Ende März, ein Freitagvormittag. Es ist kurz nach neun, und im ehemaligen Preußischen Herrenhaus, nur ein paar Minuten vom Bundestag entfernt, beginnt eines der rätselhaftesten Rituale, eine der staunenswertesten Aufführungen der deutschen Politik. Es beginnt die 868. Sitzung des Bundesrats.

In der Eingangshalle haben die Fernsehteams zwischen zwei hohen Säulenpaaren ihre Kameras aufgebaut. Draußen öffnen die Pförtner die beiden schmiedeeisernen Tore. Eine schwarze Limousine fährt vor, die Tür geht auf, die Krawatte sitzt. Der Dienstälteste kommt als Erster. Kurt Beck war einmal Vorsitzender der SPD, eine kurze, unglückliche Zeit. Geblieben ist er, was er seit 1994 war, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Der Bundesrat, das ist bis heute seine Berliner Bühne.

Beck hält kurz und wirft den Fernsehleuten ein paar Sätze hin. Dann schreitet er die Treppen hinauf. Nun hält ein silberner BMW mit Münchner Kennzeichen. Kaum hat sich Horst Seehofer aus dem Fond geschält, streckt ihm der Kollege aus Kiel, Peter Harry Carstensen, seine mächtige Pranke entgegen. Hinter ihrem Rücken eilt Klaus Wowereit die Treppen hinauf.

Aufmarschiert und aus den Hauptstädten der Länder angereist sind zwölf Ministerpräsidenten, drei Bürgermeister, eine Ministerpräsidentin, zahlreiche Minister und zahllose Helfer. Eine bunte Versammlung, ein etwas unübersichtliches und doch sorgsam choreografiertes Get-together von Wichtigen, die sich hier in der Regel alle drei Wochen treffen, um die Angelegenheiten des Landes zu besprechen, gerade so, wie es die Kurfürsten und Vertreter der Reichsstädte vor mehr als fünfhundert Jahren das erste Mal taten.

Keine andere Institution reicht so weit zurück in die deutsche Geschichte. Zurück in die Zeit des Alten Reiches, als die großen und kleinen Fürsten mit dem Kaiser um die Frage rangen, wie viel Zentralgewalt dieses Reich nötig habe. Zurück zu Otto von Bismarck, der 1871 eine Länderkammer – den »Bundesrat« – erdachte, um die verbliebenen Fürsten auf den neu gegründeten Nationalstaat zu verpflichten. Und zurück in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Alliierten im Westen erst die Länder neu erschufen, bevor diese sich in einem Staat zusammenrauften. Vom »Verfassungserbgut« hat der Politologe Theodor Eschenburg gesprochen und hinzugefügt, dieser Bundesrat, das sei schon eine »sonderbare Institution«.

Nun ist die Geschichte das eine. Sie mag erklären, warum Kurt Beck, Horst Seehofer und Stefan Mappus an diesem Freitagvormittag auch über den Bundeshaushalt abstimmen oder demnächst die Finanzhilfen für Griechenland beraten. Etwas anderes ist die Frage, ob es sinnvoll ist, dass die Länder bei allen wichtigen Entscheidungen – jedenfalls bei allen, die Geld kosten – mitreden. Und ob die Spielregeln, die die Verfassungsmütter und -väter 1949 für den Bundesrat erdacht haben, noch taugen in einer Zeit, in der sich die Parteienlandschaft dramatisch verändert hat und in den Ländern immer buntere Koalitionen regieren.

Wie viel Föderalismus verträgt das Land? Und wie gut funktioniert der Bundesrat noch? Mit der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen werden diese Fragen dringlich. Denn die Wähler dort entscheiden nicht allein über eine neue Landesregierung. Sie bestimmen auch, wie in Berlin weiterregiert wird. Ohne die sechs Stimmen aus Düsseldorf würden Union und FDP ihre Mehrheit im Bundesrat verlieren – eine Mehrheit, die die Regierung für ihre großen Projekte, seien es Steuersenkungen, die Gesundheitsreform oder eine neue Atompolitik, dringend braucht. 

Der Bundesrat – wer ist das überhaupt? Das Büro von Claus Koggel liegt im ersten Stock, oberhalb des Plenarsaals. Der Ministerialrat ist einer von knapp zweihundert Mitarbeitern der Bundesratsverwaltung, er leitet das Büro des Rechtsausschusses. Ein drahtiger, sehr sachlich wirkender Mann, der kurz und präzise Auskunft gibt. Freitags, wenn die Ministerpräsidenten tagen, sitzt er an der Stirnseite des Plenarsaals, rechts neben dem Rednerpult. Die meiste Arbeit liegt dann bereits hinter ihm. Claus Koggel hört zu. Es fasziniere ihn, sagt er, »mitten in der Politik zu sein, ohne selbst Politik zu machen«.