Etwas gebückt, aber energischen Schrittes betritt Max Mannheimer den schlichten Veranstaltungssaal der evangelischen Lukas-Schule in München-Laim. Bevor er sich setzt, zeichnet er mit Kreide Stationen seines Leidenswegs durch die Hölle der Nazilager an die Tafel: Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Warschau, Dachau. Und, ganz links unten, seine Geburtsstadt: Neutitschein in Nordmähren. Dann beginnt er zu erzählen. Die Schüler, die vor ihm auf dem Boden sitzen, hören gebannt zu. Dass der Mann mit dem weißen Haarkranz gerade 90 Jahre alt wurde, merkt man ihm nicht an. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen, die er bei den Vorträgen in Schulen gemacht hat.

Die ZEIT: Herr Mannheimer, wissen Sie eigentlich, wie vielen Schülerinnen und Schülern Sie schon von Ihren Erfahrungen in den NS-Konzentrationslagern erzählt haben?

Max Mannheimer: Das mache ich ja jetzt seit fast einem Vierteljahrhundert. Ich habe zu Hause noch alle Kalender mit den Terminen. Aber nachgezählt hab ich es nicht. Es müssen Tausende sein. Und nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, England, Griechenland. Zum Glück spreche ich mehrere Sprachen.

ZEIT: Warum können Sie etwas aussprechen, worüber die meisten anderen Überlebenden des Holocaust nur schweigen können?

Mannheimer: Im April 1964 verlor ich meine zweite Frau. Sie litt an Krebs. Im Dezember 1964 musste ich selbst wegen einer Geschwulst am Kiefer operiert werden und fragte den Arzt, wie die histologische Untersuchung ausgefallen sei. Er sagte, dass es sich nicht um eine bösartige Erkrankung handele, und versprach mir, den Befund aus seiner Stadtpraxis mitzubringen. Das vergaß er aber dreimal, bis ich nicht mehr danach fragte. Ich glaube, er wollte mir verschweigen, dass es doch ein Karzinom war – eine barmherzige Lüge. Ich nahm also an, dass ich wohl bald sterben müsse, und beschloss, all die Dinge, die ich erlebt hatte, für meine damals 17-jährige Tochter aufzuschreiben.

ZEIT: Daraus wurde dann Ihr Spätes Tagebuch, ein Bestseller.

Mannheimer: Ich hatte nie an eine Publikation gedacht, sondern das Typoskript an das Archiv von Jad Vaschem geschickt. 1985 bat man mich, meine »Erinnerungen« in der ersten Ausgabe der Dachauer Hefte zu veröffentlichen. Daraufhin wurde ich zu Vorträgen eingeladen. Das Späte Tagebuch kam im Jahr 2000 heraus. Mittlerweile ist die zwölfte Auflage auf dem Markt.

ZEIT: Wie schwer fiel es Ihnen, das Grauen in Worte zu fassen?

Mannheimer: Anfangs hatte ich schwere Depressionen, wenn ich all das Furchtbare aus meinem Gedächtnis hervorkramte. Ohne Tabletten ging das nicht. Manches musste ich auch weglassen, etwa die Geschichte meines Bruders Ernst, der nach fünf Wochen in Auschwitz ins Gas geschickt wurde. Das war sehr schwer für mich. Ich bin eben sehr emotional, keine Pauke, sondern eine Harfe, wie ich immer sage. Erstaunlicherweise hat mich das Lager nicht härter gemacht. 

ZEIT: Viele Überlebende des Holocaust hatten nach dem Krieg Schuldgefühle, dass sie überlebt hatten, ihre nächsten Verwandten aber ermordet wurden. Wie erging es Ihnen in dieser Hinsicht?

Mannheimer: Viele haben sich deswegen sogar das Leben genommen, etwa die Schriftsteller Paul Celan und Primo Levi. Mein Fall lag anders, weil ich in Auschwitz ja noch meinen Bruder Edgar hatte, der auch überlebte. Ich habe durch das Erzählen gelernt, mit meiner Vergangenheit umzugehen. Das war wie eine Therapie.