Der Tuffstein sieht aus wie in Honig getaucht, die Frauen sind vollbusig und tragen geblümte Kittel mit tiefem Ausschnitt, die Männer sind schön und stolz und rauchen viel. Die Mafiosi sind ebenfalls schön und stolz und rauchen auch sehr viel, tragen dazu aber Schlägermützen und Schrotflinten. Das Licht ist gleißend. Im Frühjahr ist die Insel sehr grün.

Eine italienische Familiengeschichte, so lautet der Untertitel von Giuseppe Tornatores Film Baarìa, und der Regisseur erzählt die Geschichte der sizilianischen Familie Torrenuova, über zweieinhalb Stunden, siebzig Jahre und drei Generationen hinweg: Cicco Torrenuova ist Schafhirte und gegen Mussolini, weshalb die Lehrerin ihn in die Ecke stellt, sein arbeitsloser Sohn Peppino wird erst Kommunist, bis ihn eine Reise nach Moskau läutert – eine Reise, die im Film nur einen Halbsatz lang dauert –, und dann vorübergehend Gastarbeiter im kalten Frankreich. Pietro, der Enkel, rebelliert ein bisschen in der Studentenbewegung und nimmt ansonsten seine Familie mit einer Schmalfilmkamera auf. Denn das Kino steckt allen drei Generationen in den Genen: Großvater Cicco lernte dank der Stummfilme lesen – anhand der Zwischentitel, die von einem Vorleser ausgerufen wurden, Vater Peppino zog seinen Sohn Pietro in das verrauchte Dorfkino, und der Enkel Pietro sammelte Zelluloidschnipsel so wie andere Kinder Paninikarten. Cinema Paradiso. Tornatore erweist seinem eigenen Werk eine Hommage.

Baarìa – so heißt Giuseppe Tornatores Geburtsort Bagheria im sizilianischen Dialekt. Bagheria ist ein Vorort von Palermo. Zuletzt war Bagheria im Gespräch, weil der Mafiaboss Bernardo Provenzano während seiner 43 Jahre währenden Flucht hier für viele Jahre untergetaucht war. Aber das nur am Rande. Und nicht im Film.

Der Regisseur Tornatore verließ Sizilien erst mit 28 Jahren. Zu spät, nach Ansicht des sizilianischen Schriftstellers Tommaso di Lampedusa – der in seinem Roman Der Leopard jungen Männern empfahl, die Insel spätestens mit 17 Jahren zu verlassen, weil der Charakter sonst von den sizilianischen Schwächen aufgefressen werde. Vom »Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt, wie es ist«.

Noch bevor Baarìa als Eröffnungsfilm der letzten Filmfestspiele von Venedig gezeigt wurde, hatte Silvio Berlusconi ihn gelobt. Es sei ein Film, den er allen Italienern ans Herz lege, sagte er. Und fügte hinzu, dass dieser Film vor allem deshalb sehenswert sei, weil es sich um die Geschichte eines Kommunisten handele, der vom Kommunismus enttäuscht sei. Nun dauert die Läuterung vom Kommunismus im Film zwei von 150 Minuten – genug, um Berlusconi zufriedenzustellen, dessen Filmproduktionsgesellschaft Medusa-Film Baarìa produziert hat – zusammen mit der großherzigen Unterstützung der Region Sizilien, die 4,5 Millionen Euro für das in Honig getauchte Bild Siziliens stiftete. Das im Übrigen vor allem in Tunesien gedreht wurde, weshalb Silvio Berlusconi seinen Besuch auf dem Set mit einem Treffen mit einem Seelenverwandten verbinden konnte: mit dem tunesischen Präsidenten Ben Ali. Berlusconi wusste schon immer das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.

Und so wurde aus Baarìa ein Film, der gleichzeitig als Werbefilm für die Region Sizilien, als Mehrteiler für das Nachmittagsprogramm der RAI und als Wahlkampfspot für Berlusconis »Volk der Freiheit« genutzt werden kann. Da passt es gut, wenn sich in einer Szene ein christdemokratischer Politiker bei dem Kommunisten Peppino beschwert, noch nicht von ihm angegriffen worden zu sein, weil ihn das bei seinen Parteikollegen unglaubhaft mache. Und selbstverständlich wird Peppino von den Eltern seiner Angebeteten abgelehnt, weil er Kommunist ist.

Alle reden durcheinander, die Frauen schreien und raufen sich die Haare, die Kinder spielen mit Holzkreiseln, die Faschisten sind lustige Männchen mit komischen Mützen, die Kommunisten hoffnungslos romantische Idealisten, die Mafiosi ehrenwerte Ganoven. Und alle zusammen liebenswert. So wie die Menschen in der Mozzarella-Reklame. Symphonisch unterlegt wird das Ganze von Ennio Morricones Filmmusik.