Aufs Plattencover haben sie in weiser Voraussicht den Aufkleber "FSK ab 0 Jahren" gepappt, als müsse man einigen Rezensionen widersprechen, die über Christina Pluhars neue CD Via Crucis zirkulieren. Dort wird sie als "Jam-Session-Domina der Alten Musik" apostrophiert, und sie scheine "die harte Tour zu verkörpern" (so offenbar kennerhaft die Welt). Und das Magazin Rondo stellt fest, Pluhar peitsche die Musik des Frühbarock über den Kreuzweg. Woher solche Metaphern angesichts einer so sanften Person? Nun, bei der Fotositzung trug sie einen Ledermantel. So kam das Klischee in die Welt, "und ich kann mich nicht dagegen wehren", klagt Pluhar.

Die 1965 geborene Grazerin mischt mit ihrem famosen Ensemble L’Arpeggiata seit nun zehn Jahren die Welt der Alten Musik auf – aber sie selbst ist so diskret dabei, dass es ans Scheue grenzt. Die Dirigentin sitzt meist an der Theorbe, einer Basslaute, und zupft tiefe Töne, die den Raum durchdringen; sie steckt sie wie Heringe ins rhythmische Fundament des Klangs: Nichts soll wegfliegen, aber alles darf beweglich sein. Ihr ist es lieber, wenn im Mittelpunkt die Solisten stehen: ein Sänger, ein Violinist oder ein Zinkenist. Gelegentlich nickt Pluhar (nicht verwandt mit Erika) im Konzert aufmunternd oder lacht quietsch-stillvergnügt, wenn die improvisatorische Schleife eines Kollegen glückt. Dominas mit Peitsche sehen anders aus. Sie bevorzugt den leisen Witz, etwa diesen: "Wie im Jazz bin ich Kontrabass und Schlagzeug, aber in einer Person. Ich sehe das Gras von unten wachsen, der Sänger guckt von oben drauf."

Kaum Zweifel, warum Pluhar und ihr Orchesterchen das Publikum so fidel irritieren und sie bergeweise Preise abräumen, zuletzt den Echo Klassik. Seit zehn Jahren sind sie zu Gast bei den großen Festivals, ihre Platten gehen weg wie die Croissants in Pluhars Wahlheimat Paris. Da herrscht pralles, prasselndes musikalisches Leben, der italienische Frühbarock, dem sich die Musikerin verschrieben hat, wirkt genial herangezoomt. Mal eben ums Eck zu Monteverdi, zu Antipasti aus Wollust, Witz und Wehmut.

Das Publikum goutiert derlei Lebensfreude, weil Kompetenz hörbar die Basis ist. Ihre CD Teatro d’Amore, die Monteverdi und seinen Erkundungen der Liebe gewidmet war, wurde ein Sensationserfolg. Die aktuelle CD Via Crucis arbeitet wieder mit dem korsischen Männerquartett Barbara Furtuna; der Kreuzweg als Klage- und Sehnsuchtsgesang. Im Juli wird sie ihr neues musikdramatisches Opus La Notte d’Amore bei den Ludwigsburger Festspielen vorstellen, später geht es nach Australien, dann zur Ruhrtriennale.

Pluhar hatte sich nach dem Studium an der heimischen Grazer Musikhochschule in die Zentren der Alte-Musik-Szene begeben, lernte Laute und Barockharfe in Den Haag, Basel und Mailand. Als Solistin und Continuo-Spielerin arbeitete sie mit Hespèrion XXI, den Musiciens du Louvre und Cantus Cölln sowie Dirigenten wie Minkowski, Savall, Jacobs und Bolton. Jetzt ist sie selbst Professorin in Den Haag, versammelt für L’Arpeggiata vokale Edelstars wie Nuria Rial und Philippe Jaroussky, bietet ein perfektes barockes Ensemble mit kauzig-altem Gerätepark. Indes sind zuweilen, wenn improvisiert wird, auch die Blue Notes des Jazz darin, die lässigen Rhythmen drüber, der Walking Bass unten. Dann swingt es, groovt es, lamentiert es; und im Konzertsaal wippen die Hörer mit den Beinen und tippen den Beat mit den Zehen. Jazz im Frühbarock? Die Chefin kennt sich da aus: "Die Musikhochschule in meinem Graz war die allererste in Europa, die eine Jazzabteilung hatte."