig in die Geschichte blicken. Das ist so, wie wenn die Weinbauern den Wein als Kulturgut preisen, aber über Alkoholismus nicht reden wollen. Jedoch gehören eben BEIDE Seiten dazu.

    Genau so verhält ist sich mit Glaube/Religion und Intoleranz. Wer für sich beansprucht, den alleinig wahren und richtigen Gott und die alleinig wahre richtige Religion zu besitzen, ist per se intolerant und muss, soll nicht der Teufel mit Belzebub ausgetrieben werden, in seine Schranken verwiesen werden. Diesbezüglich sprechen die Reaktionen der verschiedenen Kirchen auf die Eidesformel von Özkan Bände: keine Spur von Toleranz, aber jede Menge Rechthaberei in der ziemlich üblen Form.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Nicht gleich verdächtig und bedrohlich sind alle Glaubensrichtungen, sondern zunächst einmal gleich respektabel, interessant und human."

    Eben nicht. Glaubensrichtungen sind sehr unterschiedlich repektabel. Und völlig unterschiedlich human. Religionen verhalten sich sehr unterschiedlich zu Gewalt, Andersgläubigen, Ethik etc. Diese pauschal auf eine Stufe zu Stellen ist sicherlich niedlich und politisch korrekt - allerdings auch katastrophal falsch.

    "Unterdrückte, verleugnete, vergessene Religiosität hat die Tendenz, mit Macht wiederzukehren."

    Das mag sein (obwohl die Geschichte der DDR hier zumindest Zweifel zulässt). Aber seit wann ist das Nicht-Aufhängen von Kruzifixen Unterdrückung von Religiösität? Ist es wirklich im Sinne der Gesellschaft, Glauben durch falschverstandene Toleranz, durch Steuerbegünstigung, staatlich finanzierte Lehre in staatlichen Lehranstalten zu fördern? Ist es nicht vielmehr Aufgabe, Wissenschaft und Philosophie sowie deren Lehre zu fördern? Denken und kritischen Diskurs statt blinde Akzeptanz und Toleranz?

    "Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit."

    m.E. völlig falsch. Die vernünftige Haltung ist jene der Vernunft. Und damit kein verschwurbeltes "nicht unkritisch" (was ist denn das bitte?) zur Religion. Sondern ein klares Bekenntnis zur Wissenschaft, zur Philosophie, zur Neutralität, zur Begründbarkeit, zur Aufklärung. Zur Neuzeit.

    Der Autor spricht viele wahre Dinge an angefangen vom Laizismuswahn bis hin zur radikalen Religionsfeindschaft.Er gibt auch einen Hinweis darauf wohin sich Deutschland in Zukunft entwickeln wird ob man es will oder nicht.

    "Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit"

    Das ist mit gesunden Menschenverstand wahrscheinlich wirklich der beste Ansatz.

    "Die vernünftige Haltung ist jene der Vernunft".

    Es ist schon seltsam dass die im Artikel erwähnten radikalen Religionsfeinde auch ihre heiligen Kühe haben.Im Grunde haben sie ein Sack voll Probleme gegen einen anderen getauscht.Und bitte machen sie es sich nicht zu einfach.

    "Nicht gleich verdächtig und bedrohlich sind alle Glaubensrichtungen, sondern zunächst einmal gleich respektabel, interessant und human."

    Eben nicht. Glaubensrichtungen sind sehr unterschiedlich repektabel. Und völlig unterschiedlich human. Religionen verhalten sich sehr unterschiedlich zu Gewalt, Andersgläubigen, Ethik etc. Diese pauschal auf eine Stufe zu Stellen ist sicherlich niedlich und politisch korrekt - allerdings auch katastrophal falsch.

    "Unterdrückte, verleugnete, vergessene Religiosität hat die Tendenz, mit Macht wiederzukehren."

    Das mag sein (obwohl die Geschichte der DDR hier zumindest Zweifel zulässt). Aber seit wann ist das Nicht-Aufhängen von Kruzifixen Unterdrückung von Religiösität? Ist es wirklich im Sinne der Gesellschaft, Glauben durch falschverstandene Toleranz, durch Steuerbegünstigung, staatlich finanzierte Lehre in staatlichen Lehranstalten zu fördern? Ist es nicht vielmehr Aufgabe, Wissenschaft und Philosophie sowie deren Lehre zu fördern? Denken und kritischen Diskurs statt blinde Akzeptanz und Toleranz?

