Helene Hegemann : An meine Kritiker

"Axolotl Roadkill", der Debütroman der siebzehnjährigen Helene Hegemann, war das große Feuilleton-Thema dieses Frühjahrs: Was ist daran Plagiat, was Kunst? Jetzt bezieht die Autorin erstmals Stellung zu dem erbitterten Streit, den ihr Buch ausgelöst hat
Die 18-jährige Helene Hegemann auf der Leipziger Buchmesse © Jan Woitas/dpa

Ich habe keine exakte Vorstellung davon, was aus dem innerhalb der letzten drei Monate produzierten Abziehbild meiner Person geworden ist. Ich setze mich hier also nicht hin, um in den letzten brauchbaren Wogen irgendeines gelangweilten Presseexzesses noch mal meine Außenwirkung zu glätten und zu schreien: Ich bin cool, ich war schon mit 14 im Berghain, ihr seid alle Wichser. Wenn mir zwei Dinge bewusst geworden sind, und jetzt hört bitte gut zu, meine lieben, sich vielleicht auch irgendwann mal in der öffentlichen Wahrnehmung zu bewegen willigen Freunde, dann sind das die Bedeutungslosigkeit des eigenen Images und die damit Hand in Hand gehende Bedeutungslosigkeit von gutem Styling, aber dazu dann eventuell später mehr.

Im Januar wurde mein Roman Axolotl Roadkill veröffentlicht. In diesem Roman geht es nicht primär um Drogen oder Sex oder eine bestimmte Generation. Schon gar nicht geht es um Grenzen zwischen Generationen, Geschlechtern, Altersgruppen oder sozialen Schichten. Wenn es überhaupt um irgendeine Grenze geht, und das muss es ja in einer alles und jedem bestimmte Wertesysteme und Raster überstülpenden Gesellschaft, geht es um eine Grenze, die sich durch jeden Menschen zieht. Und um eine Gruppe von Leuten, die ihr Leben dieser Grenze, diesem Riss, dieser Widersprüchlichkeit verschreiben, anstatt das abzulaufen, was unter glatter »Normalität« verstanden wird und genauso wenig funktioniert wie »Asozialität« oder »Verwahrlosung«.

Einige mochten das Buch, einige mochten es nicht, in seriösen Fällen wurde Letzteres mit dem Satz »Damit kann ich einfach nichts anfangen« begründet. Das fand ich immer vollkommen okay so. Parallel dazu brachen aber die bahnbrecherischsten Neutralisierungsversuche und Mutmaßungen aus dem Boden – dass das Buch einer Minderjährigen bloß schlecht sein kann, dass ich gar kein Mensch sei, sondern nur eine PR-Erfindung, dass jemand, der so hässlich ist wie ich, keine ausreichende Lebenserfahrung haben könne, um über Leute in Berlin zu schreiben (?), dass ich einfach eine Missgeburt sei, und »Scheiße kann ja nur scheiße sein«. Das sind nebulöse Anschuldigungen, die man als vernünftig denkender Mensch nicht ernst nehmen kann und deren böse Energie aus irgendeinem Grund trotzdem bei mir ankam. Im Februar tat sich plötzlich eine Art Einflugschneise auf. Der von mir nie verheimlichte Tatbestand, dass eine in der Literatur seit Jahrhunderten nicht unübliche Anzahl von Sätzen in meinem Buch woanders schon mal so ähnlich stand, wurde zu einer handfesten Möglichkeit, mich 1. nicht ernst zu nehmen, 2. beleidigen zu können und 3. wildeste Spekulationen als nachgewiesene Tatsachen auszugeben. Aus »wenigen Sätzen« wurden »zahlreiche Passagen« und schlussendlicherseits 90 Prozent des Buches, die ich aus dem Internet abgeschrieben haben soll. Viele Journalisten, mit denen ich in dieser Zeit kommuniziert habe, weigerten sich, egal ob sich ihre Artikel gegen mich richten oder mich verteidigen sollten, die eigentlich wichtigste Tatsache mit einzubeziehen: nämlich dass es sich bei der als Plagiat bezeichneten Menge von (nicht abgeschriebenen, sondern modifiziert in einen komplett anderen Kontext gesetzten) Stellen um zusammen genommen circa eine einzige von 206 Buchseiten handelt.

