Andreas Gursky aus Düsseldorf ist einer der weltweit erfolgreichsten Fotografen und Künstler. Seine neuen Bilder zeigt der 55-Jährige vom 1. Mai bis zum 19. Juni in der Galerie Sprüth-Magers in Berlin © Tom Lemke

Atelierbesuch in Düsseldorf-Oberkassel bei Andreas Gursky , 55, einem der weltweit wichtigsten zeitgenössischen Fotografen. Es ist der erste sonnige Tag des Frühjahrs. Schon der Eingang sieht aus wie ein echter Gursky: kein Name, kein Schild, kein Hinweis auf irgendetwas, nur eine Klingel, zwei Türen, alles reduziert auf das Wesentliche, wie in seiner Kunst. Auch die riesige Wohnküche, in der das Gespräch stattfindet, hat den Gursky-Look: Die Wände kahl, Bildbände sind fein säuberlich übereinandergeschichtet, der Stapel mit den Tageszeitungen am einen Ende des langen Tischs wirkt wie mit einem Lineal gezogen gerade. Gursky setzt sich an das andere Ende, Jeans, Hemd, kurze schwarze Haare, ein paar graue Strähnen. Schwarze Lederstiefel.

Erster Gedanke: Ausgerechnet der Mann, der das Monumentale liebt und die Perspektive von oben, ist ziemlich klein. »1,73 Meter, stimmt, nicht gerade groß«, sagt er. Glaubt er, dass es da einen Zusammenhang gibt? »Ach, Sie meinen, weil ich so klein bin?« Er schmunzelt, er will nicht widersprechen.

Andreas Gursky schaut durch die großen Fensterscheiben nach hinten in seinen Garten. Zwei Männer mit Motorsägen sind dort zu sehen. Er hat sie bestellt, sie sind mit einem Lkw und einem Kran angerückt. Denn eine Pappel stört. »Als ich hier vor 30 Jahren eingezogen bin, war sie vielleicht zwei Meter groß, aber schauen Sie mal, wie groß sie jetzt ist! Das macht ganz schön viel Dreck.«

Ein Blick in Gurskys Garten: kurz geschnittener, sehr gepflegter grüner Rasen, dahinter die Baumreihe, von Dreck ist nicht viel zu erkennen, alles hat seine Ordnung. Nur diese eine Pappel überragt die anderen Bäume. Wäre der Garten ein Foto von Andreas Gursky, könnte er sie am Computer einfach mit ein paar Mausklicks löschen. So aber müssen Gartenarbeiter ran. Von oben nach unten wollen sie den Baum Stück für Stück absägen.

Andreas Gursky wendet seinen Blick ab von den Männern draußen. Es soll ja nicht um Gartenarbeiten gehen, sondern um seine neuen Bilder. Er verdankt sie einer Reise nach Australien, die er gar nicht machen wollte. Die vielen langen Flüge in den letzten Jahren gehen ihm auf die Nerven, »ich versuche, diese Reiserei so weit wie möglich zu reduzieren«. Aber es war nun einmal seine Ausstellung, die dort gezeigt wurde, deshalb musste er hinfahren, und so machte er sich im November 2008 auf den langen Weg nach Melbourne. »Im Nachhinein bin ich natürlich froh«, sagt er heute. Während des Nachtflugs hatte er gelangweilt den Monitor betrachtet, der die aktuelle Position des Flugzeugs anzeigt. Jeder Fluggast kennt das: ein weißes Flugzeug, Landmassen und bei langen Flügen ein unendlich groß erscheinendes Meer in tiefem, dunklem Blau.

Das brachte ihn auf eine Idee.

Im Foyer zeigt Andreas Gursky eines seiner sieben neuen Werke. Es misst 3,50 mal 2,50 Meter und hängt an einer Wand. Helles Sonnenlicht fällt durch die Glaskuppel auf ein fast unendlich groß erscheinendes Meer in tiefem, dunklem Blau. Die Kontinente spielen nur eine Nebenrolle. Der Künstler zeigt begeistert auf die Schattierungen der Meeresfarbe, »sehen Sie die Untiefen?«

Aus der Beobachtung im Flugzeug ist eine Serie geworden. Er hat den Weltmeeren Nummern gegeben: Der Indische Ozean ist »Ocean I«, der Atlantik ist »Ocean II« und »Ocean VI«, der Pazifik »Ocean III« und »Ocean V«, das Südpolarmeer »Ocean IV«. Dazu die Antarktis. Draufsichten aus dem All. Zum ersten Mal arbeitet der Fotograf nicht mit eigenen Bildern, als Vorlage haben ihm Satellitenaufnahmen gedient. Gursky interpretiert Google Earth.