    "Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit."

    m.E. völlig falsch. Die vernünftige Haltung ist jene der Vernunft. Und damit kein verschwurbeltes "nicht unkritisch" (was ist denn das bitte?) zur Religion. Sondern ein klares Bekenntnis zur Wissenschaft, zur Philosophie, zur Neutralität, zur Begründbarkeit, zur Aufklärung. Zur Neuzeit.

    Der Autor spricht viele wahre Dinge an angefangen vom Laizismuswahn bis hin zur radikalen Religionsfeindschaft.Er gibt auch einen Hinweis darauf wohin sich Deutschland in Zukunft entwickeln wird ob man es will oder nicht.

    "Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit"

    Das ist mit gesunden Menschenverstand wahrscheinlich wirklich der beste Ansatz.

    "Die vernünftige Haltung ist jene der Vernunft".

    Es ist schon seltsam dass die im Artikel erwähnten radikalen Religionsfeinde auch ihre heiligen Kühe haben.Im Grunde haben sie ein Sack voll Probleme gegen einen anderen getauscht.Und bitte machen sie es sich nicht zu einfach.

    • honett
    • 28.04.2010 um 13:38 Uhr

    .. alle Religionen respektieren!

  3. Ein sehr interessanter Artikel, offensichtlich von einem sehr "religionsfreundlichen" Menschen verfasst. Darauf möcht ich aber gar nicht weiter eingehen.
    Nur eine Frage: Was ist für sie der Unterschied zwischen Glaube und Aberglaube? Laut Wikipedia: "Die Bezeichnung Aberglaube wird abwertend, aber auch scherzhaft auf Glaubensformen und religiöse Praktiken angewandt, die nicht den eigenen, meist orthodoxen Lehrmeinungen, entsprechen."
    Demnach sind Glaube und Aberglaube objektiv betrachtet exakt das gleiche.

    Die Bemerkung, dass Laizismus für Dt. nicht praktikabel sei wird in keinster Weise begründet. Wieso soll das so sein? Ich denke gerade das hier zu Unrecht so geschmähte Frankreich ist ein gutes Beispiel dass die Trennung von Kirche und Staat sehr wohl gut funktioniert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "..so geschmähte Frankreich ist ein gutes Beispiel dass die Trennung von Kirche und Staat sehr wohl gut funktioniert."

    Nein,dass einzige wofür sie taugt ist die nordafrikanischen Einwanderer aus dem öffentlichen Leben rauszuhalten.Und das Beispiel Türkei zeigt,dass es dann mit Macht zurückkommt.Vielleicht ist das auch der Grund dafür,dass es in Deutschland noch nicht Zustände wie in den Banlieues gibt,keine bewusste Abgrenzung der Weissen und keine Aufständen von verzweifelten Jugendlichen.

    • TDU
    • 28.04.2010 um 15:38 Uhr

    Der Gleichsetzung von Glaube und Aberglaube möchte ich doch widersprechen.

    Denn sie funktioniert nur, wenn man den Glauben funktionsorientiert betrachtet. Abgläubige und auch meist der Angehörige einer religiösen Sekte tun das meistens. Denn sie benötigen den konkreten Vorteil, um ihr Verhalten zu begründen.

    Und das sind meistens geistig wenig anspruchsvolle Konstruktionen. "Schwarze Katze, Freitag der 13te ist genauso begründet wie bete und Schalke gewinnt, ein Glücksbringer oder das "tust du dies und das kommst du in die Hölle, in den Himmel oder die Welt geht unter. Diese Funktionsorientiertheit ist wichtig, denn ohne sie würde dieser Glaube wegfallen.

    Daran fehlt einfach dass, was zum Glauben dazu gehört, nämlich das Vertrauen und auch das Fühlen. Würden wir nicht glauben und darauf vertrauen, dass die überwiegende Zahl der uns an einem Tag X begegnenden Menschen am Leben hängt könnten wir nie auf dem Teil einer Autobahn fahren, der auf die Gegenspur umgeleitet wurde oder ist das eine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

    Und ohne Vetrauen und Fühlen ist auch der Glaube an Gott nicht möglich. Denn die Orientierung an der Funktion ergibt gerade den Zweifel (wieso hast du mein Kind sterben lassen), den sich der Abergläubige und der Sektenanhänger erst gar nicht leisten kann, da der Gegenstand des Glaubens obsolet wäre. Insofern ist die Kraft des Glaubens nicht dem Heil, sondern dem Zweifel geschuldet.

