StalinismusStalin für alle
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Solschenizyns und Schalamows Bücher sind überall zu haben

Solschenizyns und Schalamows Bücher sind überall zu haben

So kommen die historischen Urteile des Kremls über ein »ja, aber« und »einerseits – andererseits« selten hinaus. Es fehlen klare staatliche Rechtsakte, die den Terror unter Stalin als Verbrechen brandmarken. Es gibt kein Gesetz zur Überprüfung politisch belasteter Staatsdiener. Es fehlt der Versuch einer moralischen Wertung. Eine vergleichbare Rede wie diejenige Richard von Weizsäckers zum »Dritten Reich«, die 1985 auch im Namen der Konservativen in Deutschland den Unrechts-Charakter des NS-Regimes klar benannt und die Niederlage Deutschlands als »Befreiung« bezeichnet hat, gab es bis heute nicht. 

Die Unklarheit ist durchaus Programm. »Das russische Führungspersonal ist völlig entideologisiert«, erklärt Rjabow. »Es begreift, dass die Gesellschaft in ihrer Haltung zu Stalin gespalten ist, und sagt jeder Gruppe etwas von dem, was sie hören will.« Stalin für alle: Das konservative Publikum darf sich an Ehrenrettungen des Diktators erfreuen, während den Kritikern antistalinistische Fernsehfilme wie ein Doktor Schiwago aus eigener Produktion geboten werden. »Beides zusammen«, sagt Rjabow, »vermischt sich wie in einem Flakon.«

Entstanden ist eine Mixtur aus Mythen und Kritik. Stalin, der radikale Reformer, heißt es oft bewundernd, habe ein Russland des Holzpflugs übernommen und eine Weltmacht mit der Atombombe hinterlassen. Der Preis, den die Bevölkerung dafür zahlen musste, wird ignoriert oder beschönigt. Als das russische Staatsfernsehen vor zwei Jahren die Zuschauer über die größte Persönlichkeit der Geschichte abstimmen ließ, konnte nur eine künstliche Wahlunterbrechung samt einigen sanften Manipulationen Stalin vom ersten auf den dritten Platz zurückversetzen.

Zugleich aber sind alle Informationen und kritischen Darstellungen über das monströse Mordregime frei erhältlich: von der Gulag-Literatur Alexander Solschenizyns über Warlam Schalamows erschütternde Bücher bis zu historischen Studien, die schildern, wie der »geniale Führer« die russische Bauernschaft und Dorfwelt zerstörte oder dem Offizierskorps seiner Armee zwischen 1937 und 1939 grausamer zusetzte als später Hitler.

Doch diese historischen Arbeiten dringen nicht ins Massenbewusstsein. Daran hat auch der Spielfilm des polnischen Regisseurs Andrzej Wajda über Katyn nichts geändert. Wajdas große historische Anklage, die keinen Verleih in Russland fand, wurde zunächst am Karfreitag auf einem Kulturkanal ausgestrahlt, dann, unmittelbar nach dem Unglück von Smolensk, nocheinmal ins Programm gehoben, und zwar im landesweiten Fernsehen zur besten Sendezeit. Ein öffentlicher Schock der Erkenntnis aber, wie 1979 in Westdeutschland nach der Ausstrahlung der Fernsehserie Holocaust, blieb bisher aus.

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Leserkommentare
  1. Das "Das Geheimnis der Erlösung Erinnerung heißt" müssen wohl noch viele Russen erlöst werden.

    Und "dass damals nicht alles so schlecht gewesen sei" kommt mir irgendwie bekannt vor.

    Was würde der Rest der Welt wohl sagen, wenn in Deutschland Hitlerplakate aufgehängt würden?

  2. Simon Sebag Montefiore - "The Court of the Red Tsar" und "Young Stalin"

    Hin, und her... aber man sollte Bedenken dass auch der Terror nicht Stalins alleiniges Schaffen war.
    Das ganze Politbüro hat mitgemacht - hätte es sich geschlossen gegen den Terror gestellt gäbe es ihn nicht.

