Die 18-jährige Helene Hegemann auf der Leipziger Buchmesse © Jan Woitas/dpa

Ich habe keine exakte Vorstellung davon, was aus dem innerhalb der letzten drei Monate produzierten Abziehbild meiner Person geworden ist. Ich setze mich hier also nicht hin, um in den letzten brauchbaren Wogen irgendeines gelangweilten Presseexzesses noch mal meine Außenwirkung zu glätten und zu schreien: Ich bin cool, ich war schon mit 14 im Berghain, ihr seid alle Wichser. Wenn mir zwei Dinge bewusst geworden sind, und jetzt hört bitte gut zu, meine lieben, sich vielleicht auch irgendwann mal in der öffentlichen Wahrnehmung zu bewegen willigen Freunde, dann sind das die Bedeutungslosigkeit des eigenen Images und die damit Hand in Hand gehende Bedeutungslosigkeit von gutem Styling, aber dazu dann eventuell später mehr.

Im Januar wurde mein Roman Axolotl Roadkill veröffentlicht. In diesem Roman geht es nicht primär um Drogen oder Sex oder eine bestimmte Generation. Schon gar nicht geht es um Grenzen zwischen Generationen, Geschlechtern, Altersgruppen oder sozialen Schichten. Wenn es überhaupt um irgendeine Grenze geht, und das muss es ja in einer alles und jedem bestimmte Wertesysteme und Raster überstülpenden Gesellschaft, geht es um eine Grenze, die sich durch jeden Menschen zieht. Und um eine Gruppe von Leuten, die ihr Leben dieser Grenze, diesem Riss, dieser Widersprüchlichkeit verschreiben, anstatt das abzulaufen, was unter glatter »Normalität« verstanden wird und genauso wenig funktioniert wie »Asozialität« oder »Verwahrlosung«.

Einige mochten das Buch, einige mochten es nicht, in seriösen Fällen wurde Letzteres mit dem Satz »Damit kann ich einfach nichts anfangen« begründet. Das fand ich immer vollkommen okay so. Parallel dazu brachen aber die bahnbrecherischsten Neutralisierungsversuche und Mutmaßungen aus dem Boden – dass das Buch einer Minderjährigen bloß schlecht sein kann, dass ich gar kein Mensch sei, sondern nur eine PR-Erfindung, dass jemand, der so hässlich ist wie ich, keine ausreichende Lebenserfahrung haben könne, um über Leute in Berlin zu schreiben (?), dass ich einfach eine Missgeburt sei, und »Scheiße kann ja nur scheiße sein«. Das sind nebulöse Anschuldigungen, die man als vernünftig denkender Mensch nicht ernst nehmen kann und deren böse Energie aus irgendeinem Grund trotzdem bei mir ankam. Im Februar tat sich plötzlich eine Art Einflugschneise auf. Der von mir nie verheimlichte Tatbestand, dass eine in der Literatur seit Jahrhunderten nicht unübliche Anzahl von Sätzen in meinem Buch woanders schon mal so ähnlich stand, wurde zu einer handfesten Möglichkeit, mich 1. nicht ernst zu nehmen, 2. beleidigen zu können und 3. wildeste Spekulationen als nachgewiesene Tatsachen auszugeben. Aus »wenigen Sätzen« wurden »zahlreiche Passagen« und schlussendlicherseits 90 Prozent des Buches, die ich aus dem Internet abgeschrieben haben soll. Viele Journalisten, mit denen ich in dieser Zeit kommuniziert habe, weigerten sich, egal ob sich ihre Artikel gegen mich richten oder mich verteidigen sollten, die eigentlich wichtigste Tatsache mit einzubeziehen: nämlich dass es sich bei der als Plagiat bezeichneten Menge von (nicht abgeschriebenen, sondern modifiziert in einen komplett anderen Kontext gesetzten) Stellen um zusammen genommen circa eine einzige von 206 Buchseiten handelt.

Das ist durch das vom Ullstein Verlag herausgegebene und vom SuKuLTur-Verlag abgesegnete Quellenverzeichnis für jeden nachvollziehbar, der es nachvollziehen will. Mir wurde moralisch falsches Handeln vorgeworfen, in Artikeln, die die Moral selbst diskreditierten – dadurch, dass sie von Menschen geschrieben wurden, denen es augenscheinlich nicht um recherchierte Informationen ging, sondern darum, eimerweise Scheiße über mir auszuschütten. Die genaue Zahl der Stellen wurde konsequent ausgespart, und zwar ausschließlich, weil sie die Luftblase des perfekten Skandals zum Platzen gebracht hätte. So weit bin ich glücklicherweise inzwischen. In dieser Zeit, in der sich plötzlich alles auf mich stürzte, als wäre ich eine Naturkatastrophe, hörte ich von Fällen, in denen extrem namhafte Schriftsteller ein bis drei komplette fremde Kapitel in ihre Bücher übernommen hatten – ohne Quellenangabe und, vor allem: ohne dass irgendjemand danach hätte krähen wollen. Wenn ich in der Presse zu Recht gleichwertig mit einem Erdbeben behandelt worden sein sollte, wären das Weltuntergangsszenarien gewesen, und die wurden einfach unter den Tisch gekehrt.