    Und genau das unterscheidet den Glauben vom Aberglauben.

    "..so geschmähte Frankreich ist ein gutes Beispiel dass die Trennung von Kirche und Staat sehr wohl gut funktioniert."

    Nein,dass einzige wofür sie taugt ist die nordafrikanischen Einwanderer aus dem öffentlichen Leben rauszuhalten.Und das Beispiel Türkei zeigt,dass es dann mit Macht zurückkommt.Vielleicht ist das auch der Grund dafür,dass es in Deutschland noch nicht Zustände wie in den Banlieues gibt,keine bewusste Abgrenzung der Weissen und keine Aufständen von verzweifelten Jugendlichen.

    • TDU
    • 28.04.2010 um 15:38 Uhr

    Der Gleichsetzung von Glaube und Aberglaube möchte ich doch widersprechen.

    Denn sie funktioniert nur, wenn man den Glauben funktionsorientiert betrachtet. Abgläubige und auch meist der Angehörige einer religiösen Sekte tun das meistens. Denn sie benötigen den konkreten Vorteil, um ihr Verhalten zu begründen.

    Und das sind meistens geistig wenig anspruchsvolle Konstruktionen. "Schwarze Katze, Freitag der 13te ist genauso begründet wie bete und Schalke gewinnt, ein Glücksbringer oder das "tust du dies und das kommst du in die Hölle, in den Himmel oder die Welt geht unter. Diese Funktionsorientiertheit ist wichtig, denn ohne sie würde dieser Glaube wegfallen.

    Daran fehlt einfach dass, was zum Glauben dazu gehört, nämlich das Vertrauen und auch das Fühlen. Würden wir nicht glauben und darauf vertrauen, dass die überwiegende Zahl der uns an einem Tag X begegnenden Menschen am Leben hängt könnten wir nie auf dem Teil einer Autobahn fahren, der auf die Gegenspur umgeleitet wurde oder ist das eine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

    Und ohne Vetrauen und Fühlen ist auch der Glaube an Gott nicht möglich. Denn die Orientierung an der Funktion ergibt gerade den Zweifel (wieso hast du mein Kind sterben lassen), den sich der Abergläubige und der Sektenanhänger erst gar nicht leisten kann, da der Gegenstand des Glaubens obsolet wäre. Insofern ist die Kraft des Glaubens nicht dem Heil, sondern dem Zweifel geschuldet.

    Und genau das unterscheidet den Glauben vom Aberglauben.

    • -Ziet-
    • 28.04.2010 um 13:42 Uhr

    ... welch jugendliche Naivität im Besten Sinne - Jan Ross, den Namen merk ich mir.

    Die letzten beiden Absätze gehören eingerahmt und zur Präampel eines jeden Ethik-Unterrichts gemacht ;-)

    Schöner Denkfaden:

    in einem deutschen Parlament Allah angerufen
    mit dem selben Namen wie von allen anderen Politikern
    schönes Symbol für das Betreten eines Neulands
    in dem uns noch viele Abenteuer begegnen werden
    vor dem wir keine Angst haben müssen

    Wahre Demokratie beseitigt nicht die Widersprüche, sondern lebt mit der Vielfalt und dem ständigen Wandel, den es als Bereicherung betrachtet und sich auf das Schöne am Dasein konzentriert, anstatt Menschen wie Zitronen um des persönlichen Vorteils willen auszupressen (oder Abhängigkeit von Schwächeren sonstwie zu mißbrauchen).

    Es ist nicht damit getan 'nur' selbst zu denken - es gehört auch die Gabe gelernt, dabei großzügig zu sein und glaubwürdig zu bleiben, als Demokrat und vor allem als Mensch. Ob man sich als Mensch dabei ein Vorbild nach JESUS wählt oder nach Buddha, sei jedem selbst überlassen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dass dem Deutschen jeglicher Optimismus fremd ist.

    dass dem Deutschen jeglicher Optimismus fremd ist.

  4. "Nicht gleich verdächtig und bedrohlich sind alle Glaubensrichtungen, sondern zunächst einmal gleich respektabel, interessant und human."

    Eben nicht. Glaubensrichtungen sind sehr unterschiedlich repektabel. Und völlig unterschiedlich human. Religionen verhalten sich sehr unterschiedlich zu Gewalt, Andersgläubigen, Ethik etc. Diese pauschal auf eine Stufe zu Stellen ist sicherlich niedlich und politisch korrekt - allerdings auch katastrophal falsch.

