Neues Centre Pompidou Metz, oh, là, là!
Das Centre Pompidou eröffnet eine Filiale in der Provinz, in Lothringen – und setzt eine ganze Stadt in Bewegung.
© EPA/Centre Georges Pompidou-Metz/Roland HALBE

Das erleuchtete Centre Pompidou in der Nacht vor der Eröffnung
Ausgerechnet hinter dem Bahnhof, ausgerechnet neben ein paar Wohnblöcken und einer Ausfallstraße liegt das Gebäude, auf dem dieser Tage die Hoffnungen von ganz Metz lasten. Von fern sieht es aus wie ein riesiger Champignon, der aus der Stadt herausgewachsen ist. Beim Näherkommen erkennt man das filigrane Holzgerüst unter der weiß schimmernden Glasfaserhaut der Gebäudeskulptur des japanischen Architekten Shigeru Ban, in dem das Centre Pompidou eine Filiale eröffnet hat. Es ist die erste Zweigstelle eines großen französischen Nationalmuseums in der Provinz.
Aus dem hohen Eingangsbereich, der grande nef, wo sich das Glasfaserdach wie ein Hut über die Außenwände stülpt, fährt ein gläserner Aufzug zu den drei übereinandergeschichteten Galerien, deren Fensterfronten wie übergroße USB-Sticks aus dem Pilzdach herausragen. Noch hallt jeder Schritt in den breiten, 80 Meter langen Ausstellungsgängen, noch werfen die weißen Wände jedes Wort in einem mehrfachen Echo zurück.
Nur ein Bild ist schon da. Man entdeckt es, sobald man die oberste Galerie auf 21 Meter Höhe betritt, und es wird immer opulenter, je weiter man sich vorwagt. Zuerst zeigt es eine spätgotische Kathedrale mit zwei Türmen, die an einem milchigen Himmel kratzen. Dann rücken vom Regen glänzende Dächer in den Blick und ein paar unscharf gezeichnete grüne Hügel im Hintergrund. Schließlich erscheinen die hellen Jugendstilfassaden, ein wuchtiger Wasserturm und am linken Rand der Bahnhof, der von hier oben so massig wirkt, als habe ihn ein Hunnenkönig errichtet, um sich darin zur Ruhe zu setzen.
- Anreise
Mit der Bahn beispielsweise von Frankfurt am Main über Saarbrücken in 3,5 bis 4 Stunden. Vom Bahnhof Metz Ville gelangt man in zwei Minuten Fußweg zum Centre Pompidou
- Unterkunft
-
Zur Eröffnung des Centre Pompidou bietet das Viersternehotel Citadelle (5, avenue Ney, Tel. 0033-387171717, www.citadelle-metz.com) einen Preis von 168 Euro pro Person im Doppelzimmer inklusive Frühstück, 7-Gänge-Menü, je zwei Eintrittskarten für das Centre Pompidou und die Museen von La Cour d’Or.
Einen Stern weniger hat das Hôtel de la Cathédrale (25, place de Chambre, Tel. 0033-387750002, www.hotelcathedrale-metz.fr) direkt in der Altstadt. In dem herrschaftlichen Stadthaus von 1627 haben die Besitzer die 30 Zimmer stilvoll mit antiken Möbeln ausgestattet. Die Zimmerpreise betragen zwischen 58 und 150 Euro, das Frühstück kostet 11 Euro.
- Centre Pompidou
Geöffnet täglich außer dienstags ab 11 Uhr vormittags (samstags bereits ab 10 Uhr). Montags, mittwochs und sonntags schließt es um 18 Uhr, an den anderen Tagen um 20 Uhr; www. centrepompidou-metz.fr. Eintritt: 7 Euro
- Auskunft
Atout France, Tel. 09001-570025, www.franceguide.com; http://tourisme.mairie-metz.fr/de
Der Platz vor der Fensterfront sei »der schönste Ort in ganz Metz«, sagt Annabelle Türkis, eine junge Kunsthistorikerin, die in Saarbrücken geboren wurde und seit ihrer Kindheit in Paris lebte. Vor einem Jahr ist sie hierhergezogen, um die Eröffnung des Museums mit vorzubereiten. In den ersten Wochen stand sie oft hier oben am Fenster und schaute auf ihre neue Heimatstadt, die sie sich völlig anders vorgestellt hatte. Wie die meisten Franzosen, die Pariser zumal, hielt auch Annabelle Türkis Metz für eine öde Garnisonsstadt irgendwo an der Grenze zu Deutschland und Luxemburg, in einer Gegend also, die früher einmal von strategischer Bedeutung war, heute aber vor allem unter dem Niedergang von Bergbau und Schwerindustrie zu leiden hat.