Das ist durch das vom Ullstein Verlag herausgegebene und vom SuKuLTur-Verlag abgesegnete Quellenverzeichnis für jeden nachvollziehbar, der es nachvollziehen will. Mir wurde moralisch falsches Handeln vorgeworfen, in Artikeln, die die Moral selbst diskreditierten – dadurch, dass sie von Menschen geschrieben wurden, denen es augenscheinlich nicht um recherchierte Informationen ging, sondern darum, eimerweise Scheiße über mir auszuschütten. Die genaue Zahl der Stellen wurde konsequent ausgespart, und zwar ausschließlich, weil sie die Luftblase des perfekten Skandals zum Platzen gebracht hätte. So weit bin ich glücklicherweise inzwischen. In dieser Zeit, in der sich plötzlich alles auf mich stürzte, als wäre ich eine Naturkatastrophe, hörte ich von Fällen, in denen extrem namhafte Schriftsteller ein bis drei komplette fremde Kapitel in ihre Bücher übernommen hatten – ohne Quellenangabe und, vor allem: ohne dass irgendjemand danach hätte krähen wollen. Wenn ich in der Presse zu Recht gleichwertig mit einem Erdbeben behandelt worden sein sollte, wären das Weltuntergangsszenarien gewesen, und die wurden einfach unter den Tisch gekehrt.

Was ich interessant finde und warum ich das jetzt alles doch noch mal versucht habe aufzuarbeiten: Es geht bei dem gegen mich gerichteten Hype nicht wirklich um Plagiarismus, den Werteverlust der Jugend oder Unaufrichtigkeit. Es geht darum, dass ich in einem Bereich arbeite, in dem andere Leute auch arbeiten, und einige dieser Leute haben ein Problem mit mir. Zum Glück bin ich nicht mehr so blöd, zu vermuten, das Problem bestünde in meinem Alter oder darin, dass ich ein Mädchen bin. Es besteht in der Tatsache, dass ich nicht der gängigen Vorstellung eines »authentischen Jugendlichen« entspreche, der entweder die für ein vernünftiges Leben notwendigen Schritte abläuft, Schule, Studium, Praktikum et cetera, oder, heroinabhängig und beinahe zu Tode misshandelt, geistige Ergüsse abliefert, die mit dem Wort »Wahnsinn« entkräftet und deswegen als ungefährlich abgestempelt werden können. Minderjährige »Künstler« oder Künstler im Allgemeinen, die etwas produzieren, was komischerweise einen Gebrauchswert hat – die darf es entweder nicht geben, oder sie sollen die komplette Zeit über ausschließlich leiden und auf jeden Fall nach einem Jahr wieder untergehen oder sich am Gendarmenmarkt erhängen und währenddessen, definitiv extrem gut aussehend, in verrückten Anziehsachen stecken. Ihre Selbstbestimmtheit, oder vielmehr ihre Entscheidungsfähigkeit, wird ihnen aberkannt und weicht einer angeblichen pubertären Ohnmacht, die einen großen Teil der sich zu einer »Elterngeneration« zählenden Menschen darin bestätigt, dass ihre Systeme richtig und alle Gegenschläge bloß das Zeugnis einiger armer gescheiterter Seelen sind. Über die kann man sich dann kurz mal amüsieren.

Zu dieser Auffassung von Authentizität gehört gleichzeitig die obligatorische Rebellion – eine Pseudorebellion, die jeder in den oben genannten Kategorien denkende Mensch, egal ob 13 oder 50, als etwas Notwendiges erachtet, ohne bei der Begründung dieser Notwendigkeit über das irgendwo mal gelesene »ääh, Abgrenzung« hinauszukommen.

Oh, ihr armen in dieser Elterngeneration-Definition verhangelten Leute, wie ihr so dasitzen müsst, und plötzlich werden euch eure alternative Weltanschauung und eure im Laufe eines anstrengenden Prozesses antrainierte Individualität aberkannt und so weiter… plötzlich seid ihr Teil einer Verallgemeinerung, und zwar nur, weil ihr in einem bestimmten Alter seid, und dann werde ich, also jemand, der 18 und gleichzeitig aber auch noch total langweilig, also in etwa so »spannend wie Treibsand« ist, permanent gebeten, irgendeine Form von Rebellion gegen euch abzuliefern. Teenager werden auf einen Stuhl gesetzt wie ein Zirkustier, das jetzt mal richtig hysterisch durchdrehen, den Zuschauern einen wohligen Schauer über den Rücken jagen und dessen Eingezäuntheit sie gleichzeitig in Sicherheit wiegen soll. Das, was man heutzutage von »Rebellion« erwartet, ist gleichzusetzen mit angekündigten Turbulenzen im Flugzeug: Da tritt auf dieser langweiligen Strecke mal ein kleiner, angenehmer Adrenalinschub zutage, man redet sich ein bisschen Angst ein und weiß trotzdem, dass das Teil, in dem man sitzt, auf keinen Fall abstürzen wird.

