Kirchner-AusstellungWie gut war Kirchner?

Neues aus der Kunsthauptstadt Frankfurt: Das Städel fragt, ob unser größter Expressionist uns hundert Jahre lang an der Nase herumgeführt hat von 

Kleine Vorrede: Wir ziehen den Hut vor Max Hollein, Frankfurt ist im Moment die Stadt mit den interessantesten Kunstausstellungen des Landes. Erst Peter Roehr, dann Botticelli, jetzt Ernst Ludwig Kirchner. Dreimal hintereinander vertraute der 1969 geborene Hollein, eine Kunstenthusiast mit Manager-Gen, in diesem Frühjahr große Themen der alten und der aktuellen Kunstgeschichte gleichaltrigen Kuratoren an. Und Martin Engler, Andreas Schumacher und Felix Krämer nutzten die Chance zu Retrospektiven, in denen nicht nur nüchtern die Mythen von den Fakten getrennt wurden, sondern auch die Spreu vom Weizen. Es geht eben nicht nur darum, dass unter Hollein im Städel und in der Schirn eine Parade der großen Namen vorbeizieht, sondern dass diese großen Namen einer unbestechlichen Neubewertung und einer Qualitätskontrolle unterzogen werden.

Nun also auf dem Prüfstein: Ernst Ludwig Kirchner.

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Es ist aus zwei Gründen eine besonders überzeugende Idee, ausgerechnet in Frankfurt das Werk des großen Expressionisten erstmals seit dreißig Jahren wieder in einer großen Überblicksausstellung zu zeigen. So stammte der 1880 geborene Kirchner nicht nur aus dem nahe gelegenen Aschaffenburg, zog sich im Ersten Weltkrieg zu Kuraufenthalten in den Taunus zurück und fand in Frankfurt in den zwanziger Jahren seine größten Galeristen und Sammler. Auch baute das Städel als erstes Museum überhaupt eine Kirchner-Kollektion auf, sodass der Künstler 1925 selbstzufrieden notieren konnte: »Ich staune über die Kraft meiner Bilder im Städel.« Dann 1937 der große Kraftraub: Die Aktion Entartete Kunst verbannte auch Kirchners Werke aus allen öffentlichen Sammlungen. Dass das Städel heute wieder einen der besten Kirchner-Bestände überhaupt besitzt, verdankt es allein dem Privatsammler Carl Hagemann, denn weil das Museum im Krieg dessen Sammlung versteckte, entschlossen sich die Erben in der Nachkriegszeit zu umfangreichen Schenkungen. Und das ist der zweite Grund, warum diese Kirchner-Retrospektive so überzeugend platziert ist: Das Städel kann erstmals seinen ganzen Kirchner-Reichtum ausbreiten, 15 Gemälde, 100 Zeichnungen und Aquarelle sowie 280 Druckgrafiken.

Die bisherige Lesart Kirchners ging so: Ein besessener Zeichner, ein rauschhaft Getriebener, der 1905 in Dresden die Künstlergruppe Brücke mitgründete, der in seinem Atelier und an den Moritzburger Seen Bilder befreiter, spontaner Körperlichkeit einfing, der 1911 in den Moloch Berlin eintauchte und mit seinen Straßenszenen Ikonen des 20. Jahrhunderts schuf. Dann zog er in den Krieg, wurde seelisch zutiefst verwundet, wanderte 1918 in die Berge von Davos aus, wo er dann zwanzig Jahre lang in Vergessenheit und Abgeschiedenheit lebte, zunehmend medikamentenabhängig, nur sich selbst treu bleibend, künstlerisch schwächer werdend, bis er sich 1938, tief verzweifelt, zweimal ins Herz schoss.

Die von Felix Krämer kuratierte Ausstellung und der Katalog stellen vor allem zwei dieser Gewissheiten infrage: Hat uns, so lautet die erste Frage, Kirchner mit seinem Authentizitätskult an der Nase herumgeführt? Stehen nackte Frauen wirklich spontan so klassisch aufgereiht am Weiher herum, wie sie es in Kirchners Werken tun? Was ist bare Münze am Gründungsmanifest der Brücke, wonach »jeder unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt«? In Frankfurt kann man lernen, wie viel Kalkül in der vermeintlichen Spontaneität steckte, wie viel Methode hinter der Unmittelbarkeit, wie viel klassische Bildkomposition in den »unmittelbaren« Naturstudien – und wie viel Anregungen Kirchner aufnahm, wie er Werke der Künstler der Nabis, dann vor allem von Matisse, später Léger, Picasso aufsog und sich anverwandelte. Die Frankfurter Ausstellung misstraut also gründlich den Selbstaussagen des Künstlers. Und das Ergebnis ist in doppelter Weise überraschend.

