Eine Ärztin mit einem Stethoskop © Rolf Vennenbernd/dpa

Damals, vor neun Jahren, schmerzte Anneliese B. aus Hamburg der Rücken. Sie konsultierte einen Radiologen, der nichts fand. Bald danach zog es im Brustkorb. Der Kardiologe war ratlos. »Eines Morgens fiel meiner Frau die Kaffeetasse aus der Hand«, erinnert sich ihr Ehemann. Nun war der Orthopäde an der Reihe. Er vermutete einen bedrängten Nerv. Dass es sich um eine vorübergehende Lähmung handelte, entging ihm.

Eines Morgens verstand der Ehemann nicht mehr, was ihm seine Frau sagen wollte. Diesmal riet der Orthopäde, einen Neurologen aufzusuchen. Der ordnete Röntgen an, kam zu keinem Ergebnis und schickte das Paar mit den Worten »Schlafen Sie sich mal aus!« nach Hause. Schließlich suchte Frau B. das Hamburger Universitätsklinikum auf. Dort lautete die Diagnose dann Schlaganfall. »Wären Sie mal früher gekommen«, sagte der aufnehmende Arzt.

Wer sich auf eigene Faust ins Versorgungsdickicht der Fachärzte wagt, riskiert mitunter seine Gesundheit. Er läuft Gefahr, auf Spezialisten zu treffen, die nicht über den Tellerrand ihrer Disziplin hinausblicken – manche, weil sie nicht wollen, viele, weil sie nicht können.

In den Aufbaujahren war der Hausarzt die unangefochtene Zentralinstanz für alle gesundheitlichen Fragen, von der Kinderkrankheit bis zum Rheuma. Das Wissen der Ärzte wuchs, die Medizin zerfiel zunehmend in Unterdisziplinen. Mit der Spezialisierung begannen der Aufschwung der Kliniken und der niedergelassenen Experten – eine kostspielige Entwicklung, denn jedes Krankenhaus, jeder Facharzt besitzt einen teuren Gerätepark, der ausgelastet sein will.

Seit einigen Jahren jedoch versuchen Gesundheitspolitiker, Funktionäre und Fachleute, den Trend wieder umzukehren: Zurück zum Hausarzt. Der Allgemeinpraktiker, der Universalist, soll wieder die erste Anlaufstelle sein, der seinen Patienten Hilfe und Orientierung bietet. Bei ihm sollen alle Informationen zusammenlaufen. Und ganz nebenbei soll er noch helfen, die Kosten im Gesundheitswesen kräftig zu senken.

Die grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer war 1999 eine der Ersten, die den Hausärzten den Rücken stärkte. Dann kämpfte Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe für ihre Anerkennung. Vergangenes Jahr legte auf dem Hausärztetag Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) nach: »Eine Gesellschaft des längeren Lebens braucht starke Hausärzte.« Jetzt hat Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) die vernachlässigten Universalmediziner wiederentdeckt und macht sich für sie stark.

Für viele Hausärzte muss die neue Wertschätzung wie Hohn klingen. Zwar genießen sie bei ihren Patienten hohes Ansehen. Doch das Gesundheitssystem selbst degradiert sie immer wieder zu Medizinern zweiter Klasse. Sie werden von niedergelassenen Spezialisten ausgebootet, in kassenärztlichen Vereinigungen marginalisiert und von Universitätsprofessoren als wissenschaftlich unterbelichtet belächelt. Hat der Hausarzt das verdient?