Polen In trauriger Mission
Wahlkampf mit dem toten Bruder: Jarosław Kaczyński will polnischer Präsident werden
© Sean Gallup/Getty Images

Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des verstorbenen Lech Kaczynski, möchte seinem Bruder im Präsidentenamt nachfolgen
Auf den Tod folgt die Trauer folgt die Auferstehung. Es ist Tag 16 nach der Katastrophe von Smolensk, als Jarosław Kaczyński erklärt, er werde für das polnische Präsidentenamt kandidieren. Anstelle seines Zwillingsbruders Lech wird er auf Plakaten posieren, Reden an die Nation halten und sich im Wahlkampf aufreiben. Manchen, der den Mühen dieses Mannes zuschauen wird, dürfte die Erinnerung schaudern lassen: Jarosław sieht seinem verunglückten Zwillingsbruder Lech zum Verwechseln ähnlich; wer in sein Gesicht blickt, denkt das des Verunglückten mit.
Wie könnte ein politischer Gegner also einen Wahlkampf gegen das Gedenken führen? Und Jarosław Kaczyński, der schon einmal Premierminister war, hat in der Vergangenheit Politik so gemacht, wie man sie sich nicht wünscht: unversöhnlich, polarisierend, selten im Hier und Jetzt. Das mag fern sein, vergessen ist es in Polen nicht.
Ein Mann stirbt, und sein Bruder will dessen Aufgabe zu Ende bringen – das ist der Stoff, aus dem Tragödien sind. An Bord der Maschine in Richtung Smolensk saßen nicht nur Jarosławs einziger Bruder und seine Schwägerin, sondern auch politische Freunde aus der eigenen Partei. Es heißt, von allen Seiten sei er bedrängt worden zu kandidieren – eine Alternative gab es nicht. Andere Kandidaten, die für das Amt infrage gekommen wären, saßen ebenfalls mit an Bord.
Jarosław Kaczyński, der sein Leben der Politik gewidmet hat, hat dem Drängen nachgegeben. Schmerz und Trauer sind ihm in diesen Tagen deutlich anzusehen, aber das persönliche Leid, schreibt Kaczyński, müsse überwunden werden.
Eine solche Entscheidung verdient Respekt. Für einen Augenblick griff Jarosław Kaczyński nach der Chance, wahre Größe zu zeigen – und fasste doch daneben.
»Wir sind dies den Opfern von Smolensk schuldig«, schreibt er als Begründung für seine Kandidatur. »Das tragische Ende des Präsidenten, der Tod einer polnischen patriotischen Elite heißt für uns nur eines: Wir müssen ihre Mission beenden. Das sind wir ihnen schuldig, das sind wir unserem Vaterland schuldig.«
Schuldig? Mission? Wovon ist hier die Rede?
Was sollen die Hinterbliebenen schuldig sein – und wem? Einen Auftrag der Verstorbenen hat es nicht gegeben, der erfüllt werden müsste. Jarosław Kaczyński interpretiert, was nicht in seiner Macht steht. Als Betroffener erteilt er sich selbst die Vollmacht, festzulegen, was man den Opfern schuldig sei. Aber die Hinterbliebenen sind nichts schuldig – außer vielleicht der Verantwortung, einen fairen Wahlkampf um das Präsidentenamt zu führen. Denn dieser Wahlkampf wird zweifelsohne besonders werden – aber er bleibt doch nur ein Wahlkampf und keine Mission: Mehrere Bewerber kandidieren um das höchste Staatsamt, am 20. Juni entscheiden die Wähler.
- Datum 30.04.2010 - 15:36 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.04.2010 Nr. 18
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Dieser Artikel passt sehr gut zu der von Helmut Kohl geprägten Sichtweise der "Gnade der späten Geburt". Was ist schon daran auszusetzen, dass ein Land, ein Volk, sein Geschichtsbewusstsein pflegt. Wer die Geschichte vergisst, wird auch von der Geschichte vergessen; und seine Nachkommen landen beim Psychiater (frei nach Sigi Freud).