© EPA/MATHIEU CUGNOT

Ein Ausstellungsraum mit der Skulptur "Capricorn" von Max Ernst im Hintergrund
Doch Metz, das zeigt schon der erste Blick aus dem Fenster, ist kein kulturelles Ödland. Die Römer haben am Zusammenfluss von Seille und Mosel Siedlungen gebaut, das ostfränkische Reich wurde von hier aus regiert. Im 14. Jahrhundert beherrschten reiche Kaufleute die damals freie Reichsstadt, ihnen verdankt Metz seine eleganten Patrizierhäuser, auch die vielen Kirchen und Klöster, die sich heute wie ein Ring um die Altstadt ziehen, stammen aus dem Mittelalter. Im 17. Jahrhundert erklärte Ludwig XIV. Metz zur Festungsstadt, um von hier aus seine Feldzüge gen Osten zu beginnen. Seine bedeutendste Hinterlassenschaft ist die Porte des Allemands, ein gewaltiges Stadttor, das der Sonnenkönig zur Festung ausbauen ließ. Zwischen 1871 und 1918 gehörte Metz zu Deutschland. Auch das sehe man der Stadt bis heute an, sagt Annabelle Türkis.
Draußen geht ein heftiger Wind, der die Haare zerzaust und die Wolken am Himmel vor sich her jagt. Über einen schmalen Fußgängersteg gelangt man in nur zwei Minuten vom Centre Pompidou zum imperialistischen Viertel, mit dem Kaiser Wilhelm II. damals seinen Herrschaftsanspruch untermauerte. Es beginnt gleich auf der anderen, der vorderen Seite des Bahnhofs, der vom Vorplatz aus noch monumentaler wirkt als aus der Vogelperspektive. »Fleischberg« sollen die Metzer das klobige Sandsteinding mit dem riesigen Uhrenturm einst genannt haben. Die Jüngeren aber hätten sich mit dem deutschen Erbe angefreundet, sagt Annabelle Türkis. Auch sie lebt in einem der mit schwerem Ornament beladenen Bürgerhäuser, die man sich gut in Berlin vorstellen könnte. In Metz wirken sie dunkel und fremd.
Vorbild ist Bilbao mit dem Guggenheim-Museum
Man versteht die Vorbehalte der alten Metzer gegen die wilhelminische Architektur, wenn man die Avenue Foch entlang in Richtung Altstadt läuft. Hinter der Porte de Serpenoise, einem an einen Triumphbogen erinnernden Stadttor, empfängt einen eine helle, aus gelbem Jaumont-Kalkstein gemauerte Innenstadt. Stadthäuser mit bodentiefen Fenstern leuchten honiggelb. Die Menschen in den Bistros trinken Moselwein oder ein demi, wie das kleine Bier hier heißt. Selbst die ehemaligen Kasernen am Moselufer, einst gegen den Erbfeind Deutschland errichtet, wirken freundlich. Heute residiert in den klassizistischen Riegeln die Universität.
© Jean-Christophe Verhaegen/AFP/Getty Images

Das Centre Pompidou in Metz wurde von Shigeru Ban und Jean de Gastines gebaut
Die Soldaten sind längst außerhalb stationiert. Und das auch nicht mehr lange. Im Zuge der Armeereform werden von diesem Jahr an 4500 Militärs und Zivilangestellte mitsamt ihren Familien aus Metz abziehen. Damit verliert die Stadt ein Zehntel ihrer Bevölkerung. Aber das sehen die Metzer gelassen.
