Wer je einen Pauschalurlaub unternahm und bei dieser Gelegenheit ein Hotelzimmer bewohnte, das neben einem Zimmer lag, welches von einer Sippe holländischer Pauschalurlauber bewohnt wurde, der weiß: Die Deutschen halten in puncto Peinlichkeit im Ausland nicht den Weltrekord. Obwohl sie es gerne annehmen, masochistisch, wie sie sind. Es stimmt zwar, dass die Deutschen einen Ehrgeiz entwickeln, morgens um sechs um den Hotelpool zu schleichen und die vorderen Liegen mit adidas-Handtüchern zu belegen. Die Holländer tun dies aber nur deshalb nicht, weil sie bis früh um vier auf dem Zimmer saufen, singen und grölen. Selbst der Liegenreservierungsrekord wackelt. Wer je im Urlaub mit Österreichern zu tun hatte, weiß auch dies.

Nein, ganz deutsch ist nur eine spezielle Variante der Liegenreservierung, welche darin besteht, früh um sieben an die Zimmertür anderer deutscher Hotelgäste zu klopfen und diese mit der Botschaft wachzubrüllen, man habe für sie eine Liege »mitreserviert«. Diese möge doch nun zügig in Besitz genommen werden, bevor die Österreicher und die Belgier an den Pool kämen oder mittags die Holländer.

Das ist keine Erfindung. Das ist passiert. Es verdeutlicht, dass sich die Deutschen im Ausland nicht blöder, peinlicher oder rassistischer benehmen als andere Nationen. Aber sie bringen ihr Benehmen gern pädagogisch und kommentatorisch in Umlauf. Wenn sie einen Afrikaner »Neger« nennen, folgt sofort ein langer Vortrag darüber, dass diese Bezeichnung im Grunde genommen keine Beleidigung sei, dass die Spanier in Anbetracht der Indianerausrottung mal schön still sein sollten und die Holländer gut daran täten, sich in ausgenüchtertem Zustand mit ihrer Kolonialvergangenheit zu befassen.

Tommy Jaud: "Hummeldumm", Scherz Verlag, Frankfurt a. M., 2010; 300 S., 13,95 €

Seit die Deutschen massentouristisch unterwegs sind, finden sie ihr Verhältnis zum Fremden mindestens so bemerkenswert wie das Fremde selbst. Von daher rührt auch ihre Liebe zur Kritik der eigenen Peinlichkeit.

Sie hat ein ganzes satirisches Genre hervorgebracht. Gerhard Polt ließ in dem Film Man spricht Deutsh Familie Löffler aus Ampermoding ihren Unsinn im italienischen Terracina treiben. Das war 1988. Aus der gleichen Quelle schöpften die Fernsehserien Alle Jahre wieder und Die Piefke-Saga. Nach der Wende nahm das Genre noch einmal Fahrt auf. Die Ostdeutschen sorgten in Paris und Peking für Spaß. Das wirkte damals schon abgestanden, um nicht zu sagen: billig. Es reicht, einen sonnenverbrannten Deutschen auf einem ausgemergelten Kamel am Nil rumreiten zu lassen. Schon ist der Lacher da. Für einen Satiriker vom Rang Tommy Jauds ist das unter Niveau. Tommy Jaud hat für Harald Schmidt und Anke Engelke Gags verfasst. Von so jemand muss man mehr erwarten. Tommy Jaud hat ein paar unterhaltsame, gut lesbare Bestseller geschrieben, Vollidiot, 2004, Resturlaub, 2006, er ist spezialisiert auf das Verhalten deutscher Männer in der Lebensmitte. In seinem Bestseller Hummeldumm lässt Jaud neun Pauschalurlauber durch Namibia reisen. Nur sieben von ihnen sind richtig peinlich. Der Ich-Erzähler übernimmt die Position des deutschen Peinlichkeitskritikers. Seine Freundin ist halb peinlich. Man weiß ab der ersten Seite, was passiert. Man weiß, dass irgendjemand »Neger« sagt, dass irgendjemand die Ankunft am Flughafen filmt, dass der Rest auf typisch deutsche Weise peinlich ist. Deutschland liebt das Buch und kauft es wie verrückt. Kein Holländer käme auf diese Idee.Ursula März