Was ich interessant finde und warum ich das jetzt alles doch noch mal versucht habe aufzuarbeiten: Es geht bei dem gegen mich gerichteten Hype nicht wirklich um Plagiarismus, den Werteverlust der Jugend oder Unaufrichtigkeit. Es geht darum, dass ich in einem Bereich arbeite, in dem andere Leute auch arbeiten, und einige dieser Leute haben ein Problem mit mir. Zum Glück bin ich nicht mehr so blöd, zu vermuten, das Problem bestünde in meinem Alter oder darin, dass ich ein Mädchen bin. Es besteht in der Tatsache, dass ich nicht der gängigen Vorstellung eines »authentischen Jugendlichen« entspreche, der entweder die für ein vernünftiges Leben notwendigen Schritte abläuft, Schule, Studium, Praktikum et cetera, oder, heroinabhängig und beinahe zu Tode misshandelt, geistige Ergüsse abliefert, die mit dem Wort »Wahnsinn« entkräftet und deswegen als ungefährlich abgestempelt werden können. Minderjährige »Künstler« oder Künstler im Allgemeinen, die etwas produzieren, was komischerweise einen Gebrauchswert hat – die darf es entweder nicht geben, oder sie sollen die komplette Zeit über ausschließlich leiden und auf jeden Fall nach einem Jahr wieder untergehen oder sich am Gendarmenmarkt erhängen und währenddessen, definitiv extrem gut aussehend, in verrückten Anziehsachen stecken. Ihre Selbstbestimmtheit, oder vielmehr ihre Entscheidungsfähigkeit, wird ihnen aberkannt und weicht einer angeblichen pubertären Ohnmacht, die einen großen Teil der sich zu einer »Elterngeneration« zählenden Menschen darin bestätigt, dass ihre Systeme richtig und alle Gegenschläge bloß das Zeugnis einiger armer gescheiterter Seelen sind. Über die kann man sich dann kurz mal amüsieren.

Zu dieser Auffassung von Authentizität gehört gleichzeitig die obligatorische Rebellion – eine Pseudorebellion, die jeder in den oben genannten Kategorien denkende Mensch, egal ob 13 oder 50, als etwas Notwendiges erachtet, ohne bei der Begründung dieser Notwendigkeit über das irgendwo mal gelesene »ääh, Abgrenzung« hinauszukommen.

Oh, ihr armen in dieser Elterngeneration-Definition verhangelten Leute, wie ihr so dasitzen müsst, und plötzlich werden euch eure alternative Weltanschauung und eure im Laufe eines anstrengenden Prozesses antrainierte Individualität aberkannt und so weiter… plötzlich seid ihr Teil einer Verallgemeinerung, und zwar nur, weil ihr in einem bestimmten Alter seid, und dann werde ich, also jemand, der 18 und gleichzeitig aber auch noch total langweilig, also in etwa so »spannend wie Treibsand« ist, permanent gebeten, irgendeine Form von Rebellion gegen euch abzuliefern. Teenager werden auf einen Stuhl gesetzt wie ein Zirkustier, das jetzt mal richtig hysterisch durchdrehen, den Zuschauern einen wohligen Schauer über den Rücken jagen und dessen Eingezäuntheit sie gleichzeitig in Sicherheit wiegen soll. Das, was man heutzutage von »Rebellion« erwartet, ist gleichzusetzen mit angekündigten Turbulenzen im Flugzeug: Da tritt auf dieser langweiligen Strecke mal ein kleiner, angenehmer Adrenalinschub zutage, man redet sich ein bisschen Angst ein und weiß trotzdem, dass das Teil, in dem man sitzt, auf keinen Fall abstürzen wird.

 

Aber, obwohl wir 2010 haben: Rebellion ist eben doch nicht bloß die leere Geste, die sich insgeheim eigentlich alle aus Bequemlichkeit erhoffen. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem sich nicht mehr gegen konkret abzusteckende Altersgruppen rebellieren lässt und an dem sich sowohl 13-Jährige als auch 60-Jährige als »linksalternative Spinner« und »rechtskonservative Wichser« beschuldigen oder sich streiten, weil einer von ihnen bloß Black Metal hört und der andere, wie nennt man das, Indiemusik und natürlich so Sachen von früher. Na ja.

