Diese amerikanischen Medizin-Studenten lernen an einem Modell. Doch das kann die Erfahrung in einer Arztpraxis nicht ersetzen © Joe Raedle/Getty Images

Als die Ärztin den Untersuchungsraum betritt, hat Sebastian Wortmann die Diagnose bereits gestellt. Gallensteine, da besteht für ihn kein Zweifel. Der Student deutet mit der linken Hand auf die Verdunkelung am Bildschirm, während er mit der rechten Hand den Ultraschallkopf ruhig auf den Bauch der Patientin hält. Hausärztin Ursula Hunold vergewissert sich noch einmal. Sie nickt. »Richtig. Und gar nicht einfach zu entdecken«, sagt sie. Die beiden sind ein eingespieltes Team geworden. Seit vier Monaten arbeitet Wortmann, Medizinstudent im letzten Jahr, in der Praxis von Ursula Hunold in Aachen mit.

»Studieren« in einer Allgemeinarztpraxis, geht das überhaupt? »Es ist eine echte Eins-zu-eins-Betreuung«, sagt Wortmann, »und viele Möglichkeiten, etwa dass man mit der Ultraschallmethode wirklich vertraut wird, hätte ich in einer Klinik nicht gehabt.« Das Angebot für Studenten, einen Teil ihres Praktischen Jahres im Bereich Allgemeinmedizin zu verbringen, gibt es an den meisten Universitäten erst seit einigen Monaten, so auch in Aachen.

Lange wurde das Fach in der Ausbildung stiefmütterlich behandelt: Während des gesamten Studiums war meist nicht viel mehr als eine Woche dafür reserviert; 2009 gab es an 16 der 36 deutschen Universitäten mit dem Studiengang Humanmedizin keine einzige ordentliche Professur für Allgemeinmedizin. Und in den Vorlesungen anderer Fächer trägt noch immer manch hochspezialisierter Arzt Beispiele von Patienten vor, deren Erkrankung vom Hausarzt mal wieder zu spät und auch noch falsch diagnostiziert wurde. Das färbt ab auf die Lernenden. »Das Fach Allgemeinmedizin erschien uns während der Ausbildung erst einmal eher grau«, sagt Sebastian Wortmann. Und bei vielen bleibt der Eindruck auch im Berufsleben bestehen: Die Hausärzte da draußen behandeln die Erkältung, die richtige Medizin aber wird in der Klinik gemacht.

Keine guten Voraussetzungen, um frisch ausgebildete Mediziner angesichts unterversorgter Regionen dafür zu begeistern, sich als Hausarzt niederzulassen. Inzwischen ist die prognostizierte Notlage so groß, dass Gesundheitsminister Philipp Rösler öffentlich darüber nachdenkt, den Numerus clausus für diejenigen zu lockern, die sich verpflichten, nach dem Studium in einer Hausarztpraxis zu arbeiten. Bis diese Idee in die Tat umgesetzt wird, wenn das überhaupt geschieht, dürften allerdings mehr als zehn Jahre vergehen.