Die Schafe sind keine Kunst, sie futtern in echt. Sie sind der "Runterkommer", den Maren Holst-Jürgensen ihren Besuchern als Erstes verabreicht. Kaum hat man ihre Galerie in dem großen, alten Bauernhof im kleinen Oetjendorf betreten, wird man auf der anderen Seite gleich wieder an die frische Luft gesetzt. Erst wer hier seine Sinne beruhigt, sich am Anblick der bukolischen Wiesen und des Schafstalls glücklich gesehen hat, darf wieder hinein in die große Halle und das Kabinett mit Kaminofen.

Seit elf Jahren führt Maren Holst-Jürgensen die Galerie eine halbe Autostunde außerhalb Hamburgs. Und zwar erfolgreich. Lange hatte sie als Lehrerin an einer Kunsthochschule den Betrieb beobachtet, hatte ihren Studenten die Mechanismen des Markts zu vermitteln versucht, ehe sie selbst eine Galerie gründete. Jetzt, sagt sie, sei sie der Leo Castelli von Oetjendorf. Ihre erste Ausstellung war dem Maler Hans-Hendrik Grimmling gewidmet, einem Leipziger Schüler von Tübke und Mattheuer. Seit der Wende hatte sich die Galeristin intensiv mit den Künstlern der DDR und den jüngeren Leipziger Schülern beschäftigt – bevor diese zu Weltruhm gelangten. Dann nahm sie auch den Westen und das Ausland ins Visier. Jedes Jahr gibt es vier wohlüberlegte Ausstellungen. Aktuell zeigt sie eine Schau mit den halb abstrakten, halb gegenständlichen Zeichnungen und Gemälden der 25-jährigen Italienerin Yvonne Andreini, die in Berlin lebt.

Wie kann so eine Galerie funktionieren? Das Wichtigste ist die Lage, die den Besucher zur Konzentration zwingt – in Oetjendorf lenkt kein Stadtleben und keine Kunst-Konkurrenz die Aufmerksamkeit ab. Eine Slow-Art-Galerie. Der zweite Trick der Maren Holst-Jürgensen sind 130 alte Bundeswehrstühle und ein Steinway. Zu jeder Vernissage organisiert die Galeristin nämlich auch ein Konzert. Zur Eröffnung der Andreini-Ausstellung werden ein Flötist und ein Pianist Musik von Mozart und Schubert spielen. Die Vernissagen-Konzerte sind immer ausgebucht.

Über die Jahre hat sich die Galeristin ihr eigenes Sammlerpublikum herangezogen. Die Kunden kommen aus Rendsburg und Lüneburg, Blankenese und Kiel, Schleswig und den umliegenden Ortschaften – auf der Internetseite gibt es detaillierte Anfahrtsbeschreibungen aus jeder nur erdenklichen Richtung. Viele der regelmäßigen Besucher hatten zuvor noch nie ein Kunstwerk gekauft, aber nach ein paar Jahren in der Blick-Schule Jürgensen wählen sie bei den Vernissagen mit Instinkt aus und kaufen. Und die Künstler feiern inzwischen auch anderswo Erfolge, werden von Museen in Hamburg und New York gesammelt.

Die Galeristin ist eine patente Frau, die noch ihre Pressetexte und Ausstellungseinladungen selbst formuliert und gestaltet. Und die sehr genau weiß, was sie nicht mag: wenn man sie etwa als Geschäftsfrau nicht ernst nimmt, wenn Sammler Geschäfte an ihr vorbei machen wollen. Noch heute bekommt man eine Vorstellung davon, dass diese Frau einmal eine begnadete Pädagogin war. Mit einfachen Fragen verleitet sie den Besucher, zwei Grafiken genauer zu betrachten: Welche der beiden Lithografien stammt wohl von einer Frau? Und wer war Lehrer, wer Schüler? Und schon steckt man ganz tief drin in der Kunst. Mitten in Oetjendorf.

Galerie Jürgensen, Oetjendorfer Landstraße 42, 22961 Oetjendorf (Hoisdorf). Tel. 04534-7314, www.galerie-juergensen.de