Michel Foucault Seid furchtlos, BürgerSeite 2/2
Wer nun immer noch behauptet, der späte Foucault habe sein Denken auf ein Coffeetable-Book-Format für höhere »Lebenskunst« ermäßigt, auf eine Wellness-Offerte für ausgebrannte kapitalistische Seelen, der sollte jene letzten Vorlesungen studieren, die sich mit den Underdogs der Philosophiegeschichte befassen, mit rebellischen »Kynikern« wie Diogenes. Schamlos, aggressiv und polemisch schleuderten sie den Machthabern ihre Wahrheit ins Gesicht, weil sie nicht nur auf eine »Reform der Individuen« aus waren, sondern – eine starke Behauptung – auf die »Reform der ganzen Welt«. »Bei der Begegnung zwischen Diogenes und Alexander ging es im Grunde nur um die Frage, welcher der beiden der wahre König sei.« Foucault bewundert die Kyniker für das Ideal des »unverborgenen Lebens«, das sich in Armut, Würde und Einsamkeit der Welt entgegensetzt und jede öffentliche Demütigung als Zeichen ihrer höheren Auserwähltheit versteht. »Der Kyniker ist ein Amtsträger der Menschheit im Allgemeinen, er ist ein Amtsträger der ethischen Universalität.«
Angesichts dieser Lesart erstaunt es nicht, dass das kynische »Wahrsprechen« für Foucault das Scharnier zum jüdisch-christlichen Denken bildet. Mit schlafwandlerischer Sicherheit erkennt er die tiefen Spuren, die der Monotheismus, das Denken der Gleichheit, auf der griechischen Bühne hinterlässt. Der Unterschied zwischen dem heidnischen und dem biblischen Denken besteht für Foucault nicht in der Haltung zur Askese, diese Unterscheidung findet er lächerlich. Die Differenz zum antiken Denken besteht vielmehr in der triadischen Struktur, die jüdisch-christliche Intellektuelle in den antiken Denkraum einziehen. In der neuen, der monotheistischen Lesart verständigen sich die Menschen untereinander im Licht eines Absoluten (»Gott«), das sie nicht selbst sind, oder wie Foucault sagt: Juden und Christen verstehen die Achtung vor dem Anderen als Achtung vor dem Gott, den dieser Andere »vertritt«. Überdies ist Gott mit Parrhesia begabt, und wer sich ihm anvertraut, dem antwortet er durch »die Offenbarung Seiner Güte und Seiner Macht«. Foucault entdeckt darin den hellen Pol des Monotheismus; der finstere Pol ist für ihn ein herrschsüchtiges, leibfeindliches und misstrauisches Christentum, das den Machthabern nicht mit dem »Mut zur Wahrheit« entgegentritt, sondern mit ihnen unter der Soutane aufs Innigste kollaboriert.
Natürlich bleibt die Frage, warum sich Foucault so tief in der Philosophiegeschichte vergräbt und die Alten so stark macht wie nur möglich. Warum diese philologische Plackerei? Und was ist der »allgemeine Rahmen« für die Archäologie des antiken Wissens? Der Philosoph hat keine Zeit mehr, seine eigene Frage zu beantworten, aber die Stoßrichtung ist offensichtlich. Foucault hat eine beinahe vitalistische Furcht vor der »Schließung« der Moderne, vor einer Gesellschaft, die den Streit um die Wahrheit erstickt und deren Bürger nicht mehr »souverän« sind, sondern gleichförmige Produkte medialer und politischer Macht.
Am 28. März 1984 beendet Foucault seine Vorlesungen. »Nun also, hören Sie, ich hatte vor, Ihnen einige Dinge zum allgemeinen Rahmen dieser Analysen zu sagen. Aber jetzt ist es zu spät. Also dann, danke schön.« Drei Monate später stirbt Michel Foucault im Alter von 57 Jahren an einer rätselhaften, unerforschten und unbesiegbaren Krankheit, er stirbt an Aids.
- Datum 06.05.2010 - 11:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.04.2010 Nr. 18
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Schön geschribener Artikel, der Focault in Kürze gut erklärt. Wer sich für Kartografierungen von Macht unter einem Focaultschen Blickwinkel interessiert, einfach mal hier vorbeischauen (sind manche gute, manche mir unverständliche Karten dabei): http://bureaudetudes.org/
Foucaults Parrhesia wird für mich immer wichtiger, nachdem wir seit Jahren auf eine glaubwürdige Analyse der Mediokratie, also der Verbindung von Institutionen und "freien Öffentlichkeiten" warten. Warum ist das Wahrsprechen von so geringem Belang, warum verschwendet sich die Öffentlichkeit in Spektakeln, irreführenden Meinungen und Gerüchten? Foucault kann eine erste Antwort darauf geben und beweist damit, wie zeitnah er in seinen letzten Arbeiten positioniert war. Nein, das war keine Rückkehr, das war keine Wurzelsuche à la Heidegger, vielleicht der Versuch, sich in weit entlegenen GEsellschaften erkenntnisreich zu spiegeln... Einer der wenigen theoretischen Anknüpfpunkte, die wir überhaupt noch vorliegen haben (in dürftiger Zeit)! Danke, Herr Assheuer!
eine sehr lustige Beschreibung von dem was man heute unter Emanzipation verstehen könnte kann man hier lesen http://www.critics.at/sho... - äußerst amüsant :)
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