Drei Menschen teilen sich einen Raum, der nicht größer ist als eine Besenkammer. Ein winziges Fenster, neben der Kochecke ein Klotopf ohne Deckel, nur durch eine Sichtblende abgetrennt, ohne Luftabzug. Im Sommer herrscht hier brütende Hitze, im Winter Eiseskälte. Das Gefängnis im nordfranzösischen Rouen, in dem diese Zelle liegt, heißt Bonne Nouvelle, Frohe Botschaft. Ein Gruß aus dem Land der Menschenrechte, der französischen Republik.

Und doch gibt es sie, die frohe Botschaft: Zwei Insassen im Gefängnis von Rouen haben vor Gericht wegen Verletzung ihrer Menschenwürde auf Schadensersatz geklagt und 3000 Euro zugesprochen bekommen. Die schlechte Botschaft: Das französische Justizministerium legte nach dem Urteil Berufung ein. Danach erneut eine frohe Botschaft: Die Kläger gewannen auch in der Berufungsinstanz. Nun wieder eine schlechte Botschaft: Die Verhältnisse in Rouen sind nicht anders als in vielen französischen Gefängnissen. Unerhörte Geschichten erzählen diese Anstalten, Geschichten, die von Unterdrückung handeln, von unsichtbaren Schicksalen und unerwünschten Wahrheiten. Finstere Geschichten aus dem Reich des Nicolas Sarkozy erzählen diese Knäste.

In Caen beginnt eine dieser Geschichten und in Argentan eine andere, beides Strafanstalten in der Normandie, in denen der ehemalige Reiseleiter Karl F. gelebt hat, sieben Jahre lang. Der Deutsche ist jetzt Mitte fünfzig, seit Kurzem ist er frei. Er hat ein Foto einer Frau aus Paris in seiner Jackentasche, ein Foto, mit dem seine Geschichte beginnt. Eine Liebesgeschichte, eine Geschichte vom Verhängnis. Zwei Männer und die schöne Gastwirtin. Alles endete im Suff und damit, dass Karl dem François das Schlachtermesser durch den Hals stieß. Das war 2002. Karl rief selbst die Polizei und bestritt auch vor Gericht die Tat nicht. Wohl aber die Tötungsabsicht, was ihm vorab zweieinhalb Jahre Untersuchungshaft im Knast von Caen eintrug.

Dort hocken U-Häftlinge und Verurteilte gemeinsam in den engen Zellen, zu zweit, zu dritt. »Die einen essen, die anderen koten, so ist das. Viele haben Verstopfung, weil sie sich schämen. Andere haben Durchfall wegen der Sauferei. Alkohol ist ja kein Problem: Brot, Früchte gären lassen und dann destillieren.« So schildert es Karl F. Manche gehen aus Angst vor Ansteckung nicht in die Duschräume. Andere gehen gern dorthin; immer warten da ein paar Männer, die sich für einen Joint oder einen Geldschein als Sexpartner verkaufen.

Selbst im Gefängnis hat der Mensch noch Entscheidungen zu treffen: Sex, Drogen, Leben oder Tod. Karl erzählt, wie einer seiner Mithäftlinge tot aufgefunden wurde; der Körper in Salzwasser getränkt, Stanniolpapier an den Hand- und Fußgelenken, Drahtverbindungen zum Glühlampenstecker. Nach seiner Verurteilung wurde Karl in das Strafzentrum von Argentan verlegt. Dort führte er sich gut, auch weil er um jeden Preis vermeiden wollte, in eine der Arrestzellen gesperrt zu werden. Er sagt: »Alles Beton, die Pritsche, der Tisch, der Schemel, alles. Da wirst du verrückt.«

Das französische Gefängnis ist ein Ort, an dem man besser keine Phobien haben sollte. Ratten laufen über die Flure. »Und wenn Leute aus dem Knast in Angers zu uns verlegt wurden«, sagt Karl, »haben wir immer ihre Kleidung eingesprüht, denn die war voller Kakerlaken.«

Das französische Gefängnis ist auch ein Ort, an dem Reporter nichts verloren haben. Wer als Journalist ein Gefängnis besuchen will und einen Antrag beim Justizministerium stellt, bekommt zunächst keine Antwort. Hat er Glück, darf er einen Knast besuchen, den das Ministerium ausgesucht hat. Dort dann aber auf keinen Fall Interviews ohne vorher eingereichte und genehmigte Fragen und kein freier Blick in die Zellen. Keine unzensierten Fotos. Parlamentarier wiederum hätten zwar das Recht, sich zu informieren – aber kaum einer nutzt die Gelegenheit, denn so gewinnt man keine Wähler. Allein der staatliche Kontrolleur der Gefängnisse sieht mehr. Aber längst nicht alles.

Deswegen braucht man Leute wie Karl F., um sich ein Bild zu machen – und Leute wie Céline Verzeletti, Beamtin im Frauenknast von Versailles und Vorsitzende einer Gewerkschaft, die sich für Gefängnisbeamte einsetzt. Sie sagt: »Das ist alles nicht mehr normal. In den Zellen Mülleimer ohne Deckel, an allen Wänden Pilze.«

Frankreichs Gefängnisse seien »die Schande der Republik«. Das sind die Worte des Staatspräsidenten Sarkozy. Das klingt, als habe er mit den Verhältnissen in den Knästen nichts zu tun. Auf unheimliche Weise haben sich die Zustände in den unzugänglichen Festungen eines Landes verfinstert, das sich als Hüter der europäischen Zivilisation versteht. Hätte die Europäische Union nicht Rumänien aufgenommen, dann wäre jetzt Frankreich der EU-Staat, der seine Gefangenen am schlechtesten behandelt. Das ist keine Vermutung, sondern es ergibt sich aus den Ermittlungen des Europarats.

In dieser Woche hat das Antifolterkomitee der Vereinten Nationen damit begonnen, die Verhältnisse in den Gefängnissen in acht Ländern zu bewerten, darunter Frankreich. Das Pariser Nachrichtenblatt L’Express schreibt von einem »hohen Risiko«, dass das Komitee ein Verdikt gegen Frankreich ausspricht. 

In französischen Gefängniszellen bringt sich jeden dritten Tag jemand um. Eine Quote, die zehnmal so hoch ist wie im französischen Landesdurchschnitt. Einwenden könnte man, dass die Gefangenen fast alle männlich und oft seelisch instabil sind – weshalb eine außergewöhnliche Quote zu erwarten ist. Aber warum ist sie dann fast doppelt so hoch wie diejenige in Deutschlands Gefängnissen? Schlimmer noch: Meist bringen sich Untersuchungshäftlinge um, die insgesamt bloß ein Viertel aller Gefangenen ausmachen. Und da ihr Anteil sinkt, die Selbstmordrate aber steigt, müssten Politiker eigentlich den Alarmknopf drücken: In Frankreich ist ein humanitärer Notstand ausgebrochen.