Konzerthaus RavelloRaumschiff in Klingsors Zaubergarten

Die Festivalstadt Ravello an der Amalfiküste hat ein avantgardistisches Konzerthaus des Jahrhundertarchitekten Oscar Niemeyer geschenkt bekommen. Doch um die Öffnung wird nun erbittert gestritten. Eine italienische Groteske von Volker Hagedorn

Der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer entwarf das Auditorium über dem Meer

Der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer entwarf das Auditorium über dem Meer  |  © ROBERTO SALOMONE/AFP/Getty Images

Wer an der Reling eines der Schiffe steht, die durch den Golf von Salerno fahren, dürfte es leicht finden, das weiße Wunder. Am steilen Hang unter der Bergstadt Ravello ist das Bauwerk gelandet wie ein fremder Vogel, der hier seine Klippe fand, wie ein Traum, den diese Gegend von sich selbst hat. Im Januar wurde das Auditorium eröffnet, das der jetzt 102 Jahre alte Oscar Niemeyer entwarf, der Einstein der Architektur, ein Genie der Raumkrümmung. Sechzehn Meter weit ragt sein 500-Plätze-Bau am Steilhang ungestützt dem Meer entgegen. Drinnen sieht man das Wasser durch ein großes Fensterauge hinterm Podium glitzern, die linke Seite des Saales öffnet sich zu den Bergketten der Küste.

Ein Traum ist hier wahr geworden. Aber warum versperren Baugitter den Zugang? Warum verzeichnet das Musikfestival von Ravello, das seinen 57. Sommer vor sich hat, keinen Auftritt im Auditorium, das doch auf die Initiative der Stiftung zurückgeht, die das Festival betreibt? »Italienischer Masochismus«, sagt mit bitterem Lachen ihr Pressesprecher Nicola Mensi. Die Stiftung hat der Kommune Ravello das Auditorium geschenkt. Dann wechselte die Stadtregierung – und die neue blockiert vorerst alle Planungen. Es ist nicht der erste Zwist um Niemeyers Wunder. Bis zuletzt versuchten die Denkmalschützer von Italia Nostra den »Schandfleck« zu verhindern, während 170 Kulturprominente ein Manifest für den Bau unterzeichneten. Nach 70 Monaten Verhandlungen und 40 Monaten Bauzeit war er fertig.

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Vielleicht hat die Aufregung damit zu tun, dass Ravello schon vorher eine Attraktion war. Ein Ort, dessen paar Quadratkilometer auf einer Bergzunge im Meer mit Schönheit und Bedeutung in fast schon irrealer Dichte gesegnet sind, »bedeckt von Gärten und Springbrunnen und voll von Leuten, die sich durch den Handel bedeutende Reichtümer erworben haben«, wie Giovanni Boccaccio vor sechseinhalb Jahrhunderten in einer Novelle über den Kaufmann Landolfo Rufolo schrieb. Rufolos Garten gibt es immer noch, mit einem Täfelchen: »Il Magico Giardino di Klingsor è trovato – Richard Wagner«. Cosimas Tagebuch bestätigt unterm 26. Mai 1880: »Aufritt nach Ravello, über alle Maßen schön. In Ravello Klingsor’s Garten gefunden.« Der Zaubergarten aus dem Parsifal.

Wagner hatte die Orchesterskizze schon fertig, aber in Details mögen sie eingeflossen sein, die Düfte und Farben. Wagners mitgereister Bühnenbildner Joukowsky aquarellierte den Garten sogleich als Modell für das Bayreuther Bühnenbild. Wobei schon das Original ein romantisches Kunstwerk war: Der reiche schottische Botaniker Francis Nevile Reid hatte das Areal umgestaltet. Von der treibhaushaft wuchernden Vegetation, durch die laut Wagner im Parsifal »immer mehr schöne Mädchen« eilen, sind heute eher übersichtliche Beete geblieben, doch kann man Wagners Töne hören, live und mit Blick aufs Meer. Denn allsommerlich wird hier auf dem »Belvedere« ein Open-Air-Podest fürs Orchester errichtet. Höhepunkte aus des Meisters Musikdramen bilden den Kern des Festivals; drum herum wird bunter Mainstream arrangiert.

Konzerte gibt es auch in einem anderen Garten, in dem sich schon der Bloomsbury-Kreis um Virginia Woolf erging. Auf schmalem Bergrücken wandelt man da an die Felskante der Ewigkeit, zwischen Hecken und Tempeln. Es ist der Park der Villa Cimbrone, die vor gut hundert Jahren ein Engländer kaufte. Lord Grimthorpe verband die historischen Reste mit englischer Gartenkunst. Greta Garbo und der Dirigent Leopold Stokowski kamen sich hier so nahe, dass sogar eine Inschrift von ihren Schäferstündchen kündet. Später lehnte sich Gina Lollobrigida sinnverwirrend über eine Brüstung: John Huston drehte Beat the Devil, nun saßen Humphrey Bogart, Peter Lorre und der Drehbuchautor Truman Capote vor der Bar Klingsor am Dom und schlürften wohl besseren Cappuccino als den, der da jetzt für drei Euro verkauft wird.

Ravello ist also nicht nur »über alle Maßen schön«, es ist auch unmäßig aufgeladen mit der Aura seiner Stargäste von Wagner bis Jackie Kennedy – und wegen alldem ziemlich profitabel. Dieses Städtchen von 2500 Einwohnern hat sechzehn Hotels, von denen fünf mit fünf Sternen glänzen. Man hat es sich schön in der Vergangenheit eingerichtet. Vielleicht sah man die bedroht, als das Auditorium wie aus der Zukunft einschwebte – entworfen von einem brasilianischen Künstler, der nie fliegt und den Ort nur von Fotos und Plänen kennt. Doch weil Niemeyer ein Genie ist, passt das halb sich anschmiegende, halb sich wegschwingende Auditorium nicht nur in die Gegend, es könnte auch neue lokale Identität stiften. So erhoffte es sich Domenico de Masi, Präsident der Fondazione, der das Konzerthaus anregte. Den Entwurf gab es gratis, und die 16 Millionen Euro für den Bau kamen von der EU. Ein Glücksfall. Zur Eröffnung kamen 5000 Leute in drei Tagen. »Da begriffen sie in Ravello, dass dieser Bau nützlich sein könnte«, sagt der Festivaldirektor Stefano Valanzuolo. 

Leserkommentare
  1. selbst wenn der Cappuccino 3.85 kostet und ich einen dreifachen Remy hinein gekippt habe, kann ich auf dem Foto (vieleicht sieht die wirklichkeit von der reling eines der schiffe anders aus) nicht einen "fremden vogel, der seine klippe fand" sehen. in meinen augen hat dieses tolle gebilde die form einer welle. brandung die an den fels rauscht und das rauschen der tiefen der meere kommt aus dem großen dunklen eingang.
    ansichtssache?

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