Migranten in SüdafrikaHau ab oder stirb!

In Südafrika, dem größten Einwanderungsland der Welt, wächst der Hass auf schwarze Migranten von 

Südafrika Flüchtlinge

Menschen aus Simbabwe drängen auf Einlass vor einem Lager bei Johannesburg: Südafrika ist das größte Flüchtlingsland der Welt  |  © John Moore/Getty Images

Die Fremden wollen wieder weg aus Südafrika, aber sie können nicht. Ihr Raumschiff ist defekt. Und so müssen sie im District 9 bleiben, in einem Slum am Rande der Megastadt Johannesburg, eine Million aliens, insektenhafte Wesen, die sich von Tierfutterkonserven ernähren. Als die wachsenden Spannungen zwischen Außerirdischen und Erdbewohnern die öffentliche Ordnung gefährden, fährt das Regime seinen Militärapparat auf, um die Gestrandeten in ein stadtfernes Ghetto zu deportieren. Diese Geschichte erzählt der Science-Fiction-Film District 9, und es ist kein Zufall, dass er in Südafrika produziert wurde. Der Regisseur Neill Blomkamp persifliert den Rassenwahn der Apartheid, der die Menschen nach Herkunft und Hautfarbe trennte, und er liefert ein Lehrstück über den Umgang mit unerwünschten Ausländern.

In Blikkiesdorp ist Blomkamps Fiktion Wirklichkeit geworden – 15 Jahre nach dem Ende der Apartheid. Das Flüchtlingslager am Rande des Flughafens von Kapstadt wurde so genannt, weil die silberfarbenen Blechwürfel, die als Notunterkünfte dienen, so schön in der Sonne blitzen. Sie sind in langen Fluchten wie in einem Heerlager aufgereiht. Kein Baum, kein Grün, staubige Wege, in den Containern unerträgliche Hitze. Mehr als 10.000 Menschen hausen hier, wie viele genau es sind, weiß niemand. Hier leben in der Mehrzahl Südafrikaner, farbige und schwarze Binnenvertriebene, schätzungsweise bis zu 80 Prozent ohne Job, bitterarm und oft geplagt von Aids und Kriminalität. Sie fühlen sich wie Fremde im eigenen Land und warten seit Jahren auf menschenwürdige Unterkünfte. Und mitten unter ihnen warten die aliens, Immigranten aus anderen Ländern Afrikas. Sie werden von den einheimischen Lagerbewohnern als Parasiten beschimpft und regelmäßig angegriffen.

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»Ich habe nichts mehr zu verlieren. Nur noch mein Leben«, klagt Saafi Salat, eine Frau aus Mogadischu, geboren 1980, die vor neun Jahren vor dem Bürgerkrieg in Somalia nach Kapstadt floh. Sie eröffnete in einem Vorort einen Kiosk mit Brot, Mehl, Speiseöl und Konserven im Angebot. Nichts Großes, aber es reichte für den Lebensunterhalt. Ihr erster Laden wurde 2004 geplündert, der zweite 2005. Den dritten verlor sie 2008. Ein Stammkunde schlug sie mit einem Kopfstoß zu Boden und zündete ihre Hütte an. Jetzt haust sie mit ihrer Familie in einem engen Container und hat allen Lebensmut verloren. Der Mann ist schwer krank, die fünf Kinder haben nicht genug zu essen, gehen nicht zur Schule und schlafen auf der steinigen Erde. An den Wochenenden, wenn draußen Betrunkene umherziehen, liegen sie meist wach. Dann prasseln Steine gegen die Blechwände, und sie hören das Gegröle aus der Dunkelheit: »Haut ab! Geht heim nach Somalia!«

In Blikkiesdorp kann man die sozialen Verwerfungen in einer jungen, fragilen Nation studieren, die sich vor Überfremdung fürchtet und Angst einjagt.Suleika Farah trägt einen schwarzen Schleier, damit sie nicht als Somalierin erkannt wird. Die Religion ist übrigens kein Problem, am Kap leben viele Muslime. Dennoch folgen uns misstrauische Blicke, als wir die Frau vor dem Blechwürfel N 27 treffen, in der Lagersektion von Blikkiesdorp, wo elf somalische Familien abgekippt wurden wie Menschenmüll. Farah stampft gerade Wäsche in einer Plastikwanne, im Container schreit ihr Neugeborenes. Das achte Kind, ein Junge. Sie hat ihn Yaya getauft, nach dem ivorischen Fußballstar Yaya Touré vom FC Barcelona – ein Hoffnungsname im Gastland der WM 2010: »Ich danke Allah jeden Tag, dass ich noch am Leben bin.« Die Bedrohungen, die sie in N 27 erlebt, lassen sie um ihre Familie fürchten.