(Jetzt hätte ich beinahe geschrieben: Apropos Musik:)

Neil Young hat letztes Jahr im Hyde Park in England ein Konzert gegeben, sah währenddessen aus wie ein Penner, der nie zuvor auf der Bühne gestanden hat, sein Privatleben verbringt er halt in einer Kommune irgendwo in einem Kornfeld ohne Telefonleitung, das Ganze war zwar etwas peinlich, aber trotzdem eine völlig aufrichtige und vertretbare Veranstaltung. Bis Paul McCartney in einem Aufzug auf die Bühne kam, der im totalen Widerspruch zu den politischen Lifestyleansichten, auf denen er einst seine Karriere aufgebaut hatte, und auch im totalen Widerspruch zu Neil Young stand: Ein großväterlicher Yuppie hing da plötzlich rum und hat gönnerhaft zwei Töne auf einem Metallofon angehauen, in einer Anzughose, einem cremefarbenen Hemd, mit der Aura eines Großbankiers, der sich angemessen zu einer ihm vollkommen fremden Situation verhalten muss und das kurz mal souverän managt. Was haben diese beiden Männer miteinander gemein außer ihrem Alter, der Zufallsbedingtheit ihrer Sozialisation und der Tatsache, dass sie ab einem gewissen Zeitpunkt vollkommen unabhängig voneinander bestimmte Entwicklungen durchlaufen haben?

Was hat meine zukünftige Ehefrau Nicolette Krebitz, die gleichzeitig superintelligent, superunabhängig und die bestangezogene Frau Deutschlands ist und die ich abgesehen davon über alles liebe (hallo, Coco!), zu tun mit einer Riege deutscher, 1972 geborener Schauspielerinnen, die sich komplett schmerzfrei für RTL-Beiträge in H&M-Umkleidekabinen Paillettenshirts überziehen und dann der Kamera folgenden Satz als weltbewegende, neue Erkenntnis verkaufen wollen: »Also man muss sich immer für eins entscheiden, entweder Dekolleté oder Beine, aber ein Minirock und ein bauchfreies Top, das wirkt dann direkt schlampig«?

Was hat Quentin Tarantino mit Guido Westerwelle oder René Pollesch (»Glotzt nicht so authentisch!«) mit Volker Lösch (»Ich zeige das echte Leben«) zu tun (wobei in diesem Fall natürlich der Witz ist, dass der, der sagt, er zeige das echte Leben, schlechte Abziehbilder produziert, während der andere zumindest kunstkonstitutive Idiosynkrasien zustande bringt. Ja, Fremdwörter sind ein großes Hobby von mir, ich glaube, es war Adorno, der einst sagte: Die Fremdwörter sind die Juden unter den Wörtern, und auch die Altklugheit: ganz weit vorne!, das war jetzt hoffentlich nicht zu selbstgefällig…)?

Ich könnte jetzt noch weitere unter dem Begriff dieser Elterngeneration in einen Eimer geschmissenen Gegensatzpaare auflisten oder abgeschriebene Statements dazu, wie schrecklich das alles ist und wie zu Unrecht gedemütigt ich armes kleines Mädchen mich fühle und, ach, zu was für einem Opfer ich gemacht worden bin von bösen alten Männern. Aber ich will natürlich viel lieber die Chance nutzen, mal gegen diese reaktionäre Aufrechterhaltung des Kinder-Erwachsenen-Rassismus anzukämpfen. In Bezug auf mich und das, was ich mache, wurde sich in den Medien ausschließlich mit Augenmerk auf mein Alter und das Potenzial für einen »Generationenkrieg« ausgetauscht – wodurch mir das ganze »Unabhängig-von-Kategorien-Existieren« aberkannt wurde, das ich mir innerhalb der letzten vier Jahre wirklich hart erarbeitet habe. Ich hatte eine Vorstellung von etwas, das ich sein und machen wollte, im Privaten und im, o Gott, Beruflichen. Und das durchzusetzen, ohne permanent auf in diesen Bereichen eigentlich nicht vorgesehene Eigenschaften reduziert zu werden (Alter, Aussehen, Background), war eine Anstrengung, die jetzt vollkommen entkräftet wird.

