Wer konnte damals schon ahnen, dass Hung Ba Le seine Heimat je wiedersehen würde? Sich gar ausmalen, wie er mit schneeweißer Uniform in einem Schiff mit vielen Kanonen zurückkehrte? Frei von Rache, mit Blumen begrüßt. Unvorstellbar war das am 30. April vor 35 Jahren – an jenem Mittwoch, da Saigon an die kommunistische Vietcong-Guerilla fiel. Und die Odyssee des kleinen Südvietnamesen Hung Ba Le begann.

»Mutter erwartet deine Ankunft! Mutter erwartet deine Ankunft!«, hatte der Radiosender der US-Botschaft damals am Vortag pausenlos gemeldet. Damit wurde allen Amerikanern das vereinbarte Signal zur Evakuierung gegeben. Mit ihnen flogen die Repräsentanten des von ihnen gestützten Marionettenregimes in Hubschraubern auf die Flugzeugträger vor der Küste: Südvietnams Prominente, fast die gesamte Armeespitze, Generäle mit Koffern voller Goldbarren. Die amerikanische Intervention, deren Anfänge in die Tage des französischen Indochinakriegs drei Jahrzehnte zuvor zurückreichten, endete in panischer Auflösung.

Verzweifelte Saigoner drängten gegen die hohe Mauer um die US-Botschaft. Von deren Dach hob um vier Uhr früh an jenem 30. April der Helikopter mit Botschafter Graham Martin ab. Die Menge drückte die Eisentore ein, versuchte vergeblich, den letzten Hubschrauber der Botschaft zu erreichen, und setzte das Gebäude in Brand. Durch die Straßen schleppten Zivilisten und Polizisten, was sie plündern konnten. Die letzten Soldaten des Regimes warfen ihre Waffen, Uniformen oder Schnürstiefel weg und liefen in Unterhosen und barfuß davon. Um elf Uhr rollten die Panzer des Vietcongs zu dem von Amerikanern erbauten Präsidentenpalast. Die Sieger hissten ihre blau-rote Fahne mit dem gelben Stern.

Am selben Tag stach ein Fischtrawler von Südvietnams Küste in die offene See. 400 Flüchtlinge machten ihn zu einer schwankenden Nussschale. Mit an Bord war der fünfjährige Junge Hung Ba Le. Sein Vater, ein Marineoffizier des alten Regimes, steuerte die Arche. Ein US-Schiff rettete die Menschen und brachte sie zu einem Stützpunkt auf den Philippinen. Über Flüchtlingslager in Kalifornien fand der Treck am Ende seine neue Welt in Virginia. Und Hung Ba Le eine Schule.

Heute ist er 40 Jahre alt und vor Kurzem zum ersten Mal im kommunistischen Vietnam gewesen. Nicht mit einer Touristengruppe, sondern zu einem Flottenbesuch. Als Kapitän des Kriegsschiffes USS Lassen von der 7. US-Flotte. Der vom einstigen Flüchtlingskind kommandierte Zerstörer hat Tomahawk-Raketen und 300 Mann Besatzung an Bord. Commander Le ging im Hafen von Da Nang an Land, gut 100 Kilometer südlich der Küstenstadt Hue, in der er aufwuchs.

Seine US-Auszeichnungen vor der Brust, grüßte der Kommandant in holprigem Vietnamesisch: »Ich bin stolz, ein Amerikaner zu sein, aber ebenso stolz auf mein vietnamesisches Erbe.« Einen wie Le würden beide Länder am liebsten klonen. Vietnam drängt mit einem von der Parteiideologie ungestörten Pragmatismus in die Weltwirtschaft. Die USA sollen der wichtigste Handelspartner werden. Die ferne Weltmacht wirft weniger Schatten als der Riese nebenan: China war nicht nur 1979 zu einer »Strafaktion« gegen den unbotmäßigen Vietcong in das Land eingedrungen, es gilt den Vietnamesen heute auch als Dumping-Drachen, der ihre Wirtschaft bedroht.

Wer konnte so etwas ahnen, als Hung Ba Les Odyssee begann? Und wer vermag sich heute vorzustellen, dass in 35 Jahren vielleicht ein afghanischstämmiger US-General in Kabul die dortigen Sieger trifft. Die, wer sie auch sein mögen, dann mit aller Macht auf den Weltmarkt streben. Undenkbar. In diesen Tagen.