    Stalin hat alles abgesegnet - ja - durchaus - aber er konnte nur als Teil des Politbüros agieren.

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    • th
    • 03. Mai 2010 16:55 Uhr

    mit seinen Kampagnen, Schauprozessen und Säuberungen alle diejenigen entfernt und liquidiert, die ihn hätten können. Das gilt auch fürs Politbüro.

  3. er war Teil der Alliierten welche Hitlerdeutschland besiegt haben und schon deshalb kann man Stalin nicht außen vor lassen.

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    • th
    • 03. Mai 2010 16:56 Uhr

    ein "guter" Massenmörder war?

    >>Und wenn Stalin zehnmal ein Massenmörder war, er war Teil der Alliierten welche Hitlerdeutschland besiegt haben und schon deshalb kann man Stalin nicht außen vor lassen.<<

    Ich weiß ja nicht, ob Sie eine Tochter haben, aber stellen Sie sich einmal vor, sie werde von einem brutalen Lustmörder angegriffen. Sie überlebt nur, weil ein anderer Mann diesen Lustmörder erschlägt - um sie für sich zu haben. Er verschleppt sie, hält sie monate-oder jahrelang gefangen, vergewaltigt sie immer wieder und droht, die umzubringen. Würden Sie diesen Psychopathen als Retter ihrer Tochter feiern?

    Stalin hat die gesamte sowjetische Bevölkerung in Todesangst oder eine Art Fatalismus versetzt, denn nicht der treuest ergebene Anhänger konnte sicher sein, dem Terror und damit nicht nur dem Tod, sondern auch der Abstempelung zum Volksfeind (mit Konsequenzen für die Familie) zu entgehen.
    Nicht einmal ein gläubiger Kommmunist hat Grund, ihn zu verehren, denn er hat mehr Kommunisten umgebracht als Hitler und die faschistischen Diktatoren zusammen.
    Zwei Jahre lang war er Verbündeter Hitlers und lieferte deutsche Kommunisten nach Deutschland aus, wo sie in Konzentrationslagern landeten.
    Auch am anfänglichen Zusammenbruch der Westfront im Juni 1941 war er nicht unschuldig; immerhin war er schlau genug, seinen Generälen zunehmend mehr Spielraum zu lassen, anders als Hitler, der immer mehr Kompetenzen an sich riss.

    So kann man das nicht sagen. Stalin war ein einzelner Mensch.
    Die Sowjetunion war Teil der Alliierten, Stalin war eben einfach zufälligerweise du dieser Zeit der Generalsekretär der KPdSU. Stalins Taktik war einfach alles gegen Hitler zu schicken was ein Gewehr halten konnte und das hätte jeder andere Staatschef mit den Vorraussetzungen die die SU geboten hat auf die gleiche Art und Weise machen können.

    • th
    • 03. Mai 2010 16:55 Uhr

    mit seinen Kampagnen, Schauprozessen und Säuberungen alle diejenigen entfernt und liquidiert, die ihn hätten können. Das gilt auch fürs Politbüro.

    Antwort auf "Buchempfehlung:"
    • th
    • 03. Mai 2010 16:56 Uhr

    ein "guter" Massenmörder war?

  4. >>Und wenn Stalin zehnmal ein Massenmörder war, er war Teil der Alliierten welche Hitlerdeutschland besiegt haben und schon deshalb kann man Stalin nicht außen vor lassen.<<

    Ich weiß ja nicht, ob Sie eine Tochter haben, aber stellen Sie sich einmal vor, sie werde von einem brutalen Lustmörder angegriffen. Sie überlebt nur, weil ein anderer Mann diesen Lustmörder erschlägt - um sie für sich zu haben. Er verschleppt sie, hält sie monate-oder jahrelang gefangen, vergewaltigt sie immer wieder und droht, die umzubringen. Würden Sie diesen Psychopathen als Retter ihrer Tochter feiern?