    "Unterdrückte, verleugnete, vergessene Religiosität hat die Tendenz, mit Macht wiederzukehren."

    Das mag sein (obwohl die Geschichte der DDR hier zumindest Zweifel zulässt). Aber seit wann ist das Nicht-Aufhängen von Kruzifixen Unterdrückung von Religiösität? Ist es wirklich im Sinne der Gesellschaft, Glauben durch falschverstandene Toleranz, durch Steuerbegünstigung, staatlich finanzierte Lehre in staatlichen Lehranstalten zu fördern? Ist es nicht vielmehr Aufgabe, Wissenschaft und Philosophie sowie deren Lehre zu fördern? Denken und kritischen Diskurs statt blinde Akzeptanz und Toleranz?

    "Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit."

    m.E. völlig falsch. Die vernünftige Haltung ist jene der Vernunft. Und damit kein verschwurbeltes "nicht unkritisch" (was ist denn das bitte?) zur Religion. Sondern ein klares Bekenntnis zur Wissenschaft, zur Philosophie, zur Neutralität, zur Begründbarkeit, zur Aufklärung. Zur Neuzeit.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ihren AUsführungen kann man nur zustimmen und was meint wohl der "religionsfreundliche" Textverfasser, wenn er von den Ungläubigen schreibt, die es in "einer militanten Spielart gibt". Den Beweis hätte ich gerne gesehen!

    Ihren AUsführungen kann man nur zustimmen und was meint wohl der "religionsfreundliche" Textverfasser, wenn er von den Ungläubigen schreibt, die es in "einer militanten Spielart gibt". Den Beweis hätte ich gerne gesehen!

  5. Der geistreiche Artikel von Jan Ross erregt bei mir Widerspruch, aber auch Zustimmung.

    "Es war billig und unfair, sich über eine junge Politikerin aufzuregen, die in diesem unaufgeräumten, vollgestellten ideologischen Porzellanladen ein paar Schüsseln vom Regal gestoßen hat. Experimente, auch missglückte, gehören zum Suchprozess ..."

    Hier stimme ich zu. Wenn man aus Angst, anzuecken, ins Fettnäpfchen zu treten oder etwas zu schüren, Probleme verschweigt wie Abergläubische, die meinen, wenn man den Namen des Teufels ausspricht, beschwört man ihn herbei, gewinnt man keine neuen Erkenntnisse.

    "Sie ist es deshalb nicht, weil sie einem falschen Ordnungs- und Klarheitsbedürfnis entspringt, einem religionspolitischen Sauberkeitswahn. Die Versuchung, im Glaubenschaos der Gegenwart auf den Tisch zu hauen und Tabula rasa zu machen ..." - Stimmt auch! Sauberkeitswahn - eine treffende Formulierung! - steht in der Psychoanalyse für Verdrängen: Das, wovor man Angst hat, wird zum Schmutz erklärt und beseitigt, wodurch es aber nicht seiner Macht beraubt ist, sondern auf anderen Wegen wirkt.

    "Und ein schönes Symbol für das Betreten eines Neulands, in dem uns noch viele Abenteuer begegnen werden, aber vor dem wir keine Angst haben müssen." - Hier widerspreche ich, Abenteuer heißt nicht umsonst im Lateinischen periculum. Wäre es nicht gefährlich, wäre es kein Abenteuer. Aber wer Abenteuer fürchtet, soll sich irgendwo verkriechen! Das Leben hat nun mal Risiken.

  6. Der Autor spricht viele wahre Dinge an angefangen vom Laizismuswahn bis hin zur radikalen Religionsfeindschaft.Er gibt auch einen Hinweis darauf wohin sich Deutschland in Zukunft entwickeln wird ob man es will oder nicht.

    "Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit"

    Das ist mit gesunden Menschenverstand wahrscheinlich wirklich der beste Ansatz.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 28.04.2010 um 15:53 Uhr

    Und genau so vernünftig ist eine allgemeine aufgeklärte tolerante und nicht unkritische Haltung gegenüber dem Nicht- oder Andersgläubigen.

    Daran müssen alle arbeiten, allen Instrumentalisierungsversuchen derer, denen ein freies Geistesleben nicht passt, zum Trotze.

    "Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit."

    Sie stimmen dieser Aussage zu. Ich habe mal nachgeschlagen, was das Neue Testament zu diesem "verschwurbeltes 'nicht unkritisch' (beitrag 6) meint. Dort heißt es:

    "Ach, daß du kalt oder warm wärest! aber, weil du lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde."