Vorgeführt wird am Ende eigentlich nur die ewige Authentizitätssehnsucht eines bürgerlichen Publikums. Also: auch unsere Sehnsucht. Ernst Ludwig Kirchner erschuf den Mythos von Ernst Ludwig Kirchner, weil er wusste, dass sein zeitgenössisches und sein künftiges Publikum so sehr darauf gewartet hatten, dass sich das romantische Künstlerbild des 19. Jahrhunderts endlich einmal auch bei einem Deutschen mit Rausch, Sinnenfreude und farblicher und technischer Disziplinlosigkeit verbinden möge. Und dafür tat er fast alles. Die Ausstellung zeigt zahlreiche Leinwände, die er vordatiert hat oder an denen er nachträglich Retuschen vornahm, um seine eigene künstlerische Biografie stets, wie heute einen Eintrag bei Wikipedia, aktualisieren zu können.

Ab den zwanziger Jahren übernahm er die Nachruhmsteuerung dann ganz: Er ließ sich jeden Artikel in einer Kunstzeitschrift, die seine Werke zeigen wollte, zur Autorisierung vorlegen und redigierte dabei die danebenstehenden Artikel. Als auch das nicht mehr ausreichte, erfand er ein Pseudonym: Louis von Marsalle. Dieser adlige Franzose schrieb fortan mehrere Jahre lang sehr viele lobende Texte über Kirchners Werk – und es hätte Kirchner sicher sehr gefreut, wenn er gewusst hätte, dass jener Louis de Marsalle noch bis in die siebziger, achtziger Jahre hinein als wichtigste Quelle für fast alle kunsthistorischen Abhandlungen über ihn zurate gezogen wurde. 1924 also blickte er zufrieden auf sein Werk und sprach: »Die Fabrikmarke meiner Kunst heißt E.L.Kirchner.«

Leserkommentare
  1. Die SCHIRN mit z.B. mit dem großen Moderne-Star Georges SEURAT und der DARWIN-Schau sowie nach Boticelli jetzt mit E.L.KIRCHNER (im Städel Museum): wo gibt’s das sonst in deutschen Landen? Hut ab außer vor Max Hollein auch vor den Kuratoren Dr. Felix KRÄMER (Kirchner-Schau) und Dr. Pamela KORT (Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen; DIE ZEIT berichtete seltsamerweise NICHT darüber!).

    JA Herr ILLIES: „unbestechlichen Neubewertung und (…) Qualitätskontrolle“ tun der Evolutionisierung von Kunst & einer geforderten neuen Kunst(geschichte) gut.

    Dass die Frankfurter Ausstellung also gründlich den Selbstaussagen des Künstlers misstraut, gehört sich so für seriöse Kunstwissenschaftler. Kirchner arbeitete wie ein "Spät/Post-Moderner", wenn er Leinwände vordatiert hat und seine eigene „künstlerische Biografie stets, wie heute einen Eintrag bei Wikipedia, aktualisieren“ konnte. „Postmodern“ - besser NEU-MODERN m.E.- ist auch, dass E.L.K. sich Artikel in einer Kunstzeitschrift, die seine Werke zeigen wollte, zur Autorisierung vorlegen ließ und sie selbstbewusst redigierte. Auch erfand er ein Pseudonym: unter Louis von Marsalle schrieb er Selbstkritiken. Eine Reaktion auf den damaligen Kunstbetrieb!

    E.L.K. wollte "stete Verwandlung" (Evolution; Brief an Will Grohmann 1927): so entwickelte er in den 20er und besonders stürmischen 30er Jahren (als NAZI-Entarteter) noch einmal einen »neuen Stil« - eine "Neue Moderne"! Mehr siehe auch in 2 bebilderten Beiträgen von mir im WEB.

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