Bürgermeister Dominique Gros, selbst Sohn eines Offiziers, betrachtet das Verschwinden der Soldaten sogar als Chance, der Stadt ein neues Image zu geben, in Frankreich und in der ganzen Welt. »Metz hat eine 3000 Jahre alte Geschichte und eine Myriade denkmalgeschützter Gebäude, aber leider weiß das bisher fast keiner«, sagt er. Das Centre Pompidou, dessen Errichtung lange vor der Armeereform beschlossen wurde, um Lothringen kulturell stärker an die Hauptstadt zu binden, kommt ihm da gerade recht. Vor einem halben Jahr hat er den stellvertretenden Bürgermeister von Bilbao eingeladen, damit dieser den Metzern von dem beispiellosen Boom berichtet, den die Eröffnung des Guggenheim-Museums in der maroden Industriestadt ausgelöst hatte. Seither träumt die ganze Stadt vom »Bilbao-Effekt«. Das Centre Pompidou selbst rechnet mit bis zu 300000 Besuchern im Jahr. Doch Gros glaubt, dass es viel mehr werden.
Sein Büro mit der eleganten Sitzgruppe in der Mitte liegt im Herzen der Altstadt, gegenüber der Kathedrale, die zu den bedeutendsten Werken der Spätgotik gehören soll. Steht man davor, ist man von ihrer schieren Größe überwältigt. 136 Meter lang und das Längsschiff mit 41 Metern schon fast halb so hoch wie der Turm. 6500 Quadratmeter Glas, mehr als in jeder anderen Kirche, wurden in den Hunderten kleinen und großen, von filigranen Mauerrippen zusammengehaltenen Rundbogenfenstern verbaut. Die Fenster links hinter dem Altar hat der russische Künstler Marc Chagall in den sechziger Jahren gestaltet. Sein Zyklus zeigt die Schöpfungsgeschichte bis zum Sündenfall. Auf dem letzten Bild sieht man Eva, die, blau und kalt, das Paradies verlässt. Daneben wirkt die Statue des heiligen Clemens am Südportal der Kathedrale fast komisch: Ein Mann in einfacher Kutte und mit einem milden Zug um den Mund führt einen Drachen an einer Leine spazieren.
Der Legende nach soll der Drache Graoully in dem ehemaligen römischen Amphitheater gelebt und die Metzer in Angst und Schrecken gehalten haben, bis ihn der erste Bischof von Metz in einen Hinterhalt lockte und auf einer Insel in der Seille bezwang. Bis ins 19. Jahrhundert trugen die Metzer bei feierlichen Anlässen ein Bildnis des Fabelwesens durch die Straßen, um an den Sieg des Christentums über die Heiden zu erinnern. Heute ist es so etwas wie das Stadtmaskottchen. Es ziert sogar das Wappen des Fußballclubs FC Metz.
In den Markthallen, gleich neben der Kathedrale, ist ihm eine dicke Suppe aus Tomaten, Minze und Hammelfleisch gewidmet. Das genaue Rezept ist das Geheimnis von Patrick Grumberg, dem Inhaber eines Standes für lothringische Spezialitäten. Auf seinem Kopf sitzt eine rote Wollmütze, an seiner grauen Küchenschürze trägt er einen Sticker mit dem Logo des Centre Pompidou. Selbst zwischen den Garküchen und Gemüseständen hat die Menschen das Museumsfieber erfasst. »Es ist unsere Zukunft«, sagt Grumberg, während er im Akkord Eisbein, Sauerkraut und gebratene Blutwürste auf Teller mit altmodischen Blumenmustern lädt. Mauricette Vonner, die Besitzerin der Schlachtertheke nebenan, denkt darüber nach, Japanisch zu lernen. Sie will vorbereitet sein, wenn die Welt ihre Stadt entdeckt.
Verwarzte Hexen und Ungeheuer bevölkern den Supermarkt
Das wollen in Metz derzeit alle. Überall herrscht ein Optimismus, der in Europa selten geworden ist. Da sind zum Beispiel die Investoren, die auf dem Brachland hinter dem Museum in den nächsten Jahren ein Neubauviertel hochziehen werden, mit schicken Wohnungen, Büros und Geschäften. Da ist der Sternekoch, der ein Vermögen in ein Viersternehotel in der ehemaligen Zitadelle gesteckt hat. Obwohl das Haus bisher nur zu 40 Prozent ausgelastet ist, sagt er: »Hier gehe ich in Rente.« Und da sind die jungen Kreativen, die Künstler, Modemacher, Galeristen, die in Metz bisher eher im Verborgenen gewirkt haben. Jetzt rechnen sie damit, ganz groß rauszukommen.
