Ausgerechnet hinter dem Bahnhof, ausgerechnet neben ein paar Wohnblöcken und einer Ausfallstraße liegt das Gebäude, auf dem dieser Tage die Hoffnungen von ganz Metz lasten. Von fern sieht es aus wie ein riesiger Champignon, der aus der Stadt herausgewachsen ist. Beim Näherkommen erkennt man das filigrane Holzgerüst unter der weiß schimmernden Glasfaserhaut der Gebäudeskulptur des japanischen Architekten Shigeru Ban, in dem das Centre Pompidou eine Filiale eröffnet hat. Es ist die erste Zweigstelle eines großen französischen Nationalmuseums in der Provinz.

Aus dem hohen Eingangsbereich, der grande nef, wo sich das Glasfaserdach wie ein Hut über die Außenwände stülpt, fährt ein gläserner Aufzug zu den drei übereinandergeschichteten Galerien, deren Fensterfronten wie übergroße USB-Sticks aus dem Pilzdach herausragen. Noch hallt jeder Schritt in den breiten, 80 Meter langen Ausstellungsgängen, noch werfen die weißen Wände jedes Wort in einem mehrfachen Echo zurück.

Nur ein Bild ist schon da. Man entdeckt es, sobald man die oberste Galerie auf 21 Meter Höhe betritt, und es wird immer opulenter, je weiter man sich vorwagt. Zuerst zeigt es eine spätgotische Kathedrale mit zwei Türmen, die an einem milchigen Himmel kratzen. Dann rücken vom Regen glänzende Dächer in den Blick und ein paar unscharf gezeichnete grüne Hügel im Hintergrund. Schließlich erscheinen die hellen Jugendstilfassaden, ein wuchtiger Wasserturm und am linken Rand der Bahnhof, der von hier oben so massig wirkt, als habe ihn ein Hunnenkönig errichtet, um sich darin zur Ruhe zu setzen.

Der Platz vor der Fensterfront sei »der schönste Ort in ganz Metz«, sagt Annabelle Türkis, eine junge Kunsthistorikerin, die in Saarbrücken geboren wurde und seit ihrer Kindheit in Paris lebte. Vor einem Jahr ist sie hierhergezogen, um die Eröffnung des Museums mit vorzubereiten. In den ersten Wochen stand sie oft hier oben am Fenster und schaute auf ihre neue Heimatstadt, die sie sich völlig anders vorgestellt hatte. Wie die meisten Franzosen, die Pariser zumal, hielt auch Annabelle Türkis Metz für eine öde Garnisonsstadt irgendwo an der Grenze zu Deutschland und Luxemburg, in einer Gegend also, die früher einmal von strategischer Bedeutung war, heute aber vor allem unter dem Niedergang von Bergbau und Schwerindustrie zu leiden hat.

Doch Metz, das zeigt schon der erste Blick aus dem Fenster, ist kein kulturelles Ödland. Die Römer haben am Zusammenfluss von Seille und Mosel Siedlungen gebaut, das ostfränkische Reich wurde von hier aus regiert. Im 14. Jahrhundert beherrschten reiche Kaufleute die damals freie Reichsstadt, ihnen verdankt Metz seine eleganten Patrizierhäuser, auch die vielen Kirchen und Klöster, die sich heute wie ein Ring um die Altstadt ziehen, stammen aus dem Mittelalter. Im 17. Jahrhundert erklärte Ludwig XIV . Metz zur Festungsstadt, um von hier aus seine Feldzüge gen Osten zu beginnen. Seine bedeutendste Hinterlassenschaft ist die Porte des Allemands, ein gewaltiges Stadttor, das der Sonnenkönig zur Festung ausbauen ließ. Zwischen 1871 und 1918 gehörte Metz zu Deutschland. Auch das sehe man der Stadt bis heute an, sagt Annabelle Türkis.

Draußen geht ein heftiger Wind, der die Haare zerzaust und die Wolken am Himmel vor sich her jagt. Über einen schmalen Fußgängersteg gelangt man in nur zwei Minuten vom Centre Pompidou zum imperialistischen Viertel, mit dem Kaiser Wilhelm II. damals seinen Herrschaftsanspruch untermauerte. Es beginnt gleich auf der anderen, der vorderen Seite des Bahnhofs, der vom Vorplatz aus noch monumentaler wirkt als aus der Vogelperspektive. »Fleischberg« sollen die Metzer das klobige Sandsteinding mit dem riesigen Uhrenturm einst genannt haben. Die Jüngeren aber hätten sich mit dem deutschen Erbe angefreundet, sagt Annabelle Türkis. Auch sie lebt in einem der mit schwerem Ornament beladenen Bürgerhäuser, die man sich gut in Berlin vorstellen könnte. In Metz wirken sie dunkel und fremd.

Vorbild ist Bilbao mit dem Guggenheim-Museum

Man versteht die Vorbehalte der alten Metzer gegen die wilhelminische Architektur, wenn man die Avenue Foch entlang in Richtung Altstadt läuft. Hinter der Porte de Serpenoise, einem an einen Triumphbogen erinnernden Stadttor, empfängt einen eine helle, aus gelbem Jaumont-Kalkstein gemauerte Innenstadt. Stadthäuser mit bodentiefen Fenstern leuchten honiggelb. Die Menschen in den Bistros trinken Moselwein oder ein demi, wie das kleine Bier hier heißt. Selbst die ehemaligen Kasernen am Moselufer, einst gegen den Erbfeind Deutschland errichtet, wirken freundlich. Heute residiert in den klassizistischen Riegeln die Universität.