"Er holte die Vergangenheit in die Gegenwart. Seine Politik lebte davon, an die Kränkungen, Demütigungen und die versuchte Auslöschung der polnischen Nation zu erinnern. Er mobilisierte, indem er ein gemeinsames Opfergefühl weckte" -heißt es in dem Artikel.
Eine menschliche Gesellschaft, die sich nur als Opfer anderer sieht und darstellt ,ohne sich den eigenen Fehlungen und Verbrechen zu stellen und diese aufzuarbeiten, ist weit davon entfernt, von anderen ernst genommen zu werden oder gar sich "groß" nennen zu düfen. Ein Hauch der Unehrlichkeit und Unaufgeklärtheit hängt über einer solchen Ideologie. Wie läßt es sich zum Beispiel erklären, daß der erhabene Sinn der Kaczynski-Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) in Polen nur Anwendung findet, wenn es sich um polnische potenzielle oder tatsächliche Opfer handelt. Die Deutschen fallen dort in eine andere Kategorie, wo Recht und Gerechtigkeit nicht zu finden sind.
Ich empfehle Ihnen das Buch von Markus Roth „Herrenmenschen: Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen - Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte“ ; es ist erstaunlich, dass diese Tatsachen erst im Jahr 2009 auf deutscher Seite dargestellt werden. Vielleicht auch noch „Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945“ von Ernst Klee – die Karrieren nach 1945 machen doch einen sprachlos.
Danach kann man die Aussage von Helmut Schmidt besser verstehen: „Mein Vertrauen in die Kontinuität der deutschen Entwicklung ist nicht sonderlich groß. Die Deutschen bleiben eine verführbare Nation – in höherem Maße verführbar als andere.“.
Eine Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Vorbild der südafrikanischen Einrichtung würde wahrscheinlich Deutschland und Polen guttun…
Ich empfehle Ihnen das Buch von Markus Roth „Herrenmenschen: Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen - Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte“ ; es ist erstaunlich, dass diese Tatsachen erst im Jahr 2009 auf deutscher Seite dargestellt werden. Vielleicht auch noch „Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945“ von Ernst Klee – die Karrieren nach 1945 machen doch einen sprachlos.
Danach kann man die Aussage von Helmut Schmidt besser verstehen: „Mein Vertrauen in die Kontinuität der deutschen Entwicklung ist nicht sonderlich groß. Die Deutschen bleiben eine verführbare Nation – in höherem Maße verführbar als andere.“.
Eine Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Vorbild der südafrikanischen Einrichtung würde wahrscheinlich Deutschland und Polen guttun…
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Danach kann man die Aussage von Helmut Schmidt besser verstehen: „Mein Vertrauen in die Kontinuität der deutschen Entwicklung ist nicht sonderlich groß. Die Deutschen bleiben eine verführbare Nation – in höherem Maße verführbar als andere.“.
Eine Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Vorbild der südafrikanischen Einrichtung würde wahrscheinlich Deutschland und Polen guttun…
Der Herrenmensch, werte/r naej, ist passé. In der modernen Demokratie hat er keine Chancen mehr, seine Ziele zu verwirklichen. Seine verwerflichen Rechtsbrüche und moralischen Verfehlungen unter der nationalsozialistischen Diktatur rechtfertigen keinen einzigen Übergriff der Polen, Tschechen, Russen etc. auf deutsche wehrlose Zivilisten. Das ist in den universalen Menschenrechten verankert. Die Siegermächte haben haben über Schuld und Sühne Deutschlands gerichtet. Deutschland hat seine Schuld aufgearbeitet. Jetzt sind die Nachhinkenden an der Reihe, wenn sie es mit der Aussöhnung ehrlich meinen.
