ZEITmagazin: Frau Leutheusser-Schnarrenberger, warum sind Sie Politikerin geworden?

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Um Demokratie aktiv mitzugestalten und um den Teil der Verfassung zu verteidigen, den ich für den wichtigsten halte: die Grundrechte.

ZEITmagazin: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dieser klar werteorientierten Haltung und Ihrer Herkunft?

Leutheusser-Schnarrenberger: Ich komme aus einem sehr politischen Elternhaus, wo beim Frühstück und Abendessen viel über grundlegende Fragen diskutiert wurde. Mein Vater war von den Nationalsozialisten als Landrat abgesetzt und degradiert worden, weil er nicht in die Partei eintreten wollte. Diese Erfahrung hat seine Haltung zu den Menschenrechten und zur Wichtigkeit persönlicher Freiheit sehr geprägt.

ZEITmagazin: Sie haben später beim Lauschangriff eine ähnlich konsequente Haltung gezeigt. Was hat Sie damals so aufgewühlt?

Leutheusser-Schnarrenberger: Um besser gegen Kriminalität vorgehen zu können, sollte dem Staat erlaubt werden, in Wohnungen heimlich abzuhören. Dafür hätte unser Grundgesetz geändert werden müssen. Das zentrale Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung stand auf dem Spiel. Für mich als Justizministerin war es vollkommen indiskutabel, in dieser Grundsatzfrage das Gegenteil meiner Überzeugung in Gesetzesform zu gießen. Nach dem Motto: Das widerspricht zwar allem, was ich für richtig halte, ist aber nun mal Mehrheitsmeinung. So eine Haltung kam für mich nicht in Frage.

ZEITmagazin: Deshalb sind Sie als Justizministerin zurückgetreten. Was ging in den Stunden vor diesem bewegenden Moment in Ihnen vor?

Leutheusser-Schnarrenberger: Da war meine Entscheidung ja schon längst gefallen. Viel angespannter war ich vorher, als ich auf das Ergebnis der FDP-Mitgliederbefragung zum Lauschangriff wartete. Mir war innerlich immer klar, wenn eine Mehrheit dafür rauskommt, trete ich zurück. Das hat in der Partei niemand gewusst, und es hat sich wahrscheinlich niemand vorstellen können, dass ich diese Konsequenz ziehe.