Schon im Januar eröffnete in der Rue Mazelle, auf halbem Weg zwischen dem Centre Pompidou und der Innenstadt, das O petit BoBourg, ein Galerie-Café, dessen Name nicht zufällig an den Spitznamen des Centre Pompidou in Paris erinnert. Beaubourg heißt das Museum dort, nach dem Stadtteil, in dem es liegt. An den Wänden der mit dunklem Holz und blankem Chromstahl eingerichteten Bar hängen Bilder in schreienden Farben von Künstlern, die noch entdeckt werden wollen. Eines zeigt einen von verwarzten Hexen und Ungeheuern bevölkerten Supermarkt, in dem Galgenstricke, Drogen und Waffen zum Kauf angeboten werden. Vor den Bildern und an dem stählernen Tresen drängen sich vom späten Nachmittag an Menschen, die es in Metz heute schon chic finden, sich mit junger Kunst zu umgeben. Menschen wie Nadine Yavuz.
© EPA/Centre Georges Pompidou-Metz/Roland Halbe

Durch das Fenster des Museums blickt man auf die Altstadt von Metz
Die türkischstämmige Modedesignerin betreibt am Domplatz eine kleine Boutique für extravagante Damenmode. Abendkleider mit waghalsigen Korsagen gibt es da, Kombinationen aus Grellgrün und Pink, goldene Brautkleider und tief ausgeschnittene Westernroben, wie man sie zuletzt an Claudia Cardinale in Spiel mir das Lied vom Tod gesehen hat. Wer sich bei Yavuz ein Kleid kauft, braucht schon ein bisschen Mut. »Ich mache halt mein Ding«, sagt die Mittvierzigerin mit der wilden blonden Mähne, die sich das Nähen selbst beigebracht hat.
Mit 15 hat sie ihre Eltern verklagt, weil die sie mit einem fremden Mann verheiraten wollten. 2004 hat sie das Geschäft eröffnet. Jetzt zieht es sie zur Kunst. Sie schreibt Gedichte auf Stoffe, behängt Abendkleider mit bunten Mineralwasserflaschen und Zeitungsausschnitten. Mit dem Centre Pompidou, so glaubt sie, kämen die entsprechenden Kunden.
Doch ob das neue Museum tatsächlich jene Klientel in die Stadt bringt, von der das junge Metz träumt? Wer sich für Picasso und Miró begeistert, kauft sich nicht zwangsläufig ein mit leeren Sprudelflaschen dekoriertes Abendkleid. Wer Pop-Art liebt, könnte dennoch von den Arbeiten, die die private Kunsthalle Faux Mouvements an der Place Saint-Louis derzeit in Metz zeigt, abgestoßen sein.
In dem abgedunkelten Ausstellungsraum hat der Konzeptkünstler Le Gentil Garçon alias Julien Amouroux ein von einem Motor bewegtes Mobile aus einem Grinsemaul, einer Nase und einem Augenpaar vor den Scheinwerfer eines Diaprojektors gehängt. Zu dem dramatischen Soundtrack alter Hitchcock-Filme wirft es einen Katzenkopf an die Wand, der einen mal freundlich angrinst, mal eine scheußliche Fratze zeigt. »Die Grenzen zwischen dem Guten und dem Bösen sind fließend. Was gerade noch als gut erschien, kann schnell ins Gegenteil umschlagen«, erklärt Cathie Menna die Arbeit des 35-jährigen Autodidakten aus Lyon.
Die kleine Frau mit dem strengen Pagenkopf arbeitet als »Kulturmediatorin« bei Faux Mouvements. Es ist ihre Aufgabe, Kunst zu erklären und so zu »entdramatisieren«. Zurzeit steht sie allerdings oft ganz allein neben dem Katzenkopfmobile. »Die Menschen fürchten sich vor Dingen, die sie nicht verstehen«, sagt Menna. Das sei schon immer das Problem von moderner Kunst gewesen, vor allem von solcher, die es noch nicht ins Museum geschafft habe. Dennoch betrachtet sie das Centre Pompidou nicht als Konkurrenz. Menna hofft, dass es »eine Brücke schlägt« zwischen etablierter und nicht etablierter Kunst. Schließlich hätten die Maler, die dort ausgestellt werden, auch nicht als Weltstars begonnen.
»Meisterwerke«, die große Eröffnungsausstellung des Centre Pompidou, begleitet ihr Haus mit einer eigenen Schau: »Meisterwerke? Was ist das?«

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- Datum 12.05.2010 - 13:33 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.04.2010 Nr. 18
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