Tommy JaudIm Ausland

Deutsche Urlauber? Peinlich! Noch peinlicher sind Bücher über sie. von Ursula März

In "Hummeldumm" reisen neun Pauschalurlauber durch Namibia

In "Hummeldumm" reisen neun Pauschalurlauber durch Namibia  |  Chedness / photocase.com

Wer je einen Pauschalurlaub unternahm und bei dieser Gelegenheit ein Hotelzimmer bewohnte, das neben einem Zimmer lag, welches von einer Sippe holländischer Pauschalurlauber bewohnt wurde, der weiß: Die Deutschen halten in puncto Peinlichkeit im Ausland nicht den Weltrekord. Obwohl sie es gerne annehmen, masochistisch, wie sie sind. Es stimmt zwar, dass die Deutschen einen Ehrgeiz entwickeln, morgens um sechs um den Hotelpool zu schleichen und die vorderen Liegen mit adidas-Handtüchern zu belegen. Die Holländer tun dies aber nur deshalb nicht, weil sie bis früh um vier auf dem Zimmer saufen, singen und grölen. Selbst der Liegenreservierungsrekord wackelt. Wer je im Urlaub mit Österreichern zu tun hatte, weiß auch dies.

Nein, ganz deutsch ist nur eine spezielle Variante der Liegenreservierung, welche darin besteht, früh um sieben an die Zimmertür anderer deutscher Hotelgäste zu klopfen und diese mit der Botschaft wachzubrüllen, man habe für sie eine Liege »mitreserviert«. Diese möge doch nun zügig in Besitz genommen werden, bevor die Österreicher und die Belgier an den Pool kämen oder mittags die Holländer.

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Das ist keine Erfindung. Das ist passiert. Es verdeutlicht, dass sich die Deutschen im Ausland nicht blöder, peinlicher oder rassistischer benehmen als andere Nationen. Aber sie bringen ihr Benehmen gern pädagogisch und kommentatorisch in Umlauf. Wenn sie einen Afrikaner »Neger« nennen, folgt sofort ein langer Vortrag darüber, dass diese Bezeichnung im Grunde genommen keine Beleidigung sei, dass die Spanier in Anbetracht der Indianerausrottung mal schön still sein sollten und die Holländer gut daran täten, sich in ausgenüchtertem Zustand mit ihrer Kolonialvergangenheit zu befassen.

Tommy Jaud: "Hummeldumm", Scherz Verlag, Frankfurt a. M., 2010; 300 S., 13,95 €

Tommy Jaud: "Hummeldumm", Scherz Verlag, Frankfurt a. M., 2010; 300 S., 13,95 €  |  © Scherz Verlag

Seit die Deutschen massentouristisch unterwegs sind, finden sie ihr Verhältnis zum Fremden mindestens so bemerkenswert wie das Fremde selbst. Von daher rührt auch ihre Liebe zur Kritik der eigenen Peinlichkeit.

Sie hat ein ganzes satirisches Genre hervorgebracht. Gerhard Polt ließ in dem Film Man spricht Deutsh Familie Löffler aus Ampermoding ihren Unsinn im italienischen Terracina treiben. Das war 1988. Aus der gleichen Quelle schöpften die Fernsehserien Alle Jahre wieder und Die Piefke-Saga. Nach der Wende nahm das Genre noch einmal Fahrt auf. Die Ostdeutschen sorgten in Paris und Peking für Spaß. Das wirkte damals schon abgestanden, um nicht zu sagen: billig. Es reicht, einen sonnenverbrannten Deutschen auf einem ausgemergelten Kamel am Nil rumreiten zu lassen. Schon ist der Lacher da. Für einen Satiriker vom Rang Tommy Jauds ist das unter Niveau. Tommy Jaud hat für Harald Schmidt und Anke Engelke Gags verfasst. Von so jemand muss man mehr erwarten. Tommy Jaud hat ein paar unterhaltsame, gut lesbare Bestseller geschrieben, Vollidiot, 2004, Resturlaub, 2006, er ist spezialisiert auf das Verhalten deutscher Männer in der Lebensmitte. In seinem Bestseller Hummeldumm lässt Jaud neun Pauschalurlauber durch Namibia reisen. Nur sieben von ihnen sind richtig peinlich. Der Ich-Erzähler übernimmt die Position des deutschen Peinlichkeitskritikers. Seine Freundin ist halb peinlich. Man weiß ab der ersten Seite, was passiert. Man weiß, dass irgendjemand »Neger« sagt, dass irgendjemand die Ankunft am Flughafen filmt, dass der Rest auf typisch deutsche Weise peinlich ist. Deutschland liebt das Buch und kauft es wie verrückt. Kein Holländer käme auf diese Idee.Ursula März

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Leserkommentare
  1. Warum?
    Weil er für Harald Schmidt und Anke Engelke .....
    Was ist denn das für ein Begründung für eine überhöhte Erwartungshaltung??

