Die Fremden wollen wieder weg aus Südafrika, aber sie können nicht. Ihr Raumschiff ist defekt. Und so müssen sie im District 9 bleiben, in einem Slum am Rande der Megastadt Johannesburg, eine Million aliens, insektenhafte Wesen, die sich von Tierfutterkonserven ernähren. Als die wachsenden Spannungen zwischen Außerirdischen und Erdbewohnern die öffentliche Ordnung gefährden, fährt das Regime seinen Militärapparat auf, um die Gestrandeten in ein stadtfernes Ghetto zu deportieren. Diese Geschichte erzählt der Science-Fiction-Film District 9, und es ist kein Zufall, dass er in Südafrika produziert wurde. Der Regisseur Neill Blomkamp persifliert den Rassenwahn der Apartheid, der die Menschen nach Herkunft und Hautfarbe trennte, und er liefert ein Lehrstück über den Umgang mit unerwünschten Ausländern.

In Blikkiesdorp ist Blomkamps Fiktion Wirklichkeit geworden – 15 Jahre nach dem Ende der Apartheid. Das Flüchtlingslager am Rande des Flughafens von Kapstadt wurde so genannt, weil die silberfarbenen Blechwürfel, die als Notunterkünfte dienen, so schön in der Sonne blitzen. Sie sind in langen Fluchten wie in einem Heerlager aufgereiht. Kein Baum, kein Grün, staubige Wege, in den Containern unerträgliche Hitze. Mehr als 10.000 Menschen hausen hier, wie viele genau es sind, weiß niemand. Hier leben in der Mehrzahl Südafrikaner, farbige und schwarze Binnenvertriebene, schätzungsweise bis zu 80 Prozent ohne Job, bitterarm und oft geplagt von Aids und Kriminalität. Sie fühlen sich wie Fremde im eigenen Land und warten seit Jahren auf menschenwürdige Unterkünfte. Und mitten unter ihnen warten die aliens, Immigranten aus anderen Ländern Afrikas. Sie werden von den einheimischen Lagerbewohnern als Parasiten beschimpft und regelmäßig angegriffen.

»Ich habe nichts mehr zu verlieren. Nur noch mein Leben«, klagt Saafi Salat, eine Frau aus Mogadischu, geboren 1980, die vor neun Jahren vor dem Bürgerkrieg in Somalia nach Kapstadt floh. Sie eröffnete in einem Vorort einen Kiosk mit Brot, Mehl, Speiseöl und Konserven im Angebot. Nichts Großes, aber es reichte für den Lebensunterhalt. Ihr erster Laden wurde 2004 geplündert, der zweite 2005. Den dritten verlor sie 2008. Ein Stammkunde schlug sie mit einem Kopfstoß zu Boden und zündete ihre Hütte an. Jetzt haust sie mit ihrer Familie in einem engen Container und hat allen Lebensmut verloren. Der Mann ist schwer krank, die fünf Kinder haben nicht genug zu essen, gehen nicht zur Schule und schlafen auf der steinigen Erde. An den Wochenenden, wenn draußen Betrunkene umherziehen, liegen sie meist wach. Dann prasseln Steine gegen die Blechwände, und sie hören das Gegröle aus der Dunkelheit: »Haut ab! Geht heim nach Somalia!«

In Blikkiesdorp kann man die sozialen Verwerfungen in einer jungen, fragilen Nation studieren, die sich vor Überfremdung fürchtet und Angst einjagt.Suleika Farah trägt einen schwarzen Schleier, damit sie nicht als Somalierin erkannt wird. Die Religion ist übrigens kein Problem, am Kap leben viele Muslime. Dennoch folgen uns misstrauische Blicke, als wir die Frau vor dem Blechwürfel N 27 treffen, in der Lagersektion von Blikkiesdorp, wo elf somalische Familien abgekippt wurden wie Menschenmüll. Farah stampft gerade Wäsche in einer Plastikwanne, im Container schreit ihr Neugeborenes. Das achte Kind, ein Junge. Sie hat ihn Yaya getauft, nach dem ivorischen Fußballstar Yaya Touré vom FC Barcelona – ein Hoffnungsname im Gastland der WM 2010: »Ich danke Allah jeden Tag, dass ich noch am Leben bin.« Die Bedrohungen, die sie in N 27 erlebt, lassen sie um ihre Familie fürchten.

Südafrika ist, gemessen an seiner Einwohnerzahl von 47 Millionen Menschen, das derzeit größte Einwanderungsland der Erde. Von 850.000 Asylanträgen, die 2008 weltweit gestellt wurden, entfallen allein 200.000 auf die Kaprepublik – beinah ein Viertel. Vier Millionen Menschen sind seit dem Ende der Apartheid hierher geströmt, manche Schätzungen gehen von bis zu sechs Millionen aus. Das ist ungefähr so, als wären in Deutschland nach dem Fall der Mauer weit über zehn Millionen Menschen eingewandert.

Jahrelang hat die südafrikanische Regierung die Ursachen der Masseneinwanderung ignoriert und deren Folgen bagatellisiert. Sie unternahm nichts gegen die Selbstzerstörung des Nachbarlandes Simbabwe; allein vor dem Terrorregime des Präsidenten Mugabe sind etwa drei Millionen Menschen nach Südafrika geflohen. Die Nordgrenze des Landes ist löchrig, Zehntausende Migranten werden von Schlepperbanden eingeschleust. Illegale beschaffen sich bei bestechlichen Beamten die nötigen Papiere. Geburtsurkunde, temporäre Arbeitsgenehmigung, Personalausweis, alles ist käuflich.

Kapstadt, die am schnellsten wachsende Metropole Südafrikas, ist für die Einwanderer ein besonders attraktives Ziel, hier begegnen einem jeden Tag Menschen aus allen Regionen Afrikas. Tonkiso, der Autowäscher, stammt aus Malawi. Die Kellnerin Alcinda wanderte aus Mosambik ein. Der Maskenhändler Issa kommt aus dem Senegal. Der Parkplatzwächter Kisimba ist Kongolese. Chenjerai, der Steinschleudern, Badebürsten und Kochlöffel verkauft, wurde in Simbabwe geboren. Hunger, Not und Hoffnungslosigkeit haben die Zuwanderer hierher getrieben. Sie träumen von einem besseren Leben. Südafrika ist im Vergleich zu ihren armen Herkunftsländern wohlhabend, es wirkt wie ein Magnet auf Flüchtlinge, Asylsuchende und Arbeitsmigranten. Die Einwanderer arbeiten hart, leben sparsam, und ihre kargen Einkünfte überweisen sie an die Familien daheim. Ihr bescheidener Erfolg weckt Neid und Missgunst der Einheimischen, vor allem der armen, die selbst nichts haben und, nicht nur in Blikkiesdorp, jeden Tag ums Überleben kämpfen. »In der Zeit der Apartheid war es genauso. Jetzt aber bringt die Regierung auch noch Fremde hierher«, schimpft Bernadine de Kock, eine Sprecherin der Vertriebenen. »Jeden Tag fragen Obdachlose nach Häusern – und die Ausländer erhalten welche. Das finden die Leute ungerecht.«