    Ich meine, das wäre eine gute Überschrift für den ganzen Artikel des Herrn Ross. Ich möchte ihm zurufen: Nur Mut Freund, eine selbstbewusste und -kritische, tolerante Demokratie mit dem Mut zur offenen Auseinandersetzung hält eine ganze Menge von Religion aus.
    Wer meint, derlei Krücken zu brauchen, dem seien sie gegönnt - so lange er damit anderen nicht auf den Kopf haut.

    Diese Gefahr besteht allerdings jederzeit und überall, dessen sollte sich auch der "tolerante, nicht unkritische, Religionsfreund" bewusst sein.

    "Der Übergang in die multireligiöse Gesellschaft kann sich gar nicht anders als unter heftigem Rumpeln vollziehen. Nicht nur sind neue Spieler hinzugekommen wie die Muslime –"

    Hinzugekommen oder hereingedrängt? Und ist Herr Ross hier Gott der Herr, daß er Kraft seiner Wassersuppe beschließen darf, mal eben Deutschland als Teil des christlich-abendländischen Kulturkreises zur multireligiösen Gesellschaft zu schlagen?

    "und eine zunehmend akzeptierte radikale Religionsfeindschaft, die in jedem Glauben bloß noch Aberglauben sieht (nach der Devise: Papst Benedikt XVI. gehört als Chef einer Kinderschänder-Bande vor Gericht)."

    Allerdings gibt es inzwischen besonders von der linken Seite einen aggressiven Atheismus, der mit dem gestörten Verhältnis zur eigenen Kultur und Nation korreliert.

    "Auch die Frontlinien im weltanschaulichen Streit verlaufen inzwischen kreuz und quer. Natürlich kann man, »konservativ«, dem Islam misstrauen, weil man um das christliche Abendland fürchtet. Aber es sind auch, ebenso »konservativ«, christlich-muslimische Bündnisse im Zeichen von Sitte und Anstand, Moral und Familie vorstellbar. Der CSU-Mann Peter Gauweiler hat dafür ein Beispiel gegeben, als er erklärte, Kopftuchmädchen seien ihm lieber als Arschgeweih-Mädchen. Und »linke« Islamkritiker (die Religion für das Opium des Volkes halten) stehen gegen »linke« Islamfreunde (deren Herz für Ausländer und fremde Kulturen schlägt)."

    Das ist bester kulturrelativistischer Vernebelungs-Wischiwaschi.

    "Der Autor spricht viele wahre Dinge an angefangen vom Laizismuswahn bis hin zur radikalen Religionsfeindschaft."

    Ersteres ist in der Türkei und nicht auf einheimischen Boden gewachsen. Letzteres wird vor allem von der Linken betrieben und der hiesigen Gutmenschfraktion betrieben, der es mit der Abschaffung der einheimischen (deutschen) Kultur nicht schnell genug gehen kann.

    "Er gibt auch einen Hinweis darauf wohin sich Deutschland in Zukunft entwickeln wird ob man es will oder nicht."

    Ob man es will oder nicht: Mit anderen Worten, ob die Deutschen das so wollen oder nicht? Besser hätte man die Demokratiefeindlichkeit der Multikultifraktion nicht beschreiben können. Ist Demokratie nun eine Herrschaft des Volkes oder der einer selbsternannten Elite in Politik und Medien, welche nicht den Willen des Volkes vertreten, sondern gegen es regieren und ihm mit aller Macht eine Ideologie aufzuwingen? Wo sind wir eigentlich 20 Jahre nach Untergang der DDR gelandet?

    " "Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit"

    Das ist mit gesunden Menschenverstand wahrscheinlich wirklich der beste Ansatz."

    Das ist eine Aufzählung von vollkommen unverbindlichen Tugendattributen, die in vollkommener Ausblendung der realen Verhältnisse im Elfenbeinturm einer multikulturellen Ideologie erfolgt. Das ist entweder Naivität oder bewußte Verschleierung. Aber auch ersteres ist keine Entschuldigung. Dummheit schützt vor Strafte nicht.

    • TDU
    • 28.04.2010 um 15:53 Uhr

    Und genau so vernünftig ist eine allgemeine aufgeklärte tolerante und nicht unkritische Haltung gegenüber dem Nicht- oder Andersgläubigen.