Vor einigen Monaten zeigte eine Werbeanzeige von Louis Vuitton die Regisseurin Sophia Coppola, die bewundernd zu ihrem Vater, dem Regisseur Francis Ford Coppola, aufblickt. Florian Illies schrieb in der ZEIT, dass sich in diesem Bild eine gesellschaftliche Verschiebung ausdrücke, dass mit der Sonne auch gleichzeitig der Generationenkonflikt in einem warmen, diffusen Licht untergehe. Ich habe »Großartig!« geschrien bei diesem Satz und mich für den Bruchteil einer Sekunde befreit gefühlt von dieser jahrelang völlig unbegründet aufrechterhaltenen Auffassung, Generationen müssten gegen Generationen kämpfen, es müsse Hass und Abscheu und Mord und Totschlag geben. Doch der Artikel lief dann leider auf das Infragestellen dieser Harmonie heraus. »So wenig Zorn war nie«, schreibt Illies, und anstatt sich darüber zu freuen, fügt er eigentlich nur hinzu, dass das ja irgendwie nicht geht. Aber warum nicht? Muss man mich als geistig behindert einordnen, weil ich zugebe, dass ich meine Eltern liebe und bewundere und dass ich auch einige andere Leute, die zufälligerweise über 30 sind, liebe und bewundere? Für das, was sie machen?

 

Ich habe Briefe von Personen zwischen 14 und 80 bekommen. Die Anteile derer, die mein Buch gut finden, verteilen sich gleichmäßig auf alle in dieser Spanne liegenden Altersgruppen, was mir beweist, dass die Grundregel, es ginge bei der Kommunikation immer auch um Geburtsjahrgänge, ein Mythos ist. Gleichzeitig wurden gegenstandslose Unterschriftensammlungen gegen mich durchgeführt und Hetzkampagnen ausgerufen, von erwachsenen Menschen, denen es nicht um ein ernsthaftes Anliegen hat gehen können, sondern um die platte, faschistische »Rebellion« gegen jemanden, der ANDERS ist als sie. Durch diese Gegenstandslosigkeit wurde es mir extrem leicht gemacht, alle daran Beteiligten im Vorbeigehen abzustechen, und das ist doch das, was sie so unbedingt wollten: von mir umgebracht werden, warum auch immer, und Spaß gemacht hat mir das auch nicht, leider. Das Ganze entwickelt sich zu einem Machtkampf, den ich von vorneherein aufgeben muss – alles, was ich sage, so differenziert ich es auch versuche auszudrücken, wird zu dem Futter einer Meute übel gelaunter Menschen, die daraus machen, was sie wollen, und währenddessen mit Dartspfeilen auf in ihrem Büro angebrachte Fotos von mir zielen. Das muss man ausblenden und mit Fassung tragen. Trotzdem wollte ich mich zu diesem ganzen Exzess verhalten. Um mir selber wieder ein Stück Unbefangenheit anzutrainieren und rauszutreten aus dieser unerträglichen Bewusstlosigkeit, die einem aufgedrückt wird, und um jedem, der sich ernsthaft mit Intertextualität oder »Sampling« beschäftigen will, dazu zu raten, das anhand eines anderen Buches zu tun (denn, wie oben ausführlich erwähnt, unterscheidet sich Axolotl Roadkill in seiner Machart kaum von anderen, nicht unter der Fuchtel irgendeines Copy-and-Paste-Skandals stehenden Romanen). Und natürlich auch, um allen, die jemals in gute Berliner Clubs kommen wollen, klarzumachen, dass die sogenannte Türpolitik anders und weniger nach der mainstreamkompatiblen Auffassung des Wortes »Subkultur« funktioniert, als sich das eine Reihe von Redakteuren so vorstellt.

Ich kann mich an dieser Stelle nur noch bei meinen Freunden (keine Sorge, es sind auch Teenager dabei) bedanken, die so viel wichtiger und toller sind als die ständige Angst davor, in der öffentlichen Wahrnehmung als irgendetwas zu gelten, das man nicht ist. Annika, Coco, Jonas, Leo, Jan, Tjorven, Janine, Kathrin, Vincent, Tina, Maria, Lukas, Tobi, Petra, René, der mir auf den Satz »Die Kräfte des Zerfalls und der Zerstörung haben gesiegt« entgegnete: »Ich kannte auch mal ’ne Kraft des Zerfalls und der Zerstörung, die ist aber zwei Wochen später gestorben.« (Und er hatte so recht!!!) Danke, Sophie Rois, danke, Dirk von Lowtzow, danke, Christoph Schlingensief.

Und ganz zum Schluss muss ich wahrscheinlich noch zwei Fragen beantworten, die sich einige Leute unbedingt stellen wollen werden nach diesem Artikel:

1. Natürlich wurde all das hier von meinem wahnsinnig einflussreichen Vater geschrieben, mit dem ich übrigens auch nur noch über das gegenseitige Zusenden unserer Autogrammkarten verkehre. Genau wie mein Buch, genau wie mein Film, wie könnte das auch anders sein, mit 18 sind die meisten Kinder schließlich noch nicht mal dazu in der Lage, einen Satz zu formulieren, der mehr als drei Wörter und nicht das Wort Porno beinhaltet. (Ich musste verständlicherweise erst mit ihm schlafen, damit er das für mich macht. War aber super.)

2. Ich bin nicht 18, ich bin 26.

Bis später, H.