    Stalin hat die gesamte sowjetische Bevölkerung in Todesangst oder eine Art Fatalismus versetzt, denn nicht der treuest ergebene Anhänger konnte sicher sein, dem Terror und damit nicht nur dem Tod, sondern auch der Abstempelung zum Volksfeind (mit Konsequenzen für die Familie) zu entgehen.
    Nicht einmal ein gläubiger Kommmunist hat Grund, ihn zu verehren, denn er hat mehr Kommunisten umgebracht als Hitler und die faschistischen Diktatoren zusammen.
    Zwei Jahre lang war er Verbündeter Hitlers und lieferte deutsche Kommunisten nach Deutschland aus, wo sie in Konzentrationslagern landeten.
    Auch am anfänglichen Zusammenbruch der Westfront im Juni 1941 war er nicht unschuldig; immerhin war er schlau genug, seinen Generälen zunehmend mehr Spielraum zu lassen, anders als Hitler, der immer mehr Kompetenzen an sich riss.

    Eine Leserempfehlung
  5. Die Historiker sind sich schon länger einig nach Einblick in die geheimen Archive des KGB/FSB unter Jelzin, dass der Deutsche Agent Lenin und Stalin vom gleichen Kaliber waren und dass vom WK1 1914 bis zum Tode von Josef Stalin 1953: 60-80 Millinonen Menschen den Kriegen und den Bolschewiken/Stalinisten in Russland und in der Sowjet Union zum Opfer fielen, was ein vielfaches der NAZI-Opfer entspräche.
    Heute hat Russland keine 140 Millionen Einwohner mehr und verliert jährlich weitere 3/4 Million Menschen durhc Diskrepanz von Geburten und Sterbeentwicklung.
    Die Ungleichgewichte innerhalb der russ. Gesellschaft waren wahrscheinlich noch nie so krass wie heute.
    1000e Dollar-Milliardären stehen Millionen Habenichtsen gegenüber und der Staat wird von Geheimdienststrukturen dirigiert.
    Die absolute Dekadenz ohne Werteskala - wenn man vom Egoismus des Raubtierkapitalismus absieht - regiert heute Russland und nennt sich euphemistisch "gelenkte Demokratie".

  6. Man kann Geschichte nicht verstehen, wenn die Anziehungskraft von Menschen und Ideen der Geschichte nicht verstanden und analysiert wird. Auch ein Tyrann kann nur regieren, solange die Bevölkerung auch mitspielt. Dazu reicht es schlicht nicht aus, die Bevölkerung in Angst zu versetzen (man vgl. auch N.M.). Ein meines Erachtens gutes Bild der Stalinzeit findet sich im Werke Bulgakovs. Der durfte zwar zur Stalinzeit durchaus publizieren, seine Texte sind allerdings alles Andere als Loblieder auf das System und die Kritik geht weitaus tiefer als der deutsche Zorn über den Sieg Sovjetrusslands und die 35-Stunden-Woche (welche in Wirklichkeit fast eine 42-Stunden-Woche war - der revolutionäre Kalender hatte nämlich nur noch 6 Tage pro Woche).

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    >>Auch ein Tyrann kann nur regieren, solange die Bevölkerung auch mitspielt. Dazu reicht es schlicht nicht aus, die Bevölkerung in Angst zu versetzen...<<

    Das ist schon richtig, es gab zugleich eine große Begeisterung und Aufbruchstimmung, die von der Propaganda noch aufgeheizt wurde, und Stalin selbst wurde verehrt wie ein Gott.
    Dennoch hatten die Leute Angst, besonders in den späten 1930er Jahren, in denen viele die Erfahrung machten, dass der Terror buchstäblich jeden treffen konnte.
    Letztlich war auch Angst der Grund, dass Stalin nach seinem Schlaganfall anfang März 1953 keine medizinische Hilfe bekam. Man hätte ja etwas falsch machen können.

    >>...(man vgl. auch N.M.)<<

    Mir will nicht einfallen, wer damit gemeint ist.

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