Die Odenwaldschule wollte in diesen Tagen an ihr hundertjähriges Bestehen erinnern. Doch zunächst einmal ist der Vorstand der Schule wegen der Missbrauchsaffäre zurückgetreten. Am kommenden Wochenende will die Schule Schloss Salem ihr neunzigjähriges Bestehen feiern. Doch am vorletzten Wochenende ist erst einmal der Vorstand des Internatsvereins zurückgetreten, der die Schule am Bodensee trägt: weil er eine Person zur neuen Leiterin der Schule bestellen wollte, mit der er niemanden außer sich selbst zu überzeugen vermochte.

Außer dieser momentanen »Kopflosigkeit« hat Salem jedoch mit der Odenwaldschule als Typus wenig gemein. Gerade auf dem Hintergrund der gegenwärtigen Internatsaffären lohnt es sich, den Ausgangspunkt zu markieren, an dem sich Salem von vielen anderen Internaten unterscheidet. Die Geschichte dieser »Eliteschule« – was heißt hier übrigens im Ernst Elite? – könnte ansonsten nicht nur als Erfolgs-, sondern auch als Krisen-, in wesentlichen Phasen sogar als reine Überlebensgeschichte geschrieben werden: Anfang der siebziger Jahre eine drohende Insolvenz, Mitte der achtziger Jahre ein erbitterter Streit mit dem Markgrafen Max von Baden, der eine »reaktionäre« Gegengründung erwog. Wechsel in der Schulleitung waren fast immer Krisenzeiten – und selbst die über dreißigjährige Regentschaft von Bernhard Bueb, von 1974 bis 2005, hatte nicht so heroisch angefangen, wie sie dann endete; seine Nachfolge ist bis heute, das ist der Hintergrund des jüngsten Eklats, nicht endgültig geregelt worden – was hat die Schule ein Glück mit dem nun erneut verlängerten Interim unter Eva-Maria Haberfellner! Von den Schwankungen des Zeitgeistes und der pädagogischen Moden gar nicht erst zu reden, denen gegenüber die Erfahrungs- und Erlebnispädagogik Kurt Hahns trotz vieler möglichen Einwände geradezu zeitlos modern wirkt.

Seine Idee eines »Klosters auf Zeit« musste Schulleiter Bueb aufgeben

Aber all diese Krisen gingen nie an die Gründungslogik dieser Schule. Wobei man auch hinzufügen muss, dass Salem das »Dritte Reich« keineswegs unangefochten, ja in Wirklichkeit überhaupt nicht überlebte. Die Schule durchlief vielmehr nach 1933 zunächst einen mühseligen Abwehr- und dann einen immerhin verzögerten Anpassungsprozess an die neuen Machtverhältnisse (die Alternative wäre allein ihre Selbstauflösung gewesen), bis sie schließlich im Jahr 1941 dem NS-Regime, später gar der SS unterstellt und im Juli 1945 ganz aufgelöst wurde; erst im November 1945 begann sie aufs Neue. Sodass man heute sagen kann: Salem wurde vor neunzig Jahren gegründet. Doch wirklich in ihrem Geiste bestanden hat die Schule bisher gut achtzig Jahre.

Die Sonderstellung Salems hat auch, aber nur zum Teil damit zu tun, dass es eine besonders teure Schule ist. Dafür zahlt Salem einen hohen pädagogischen Preis. Stipendien und Freiplätze in allen Ehren: Wenn ein großer Anteil der Schüler aus wirklich wohlhabenden Elternhäusern kommt, tut sich ein Widerspruch auf zwischen der fast notwendigerweise asketischen Idee eines Internats (asketisch schon deshalb, um eine gewisse Egalität aller Schüler mindestens zu konstruieren) einerseits und der affluenten Welt des Elternhauses andererseits. Jugendliche können ihre Schulwelt leicht als Simulation empfinden. Bernhard Bueb berichtete einmal von einem Vater, der sich beschwerte, er zahle doch nicht mehrere Tausend Mark im Monat, nur damit seine Tochter beim Abwaschen helfen müsse. Seine Idee eines »Klosters auf Zeit« musste Bueb angesichts dieser strukturellen Gegebenheiten ohnehin bald aufgeben.

Umso wichtiger der Rückblick auf die nach wie vor prägenden Anfänge! Die meisten der zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründeten Landerziehungsheime waren Initiativen gegen das »Establishment« gewesen. Aus der Erinnerung ragen Gestalten hervor, die man heute als »schräge Typen« bezeichnen würde: Da war der bekennende und ausübende Päderast (und Antisemit dazu) Gustav Wyneken, da war der Antisemit und Nationalist, ja: Chauvinist Hermann Lietz, da war der »selbsternannte pädagogische Seher« (so Jürgen Oelkers) Paul Geheeb, der die Odenwaldschule gegründet hatte.

Ganz anders Salem! Prinz Max von Baden, der letzte Reichskanzler des 1918 untergegangenen Kaiserreiches, als Schulstifter und sein vormaliger politischer Mitarbeiter Kurt Hahn als Schulgründer repräsentierten das Establishment, freilich jenen Teil, der sich seines Scheiterns wohlbewusst gewesen war. Als sie 1920 die zunächst ganz bescheidene Schule eröffneten, stimmten sie darin überein: Das Kaiserreich war auch daran gescheitert, dass ihm eine bürgerliche und zur politischen Verantwortung befugte und auch befähigte Elite fehlte. Salem ist nie eine Eliteschule geworden wie in England Eton, Harrow oder Winchester, mit Weiterleitung der künftigen Spitzenkader nach Oxford oder Cambridge. Spötter sagen übrigens, Max von Baden habe seinen später für die Schule segensreichen Sohn Berthold nur nicht auf eine gewöhnliche öffentliche Schule schicken wollen. Und der 1999 verstorbene, durch seine erzwungene Emigration zum Amerikaner gewordene Historiker George L. Mosse, Nachkomme der großen Berliner Verlegerfamilie, erzählte einmal privatim und nicht ohne Ironie, im Salem der Gründungszeit hätten sich reiche jüdische und verarmte adlige Familien getroffen, die einen brachten das Geld, die anderen das gesellschaftliche Prestige mit (Die jüdischen Schüler wurden nach 1933, wie auch Hahn selber, wieder aus der Schule gedrängt.) Alle drei Erzählungen enthalten zusammenpassende Elemente einer komplizierten Wahrheit.

Eine große Familie? Der Gründer verabscheute Distanzlosigkeit

Gewiss aber war mit Kurt Hahn aus jüdischer Familie weder Antisemitismus noch Teutonismus zu machen und mit Max von Baden, Spross einer der damals eher »liberalen« Dynastien, weder Reaktion noch Chauvinismus. Außerdem war Hahn, der seine Homosexualität zeitlebens – so Golo Mann – mit einer »unvorstellbaren Anstrengung des Willens in sich selber erstickt hatte«, für sexuelle Spielereien, für sogenannten pädagogischen Eros und Grenzüberschreitungen nicht zu haben. »Kleberei« nannte er die von ihm verabscheute Distanzlosigkeit.