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Kommentare

214 Kommentare Seite 1 von 40 Kommentieren

Zu viel Raum bei zu wenig Platz

Fremdscham:
"Hinter dem Phänomen »fremdschämen« steht ein Einfühlungsprozess, in dem eine Person A sich an Stelle einer anderen Person B schämt. Person B ist sich der schämenswerten Situation nicht bewusst, Person A aber durchaus. Aus dieser peinlichen Berührtheit für die Situation, in der Person B sich unwissend befindet, schämt sich Person A also stellvertretend für diese."
Diese Def. trifft genau das, was das lesen der Seite 2 und 3 verhindert hat. Schade nur das die Zeit.de soviel Platz vergibt wo es doch für solche Beiträge soviel Raum im Netz in Blogs (etc.) gibt.
Glück Auf!

Normalo spricht

Ich bin kein Kulturhoheits Priester, nur ein einfacher, normaler Mensch, der aber immerhin recht genau sagen kann, was genau er an einem Buch von Paul Auster oder Muriel Barbery, um einfach irgendwas wahllos aus dem Ozean guten Schrifttums herauszupicken, gut findet und was nicht.

Der einfach hinschaut, nachdenkt, vergleicht und sich langsam ein Urteil bildet. Als solcher bin ich schon ziemlich erschüttert, womit hier wertvoller Buchstabenplatz vollgeramscht wird. Wieso soll mich das interessieren? Es tut es nicht. Ich finde da rein gar nichts exemplarisches, geschweige denn transzendentes. Nur Palaver. Trash. Wer's mag, gibt mehr von sich zu erkennen als ihm lieb sein sollte

Das alles darf der Künstler / Lass sie schreiben

Als Palaver möchte ich es nicht bezeichnen. Mir fallen auf Anhieb einige Jugendliche oder Anfang Zwanzigjährige ein, die in demselben Tenor schreiben. Sie reden dauernd von Euch, Gesellschaft, Menschheit, und so fort.

Außerdem teile ich nicht den 8. Kommentar: Denn diese sehr persönliche Selbstzerfleischung ist doch das, was ich an Schriftstellern oder Künstlern, im Gegensatz zu Politikern, Journalisten oder Angestellten, schätze, nicht wahr? Und aus denselben Gründen war der Chefredakteur von Die Zeit erpicht darauf, den Text zu drucken. Er liebt die Show.

Aber ich bin weder mit dem Roman zufrieden, noch mit der bisherigen Berichterstattung, noch mit der Richtigstellung von Hegemann hier.

Ich gewinne den Eindruck, als hätte das Feuilleton - auch das von Die Zeit - sich mitreißen lassen, ja, als hätten sie auf eine bestimmte Art und Weise versagt. Am Ende entstand eine moderne Kunstfigur namens Hegemann, die es unter allen erdenklichen geistigen Argumenten aufrecht zu erhalten galt. Bei der seltsam affektierten Berichterstattung, fühle ich mich jetzt wieder an andere Öffentlichkeitsmachungen peinlich erinnert, die dann und wann als Kitsch verdonnert werden.

Anstatt Dinge richtigzustellen, sollte Hegemann einfach schreiben. Einen Schriftsteller macht die Literatur aus. Je mehr sie schreibt, umso klassischer wirkt sie, umso größer werden die Loggesänge auf sie sein. Massenmedien urteilen bedingt nach Inhalt.

Was ist das Problem?

Wirklich erstaunlich, dass es Artikel gibt, die Sie nicht interessieren... Aber es gibt eine Lösung für dieses Problem: Einfach nicht lesen! Das wäre sinnvoller als den hier so geschätzen Buchstabenplatz mit ihren inhaltslosen Kommentaren zu verschwenden.

Zum Thema:
Helena Hegemann nennt einfach nur das Kind beim Namen. Sie wird zu unrecht beschuldigt und rechtfertigt sich, weil sie auf diese PR-Spielchen keine Lust hat. Äußerst sympathisch - meiner Meinung nach.

Schade

Von diesem Artikel habe ich mir eine tatsächliche Stellungnahme erhofft.
Anstatt dessen ist eine abschweifende, nicht sonderlich flüssig zu lesende Form von Essay entstanden. Am Anfang habe ich mich gefragt, ob das Gebilde einem Lektor vorlag oder eher wie ein Blog Eintrag zu verstehen ist.
Vermutlich muss man den Text auch als Beispiel von Intertextualität und Sampling begreifen, diesen zwei weiteren schönen, wenn auch nicht mehr ganz so ausgefallenen Fremd- und Schlagwörtern, die in der Literatur für so einiges herhalten müssen.
Fazit: Ein Interview wäre zwar nicht so authentisch gewesen aber mit Sicherheit informativer und ansprechender zu lesen.