    Daran müssen alle arbeiten, allen Instrumentalisierungsversuchen derer, denen ein freies Geistesleben nicht passt, zum Trotze.

    "Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit."

    Sie stimmen dieser Aussage zu. Ich habe mal nachgeschlagen, was das Neue Testament zu diesem "verschwurbeltes 'nicht unkritisch' (beitrag 6) meint. Dort heißt es:

    "Ach, daß du kalt oder warm wärest! aber, weil du lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde."

    Ich meine, das wäre eine gute Überschrift für den ganzen Artikel des Herrn Ross. Ich möchte ihm zurufen: Nur Mut Freund, eine selbstbewusste und -kritische, tolerante Demokratie mit dem Mut zur offenen Auseinandersetzung hält eine ganze Menge von Religion aus.
    Wer meint, derlei Krücken zu brauchen, dem seien sie gegönnt - so lange er damit anderen nicht auf den Kopf haut.

    Diese Gefahr besteht allerdings jederzeit und überall, dessen sollte sich auch der "tolerante, nicht unkritische, Religionsfreund" bewusst sein.

    "Der Übergang in die multireligiöse Gesellschaft kann sich gar nicht anders als unter heftigem Rumpeln vollziehen. Nicht nur sind neue Spieler hinzugekommen wie die Muslime –"

    Hinzugekommen oder hereingedrängt? Und ist Herr Ross hier Gott der Herr, daß er Kraft seiner Wassersuppe beschließen darf, mal eben Deutschland als Teil des christlich-abendländischen Kulturkreises zur multireligiösen Gesellschaft zu schlagen?

    "und eine zunehmend akzeptierte radikale Religionsfeindschaft, die in jedem Glauben bloß noch Aberglauben sieht (nach der Devise: Papst Benedikt XVI. gehört als Chef einer Kinderschänder-Bande vor Gericht)."

    Allerdings gibt es inzwischen besonders von der linken Seite einen aggressiven Atheismus, der mit dem gestörten Verhältnis zur eigenen Kultur und Nation korreliert.

    "Auch die Frontlinien im weltanschaulichen Streit verlaufen inzwischen kreuz und quer. Natürlich kann man, »konservativ«, dem Islam misstrauen, weil man um das christliche Abendland fürchtet. Aber es sind auch, ebenso »konservativ«, christlich-muslimische Bündnisse im Zeichen von Sitte und Anstand, Moral und Familie vorstellbar. Der CSU-Mann Peter Gauweiler hat dafür ein Beispiel gegeben, als er erklärte, Kopftuchmädchen seien ihm lieber als Arschgeweih-Mädchen. Und »linke« Islamkritiker (die Religion für das Opium des Volkes halten) stehen gegen »linke« Islamfreunde (deren Herz für Ausländer und fremde Kulturen schlägt)."

    Das ist bester kulturrelativistischer Vernebelungs-Wischiwaschi.

    "Der Autor spricht viele wahre Dinge an angefangen vom Laizismuswahn bis hin zur radikalen Religionsfeindschaft."

    Ersteres ist in der Türkei und nicht auf einheimischen Boden gewachsen. Letzteres wird vor allem von der Linken betrieben und der hiesigen Gutmenschfraktion betrieben, der es mit der Abschaffung der einheimischen (deutschen) Kultur nicht schnell genug gehen kann.

    "Er gibt auch einen Hinweis darauf wohin sich Deutschland in Zukunft entwickeln wird ob man es will oder nicht."

    Ob man es will oder nicht: Mit anderen Worten, ob die Deutschen das so wollen oder nicht? Besser hätte man die Demokratiefeindlichkeit der Multikultifraktion nicht beschreiben können. Ist Demokratie nun eine Herrschaft des Volkes oder der einer selbsternannten Elite in Politik und Medien, welche nicht den Willen des Volkes vertreten, sondern gegen es regieren und ihm mit aller Macht eine Ideologie aufzuwingen? Wo sind wir eigentlich 20 Jahre nach Untergang der DDR gelandet?

    " "Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit"

    Das ist mit gesunden Menschenverstand wahrscheinlich wirklich der beste Ansatz."

    Das ist eine Aufzählung von vollkommen unverbindlichen Tugendattributen, die in vollkommener Ausblendung der realen Verhältnisse im Elfenbeinturm einer multikulturellen Ideologie erfolgt. Das ist entweder Naivität oder bewußte Verschleierung. Aber auch ersteres ist keine Entschuldigung. Dummheit schützt vor Strafte nicht.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service