Moin,
ein Monument der Verkörperung der Vergangenheit, das waren sie Kaczyński-Brüder, der überlebende Bruder wird dies auch bleiben. Übrigens ein Abbild der jüngeren Vergangenheit, nicht einmal der jüngsten. Die Zukunft Polens kann vermutlich erst weit nach den beiden beginnen; also dann, wenn auch der Jarosław Kaczyński sich politisch zur Ruhe setzt. Dies ist, wenn auch in Polen nicht so hart ausgeprägt, vergleichbar mit der Situation in Kuba.
Die Verbitterung und Rückwärtsorientierung der Kaczyńskis und ihrer Anhängerschaft ist ein schlechter Ratgeber für die Entwicklung des Landes, seiner Rolle in Europa, in der Welt, für das Selbstverständnis der Polen.
Beste Grüße
Grabert
Es ist schon erstaunlich wie schnell die Geschichtsaufarbeitung zur Verbitterung und Rückwärtsorientierung degradiert wird.
Wer seine eigene Geschichte aufgearbeitet hat, muss die Auseinandersetzung nicht fürchten; wer sie nur verdrängt hat, wird aggressiv… Schuldgefühle?
Der Satz Adenauers "Man schüttet kein schmutziges Wasser aus, wenn man kein sauberes hat." mag in Zeiten des Umbruchs seinen Sinn haben, für eine Lebensweisheit reicht er nicht aus. Irgendwann muss man „schmutziges und sauberes Wasser“ trennen und dies haben sich die Brüder Kaczynski wohl zum Ziel gesetzt, als sie 2001 die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ gegründet haben, was man ihrem Parteiprogramm vom Jahr 2007 entnehmen kann.
Ob die Siegermächte über Schuld und Sühne Deutschlands gerichtet haben, sollte in Frage gestellt werden…
Sühne ist ein individueller Vorgang, über den schon gar nicht gerichtlich zu entscheiden ist…
Eine Gesellschaft kann aber auf eine Bewusstseinsänderung hinwirken, Staatsakte können darüber Zeugnis ablegen.
Was mich anbetrifft, so warte ich auf den Tag, an dem der 8. oder 9. Mai zum Tag der Befreiung von der Naziherrschaft, also zum bundesweiten Feiertag erklärt wird. Seit 2002 ist der 8. Mai gesetzlicher Gedenktag in Mecklenburg-Vorpommern: Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des 2. Weltkrieges. Ich fürchte, noch lange warten zu müssen…
Das ist das Ende der Psycho-Zwerge, die die polnische Politik so unheilvoll und dümmlich gestaltet haben. Gerade mal 14 Tage kann der Bruder trauern, um dann aus dem Tod des Bruders zu ziehen.
Unwürdiger gehts nicht.
An wen, wert/e naej, richten Sie die Frage 'Schuldgefühle'? Würden Sie bitte Ihren ersten Satz näher erläutern?
Wenn ich eine Partei unter dem Motto "Recht und Gerechtigkeit" gründe, muß dieses Allgemeingültigkeit haben und nicht nur im Parteiprogramm oder für meine eignen Leute. Daß das in Polen nicht der Fall ist, muß ich am Schicksal meiner deutschstämmigen Familie erfahren, für die ich seit zehn Jahren um Recht und Gerechtigkeit kämpfe. Würde es sich bei den vermeintlichen Opfern um Polen handeln, wäre der Fall schon lange geklärt.
Mit 'Schuld und Sühne' sind die Nürnberger Prozesse gemeint. Der Amerikaner Bradley F. Smith hat dazu ein Buch geschrieben, das in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Der Jahrhundertprozeß" (Die Motive der Richter von Nürnberg Anatomie einer Urteilsfindung) erhältlich ist. Eine perfekte Urteilssprechung gibt es in unerer Welt nicht.
Sehr gut gesagt/geschrieben.
Danke!
Sehr gut gesagt/geschrieben.
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