Südafrika ist, gemessen an seiner Einwohnerzahl von 47 Millionen Menschen, das derzeit größte Einwanderungsland der Erde. Von 850.000 Asylanträgen, die 2008 weltweit gestellt wurden, entfallen allein 200.000 auf die Kaprepublik – beinah ein Viertel. Vier Millionen Menschen sind seit dem Ende der Apartheid hierher geströmt, manche Schätzungen gehen von bis zu sechs Millionen aus. Das ist ungefähr so, als wären in Deutschland nach dem Fall der Mauer weit über zehn Millionen Menschen eingewandert.

Jahrelang hat die südafrikanische Regierung die Ursachen der Masseneinwanderung ignoriert und deren Folgen bagatellisiert. Sie unternahm nichts gegen die Selbstzerstörung des Nachbarlandes Simbabwe; allein vor dem Terrorregime des Präsidenten Mugabe sind etwa drei Millionen Menschen nach Südafrika geflohen. Die Nordgrenze des Landes ist löchrig, Zehntausende Migranten werden von Schlepperbanden eingeschleust. Illegale beschaffen sich bei bestechlichen Beamten die nötigen Papiere. Geburtsurkunde, temporäre Arbeitsgenehmigung, Personalausweis, alles ist käuflich.

Kapstadt, die am schnellsten wachsende Metropole Südafrikas, ist für die Einwanderer ein besonders attraktives Ziel, hier begegnen einem jeden Tag Menschen aus allen Regionen Afrikas. Tonkiso, der Autowäscher, stammt aus Malawi. Die Kellnerin Alcinda wanderte aus Mosambik ein. Der Maskenhändler Issa kommt aus dem Senegal. Der Parkplatzwächter Kisimba ist Kongolese. Chenjerai, der Steinschleudern, Badebürsten und Kochlöffel verkauft, wurde in Simbabwe geboren. Hunger, Not und Hoffnungslosigkeit haben die Zuwanderer hierher getrieben. Sie träumen von einem besseren Leben. Südafrika ist im Vergleich zu ihren armen Herkunftsländern wohlhabend, es wirkt wie ein Magnet auf Flüchtlinge, Asylsuchende und Arbeitsmigranten. Die Einwanderer arbeiten hart, leben sparsam, und ihre kargen Einkünfte überweisen sie an die Familien daheim. Ihr bescheidener Erfolg weckt Neid und Missgunst der Einheimischen, vor allem der armen, die selbst nichts haben und, nicht nur in Blikkiesdorp, jeden Tag ums Überleben kämpfen. »In der Zeit der Apartheid war es genauso. Jetzt aber bringt die Regierung auch noch Fremde hierher«, schimpft Bernadine de Kock, eine Sprecherin der Vertriebenen. »Jeden Tag fragen Obdachlose nach Häusern – und die Ausländer erhalten welche. Das finden die Leute ungerecht.«

Leserkommentare
    • Medley
    • 02. Mai 2010 13:28 Uhr

    ...ein Mensch.

    "Ihr bescheidener Erfolg weckt Neid und Missgunst der Einheimischen..."

    Neid und Missgunst? Ist dererlei Betrachtung nicht vielleicht doch etwas abgehoben? Schließlich herrscht in SA, zumindest unter den Schwarzen, eine inoffizielle Arbeitslosigkizt von ca 40%...? Da kann man schon mal frustig werden, find ich, auch wenn es nun nicht unbedingt edle Gefühle sind, die einem zudem auch noch nicht besonders gut zu Gesichte stehen.

    • Medley
    • 02. Mai 2010 13:28 Uhr
    2. Teil 2

    "Sie werden nicht als Leidensgefährten wahrgenommen, sondern als Konkurrenten im Verteilungskampf um knappe Güter..."

    Na und? Nächstenliebe und Egoismus schließen sich nicht ja
    nicht als ein Antagonismus aus, der jedwede Parallelität und Gleichsamkeit kategorisch negiert. Im Gegenteil. Wohl sicher zu 90% aller Zeit unseres Lebens machen wir Dinge, die sowohl den Anderen bedenken, als aber auch uns selber nützen. Herr Grill schreibt für uns interessante Berichte, gleichzeitig bestreitet er aber damit ebenso seinen Lebensunterhalt. Right?! Sie, die schwarzen Südafrikaner und ihre kontinentalen Brüder, sind daher Leidensgefährten UND Konkurrenten in Einem, da, wo sie sich im Leben treffen. Würden jedes Jahr zehntausende ausgebildete Journalisten aus aller Welt nach Deutschland einwandern, als was würde dann der Autor dieses Artikels sie wohl betrachten? Als Leidensgenossen oder als Konkurrenz?

