Die Moskauer Siegesfeier am 9. Mai soll einen blutigen Diktator zurückbringen: Zum 65.Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg plant die Stadtverwaltung, etliche Großplakate mit dem Porträt Josef Stalins im Zentrum Moskaus aufzustellen. Zuständig ist das Stadtkomitee für Reklame, Information und Dekoration. Es reagiere so, heißt es offiziell, auf die Nachfrage von »unzähligen Veteranenorganisationen«, die nicht weiter benannt werden. In sowjetischer Zeit hieß die Standardformel für eigenmächtiges Handeln der Staatsorgane: »auf Wunsch der Werktätigen«.

Die Aktion bestätigt die Tendenz, Stalin weiterhin in Ehren zu halten. Schon haben sich Provinzstädte wie Kirow oder Woronesch mit Stalin-Postern geschmückt, und Fanatiker aus Sankt Petersburg sammelten knapp 1000 Euro, um »zur Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit« Autobusse mit dem Porträt des »Vaters aller Zeiten und Völker« zu veredeln. Das Ansinnen der Moskauer Stadtverwaltung nun verteidigte Bürgermeister Jurij Luschkow mit dem vagen Hinweis, Stalin komme keineswegs prominent, sondern nur in »entsprechenden Proportionen« ins Bild. Moskau, lautet die Beruhigungsformel, zeige nur ein bisschen Tyrannen.

Aber auch der kleinformatige Stalin sorgt für Kritik und Widerstand. Die Geschichts- und Menschenrechtsorganisation Memorial bezeichnete die Huldigung als Kränkung aller Gefallenen, die nicht zur Verteidigung des Oberbefehlshabers und des Politbüros, sondern der Heimat an die Front gezogen seien. Wer dieses Verdienst allein Stalin zuschreibe, plündere das Erbe der Kriegstoten. Memorial kündigte eigene Plakate an, die über Stalins Verbrechen aufklären sollen.

Dabei geht es den Politikern kaum um Stalin. Eine Stalinisierung des Landes streben nur wenige, eher wirre Köpfe an. Der Diktator dient vielmehr als Mittel zum politischen Zweck. Aber auch das stärkt seine Aura. Moskaus Bürgermeister versucht, mit den Plakaten der konservativen Fraktion Entgegenkommen zu signalisieren. »In den russischen Führungskreisen wird über die strategische Entwicklung Russlands gestritten: Soll es ein neues Tauwetter mit einer begrenzten Reformpolitik oder eine Stärkung des autoritären Systems geben?«, erklärt der Moskauer Politologe Andrej Rjabow den internen Konflikt. »Dies geschieht allerdings im Verborgenen. Denn eine Besonderheit der russischen Politik ist es, dass die Machtelite ihre Konflikte kaum öffentlich austrägt. Um sie doch in die Öffentlichkeit zu bringen, bedient man sich der Geschichte. Die Figur Stalin kommt hier gerade recht. Hier zeigt sich, wo der Einzelne politisch steht.« Luschkows Aktion dient als Kampfansage an die Liberalen.

Schon der frühere Präsident Wladimir Putin nutzte das Erbe Stalins. Zwar hat er den Diktator nie ausdrücklich gepriesen. Aber er ließ durchblicken, dass damals nicht alles so schlecht gewesen sei, und restaurierte die Sowjethymne. Als Putin den Großen Terror von 1937 ohne Schuldzuweisung als »schreckliche Seite« der russischen Geschichte bezeichnete, klang das eher nach dem pflichtgemäßen Bedauern einer Naturkatastrophe. Zudem relativierte er Stalins Verbrechen sogleich mit der Bemerkung, die Zerstörung Hiroshimas durch die Atombombe sei doch viel schlimmer gewesen.

Die teilweise Rechtfertigung des Stalinismus appellierte unterschwellig an alte Großmachtinstinkte, außerdem half dergleichen, die autoritären Züge des Putinschen Regimes zu rechtfertigen. Dementsprechend stellten denn auch Geschichtsbücher Stalins Terror als ein »historisch notwendiges Mittel zur Lösung staatlicher Aufgaben« dar. Auch Putins Nachfolger, Präsident Dmitrij Medwedjew, bezog sich in seiner Rede zur Modernisierung Russlands im vergangenen November direkt auf Stalin. Allerdings, sagte Medwedjew, sehe er sich als Modernisierer auf der Grundlage humaner Werte und der Demokratie. Und vor wenigen Tagen nannte er die Massenmorde in Katyn das »verbrecherische Werk Stalins«.