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    ...mit dem Wort Ironie etwas anfangen?

  2. Kann sein, dass Frau März das Buch noch nicht gelesen hat? Oder sie hatte beim Lesen gerade was anderes vor?
    Ausgerechnet aus "Hummeldumm" mal wieder das altbekannte Grundsätzliche abzuleiten und diese ausgelutschen Stereotype zu schinden, beweist, dass die Rezensentin mit Tommy Jaud rein gar nix anfangen kann.
    [...] Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion /ft

    Tipp übrigens: Wer nicht krankhaft bibliophil ist, sollte "Der
    Hörbuch" kaufen! Die Vortragskunst des Autors ist ein derartiger Kracher, das man zuweilen auf die Pause-Taste drücken muss, um Luft zu holen.
    Der Gipfel der Genüsse sollte ein mobiler CD-Spieler, ein Liegestuhl und ein sonniger Nachmittag sein.
    Eincremen, hinlegen, Augen schließen,"Hummeldumm" starten. Schöner kann Urlaub kaum sein.

  3. ...mit dem Wort Ironie etwas anfangen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Frau März scheint "Resturlaub" wirklich gefallen zu haben. Und Anke Engelke findet sie auch gut. Das verstehe, wer will.

    Ich zitiere an dieser Stelle mal Dennis Scheck (ARD, Druckfrisch) zum neuen Buch:

    "Anders als der neue Suter der neue Tommy Jaud: Diese im nervtötenden Comedysound erzählte Geschichte über eine deutsche Urlaubergruppe in Namibia ist von der ersten Seite an unerträglich. 'Mit solchen Leuten fährt man nicht durch Afrika', überlegt sich der Ich-Erzähler zu Beginn. 'Mit so einer Truppe dreht man 'ne Dokusoap für RTL2!' Da hat er leider recht."

  4. ...als Hörbuch wirklich große Klasse und sehr empfehlenswert, um die Lachmuskeln wieder einmal richtig zu strapazieren. Kann mir vorstellen, dass es als Audiovariante um einiges besser rüber kommt, als wenn man es "nur" liest.

  5. Das schöne am in den Urlaub fahren ist ja, dass man sich ein wenig peinlich benehmen darf, es kennt einen ja niemand.
    Und das sich der Einheimische über den Touristen mokiert, ist auch völlig in Ordnung, er kennt ihn ja auch nicht wirklich.

  6. Deutsche (und andere) Touristen belegen im Urlaub vorzugsweise die Liegen am Swimming-Pool - wo doch aber (z. B. "auf Malle") das Meer meistens nur ein paar Schritte entfernt ist....
    Das verstehe, wer will - ich verstehe es nicht.
    Und so werde ich auch fürderhin im Badeurlaub an den Strand (und ins Meer) gehen. Sollen die "Pool-Lieger" aller Nationen sich ruhig blutige Schlachten um die besten Liegeplätze am Pool liefern.

    Ach ja:
    Der meiner Meinung nach beste deutsche Film über Massentourismus ist "Club Las Piranas" (von und mit Hape Kerkeling).
    Der beste Text zum selben Thema: "Fahrt ins Glück" (Kurt Tucholsky).

    • alkyl
    • 06. Mai 2010 7:39 Uhr

    ...hat der große Mark Twain Maßstäbe gesetzt, die wohl nicht zu übertreffen sind. "Die Arglosen im Ausland" sind auf ihre Art und nach ihrer Zeit Sitte kaum weniger peinlich als heutige Pauschaltouristen. Das Erzählte jedoch ist nicht peinlich, sondern Weltliteratur. Bücher über die Peinlichen müssen nicht noch peinlicher sein als ihre Protagonisten.

  7. Mein Opa Wilhelm meinte, immer wenn er mal wieder verreiste: "ach hätt ich doch die Geistesgegenwart besessen, und wär zu Haus geblieben."

    Ist der Mensch dazu gemacht, Tourist zu sein?
    Kann ein Tourist Mensch sein?

    Humor ist wohl die einzige Antwort, auch Kalauer. Hauptsache man kann über sich selbst lachen.

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  • Schlagworte Harald Schmidt | Anke Engelke | Benehmen | Bestseller | Fernsehserie | Genre
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