    • Medley
    • 02. Mai 2010 13:29 Uhr
    3. Teil 3

    "....zugleich aber betrachte sie ihr Land als Heimat der »echten« Südafrikaner – man habe schließlich selbst genug Sorgen und könne nicht auch noch die Probleme Afrikas lösen, so die Argumentation......Im Alltag ist vom kosmopolitischen Geist der neuen Verfassung nicht mehr viel zu spüren........Heute wäre ein anderer Satz zutreffender: »Südafrika gehört allen, die hier geboren sind.«"

    Derartige Argumente kommen mir ziemlich bekannt vor, insofern sie in einer sehr ähnlich gelagerten Asylbewerber- und Flüchtlingsdebatte, Anfang der 90ziger in Deutschland, auch angewandt wurden. "Das Boot ist voll, wir können nicht die Probleme der Welt lösen" bzw. "....wir sind schließlich nicht das Sozialamt der Welt." und "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus " wären wohl die passenden Äquivalente aus unserer Hemisphere dazu. Ja, der Mensch ist so wie er ist und das lässt sich mutmaßlich auch nie ändern. Und man sieht auch, Afrikaner, bzw. "Schwarze" sind nicht viel anders als wir. Nicht schlechter, aber auch nicht besser, wie's scheint.

    • Medley
    • 02. Mai 2010 13:31 Uhr

    Warum kann man eigentlich hier nicht die vollen 1550 Buchstaben ausschöpfen. Bei ca. 800 ist nämlich schon Schluss. So'n Sch........ Dieser Javamurks ist wirklich schlimm. :o(((((

  1. Nelson Mandela´s Verdienste für Südafrika richteten sich mal für die Gleichberechtigung von Weiß und Schwarz - Gleichheit für ALLE. Über zwei Jahrzehnte musste er für diese Überzeugung in Haft gehen, um für sein Land einzustehen: Persönliche Freiheit zugunsten einer nationalen Freiheit aufopfern.

    Nun, 16 Jahre nach der Apartheid, greifen die einstigen Opfer der Rassentrennungspolitik ähnliches xenophobes Gedankengut auf, wie die Vertreter der DA/Apartheid. Ich erachte es für sehr traurig und gefährlich zugleich, wie sich das demokratische Südafrika, die Gesellschaft, entwicklelt. Solange soziale Defizite das Schwellenland prägen, werden moralische Grundsätze zugunsten ökonomischer Erwägungen über Bord geworfen.

    Weitere Hintergrundartikel im Südafrika-Portal unter: http://2010sdafrika.wordp...

    • rondo
    • 02. Mai 2010 16:50 Uhr

    "Solange soziale Defizite das Schwellenland prägen, werden moralische Grundsätze zugunsten ökonomischer Erwägungen über Bord geworfen."
    Der Mensch ist von Natur aus Egoist

    Solange man nicht den Menschen in ihren Heimatländern hilft wird es diese Probleme geben.
    Diese Zustände, wenn auch noch nicht so brutal, gibt es bei uns doch auch schon. Bildung macht keine besseren Menschen.
    Politiker, die die meiste Schuld daran tragen, machen sich danach aus dem Staub, denn sie haben ja schon nach kurzer Amtszeit ausgesorgt.
    Politiker haben ja nichts gelernt, sie probieren einfach nur herum. Und wenn's nicht geklappt hat, hat das Volk Pech gehabt. Politiker tragen keine Verantwortung, sie müssen nicht für ihre Fehler bezahlen. Auch bei uns nicht.

    • locuta
    • 03. Mai 2010 10:41 Uhr

    "...man habe schließlich selbst genug Sorgen und könne nicht auch noch die Probleme Afrikas lösen, so die Argumentation."

    Na, das ist doch die Gelegenheit für die hiesige Gutmenschenkamarilla nebst angeschlossener Sozialarbeiterindustrie (an der Spitze angeführt von der unvermeidlichen Bundesbetroffenheitsbeauftragten mit vor "Ergriffenheit" zitternder und sich überschlagender Stimme), ein fulminantes Zeichen für die "Weltoffenheit" und Hilfsbereitschaft der "BRD" zu setzen!
    Lasset die Kindlein zu uns kommen, wenn Südafrike sie nicht haben will, wir brauchen schließlich Jeden! Irgendwer muß doch unsere Renten bezahlen, nicht wahr!
    Wenn wir schon weite Teile des türkischen und arabischen Prekariats beherbergen und alimentieren, dann kommt es auf ein paar Afrikaner auch nicht mehr an, "wir hams ja!"
    Man denke nur an die von Schäuble mit stolzgeschwellter Brust verkündete "BRD"-Praxis: "wir sind ein Land, das nie ausgewählt hat!"

    Also, frisch ans Werk!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber Sie sind auf jeden Fall um Welten realistischer als die Einwanderung=Bereicherung- Schwadroneure.
    Nirgendwo auf der Welt werden von zuwandernde, aber nicht gebrauchte Menschen von den deklassierten Einheimischen auch noch freudig empfangen. Sich auch noch darüber zu wundern istz schon ziemlich weltfremd.

  2. aber Sie sind auf jeden Fall um Welten realistischer als die Einwanderung=Bereicherung- Schwadroneure.
    Nirgendwo auf der Welt werden von zuwandernde, aber nicht gebrauchte Menschen von den deklassierten Einheimischen auch noch freudig empfangen. Sich auch noch darüber zu wundern istz schon ziemlich weltfremd.

    Antwort auf "Jetzt aber schnell!"

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