Stalinismus : Stalin für alle

Zum Tag des Sieges über Nazi-Deutschland soll der Diktator in Moskau gefeiert werden. Dagegen machen Bürgerrechtler mobil.
2010 in Moskau: Unterstützer der Kommunistischen Partei in Russland feiern ihr Idol, den Diktator Josef Stalin, der 1953 auf dem Roten Platz beigesetzt wurde © Alexey Sazonov/AFP/Getty Images

Die Moskauer Siegesfeier am 9. Mai soll einen blutigen Diktator zurückbringen: Zum 65.Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg plant die Stadtverwaltung, etliche Großplakate mit dem Porträt Josef Stalins im Zentrum Moskaus aufzustellen. Zuständig ist das Stadtkomitee für Reklame, Information und Dekoration. Es reagiere so, heißt es offiziell, auf die Nachfrage von »unzähligen Veteranenorganisationen«, die nicht weiter benannt werden. In sowjetischer Zeit hieß die Standardformel für eigenmächtiges Handeln der Staatsorgane: »auf Wunsch der Werktätigen«.

Die Aktion bestätigt die Tendenz, Stalin weiterhin in Ehren zu halten. Schon haben sich Provinzstädte wie Kirow oder Woronesch mit Stalin-Postern geschmückt, und Fanatiker aus Sankt Petersburg sammelten knapp 1000 Euro, um »zur Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit« Autobusse mit dem Porträt des »Vaters aller Zeiten und Völker« zu veredeln. Das Ansinnen der Moskauer Stadtverwaltung nun verteidigte Bürgermeister Jurij Luschkow mit dem vagen Hinweis, Stalin komme keineswegs prominent, sondern nur in »entsprechenden Proportionen« ins Bild. Moskau, lautet die Beruhigungsformel, zeige nur ein bisschen Tyrannen.

Aber auch der kleinformatige Stalin sorgt für Kritik und Widerstand. Die Geschichts- und Menschenrechtsorganisation Memorial bezeichnete die Huldigung als Kränkung aller Gefallenen, die nicht zur Verteidigung des Oberbefehlshabers und des Politbüros, sondern der Heimat an die Front gezogen seien. Wer dieses Verdienst allein Stalin zuschreibe, plündere das Erbe der Kriegstoten. Memorial kündigte eigene Plakate an, die über Stalins Verbrechen aufklären sollen.

Dabei geht es den Politikern kaum um Stalin. Eine Stalinisierung des Landes streben nur wenige, eher wirre Köpfe an. Der Diktator dient vielmehr als Mittel zum politischen Zweck. Aber auch das stärkt seine Aura. Moskaus Bürgermeister versucht, mit den Plakaten der konservativen Fraktion Entgegenkommen zu signalisieren. »In den russischen Führungskreisen wird über die strategische Entwicklung Russlands gestritten: Soll es ein neues Tauwetter mit einer begrenzten Reformpolitik oder eine Stärkung des autoritären Systems geben?«, erklärt der Moskauer Politologe Andrej Rjabow den internen Konflikt. »Dies geschieht allerdings im Verborgenen. Denn eine Besonderheit der russischen Politik ist es, dass die Machtelite ihre Konflikte kaum öffentlich austrägt. Um sie doch in die Öffentlichkeit zu bringen, bedient man sich der Geschichte. Die Figur Stalin kommt hier gerade recht. Hier zeigt sich, wo der Einzelne politisch steht.« Luschkows Aktion dient als Kampfansage an die Liberalen.

Schon der frühere Präsident Wladimir Putin nutzte das Erbe Stalins. Zwar hat er den Diktator nie ausdrücklich gepriesen. Aber er ließ durchblicken, dass damals nicht alles so schlecht gewesen sei, und restaurierte die Sowjethymne. Als Putin den Großen Terror von 1937 ohne Schuldzuweisung als »schreckliche Seite« der russischen Geschichte bezeichnete, klang das eher nach dem pflichtgemäßen Bedauern einer Naturkatastrophe. Zudem relativierte er Stalins Verbrechen sogleich mit der Bemerkung, die Zerstörung Hiroshimas durch die Atombombe sei doch viel schlimmer gewesen.

Die teilweise Rechtfertigung des Stalinismus appellierte unterschwellig an alte Großmachtinstinkte, außerdem half dergleichen, die autoritären Züge des Putinschen Regimes zu rechtfertigen. Dementsprechend stellten denn auch Geschichtsbücher Stalins Terror als ein »historisch notwendiges Mittel zur Lösung staatlicher Aufgaben« dar. Auch Putins Nachfolger, Präsident Dmitrij Medwedjew, bezog sich in seiner Rede zur Modernisierung Russlands im vergangenen November direkt auf Stalin. Allerdings, sagte Medwedjew, sehe er sich als Modernisierer auf der Grundlage humaner Werte und der Demokratie. Und vor wenigen Tagen nannte er die Massenmorde in Katyn das »verbrecherische Werk Stalins«.

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16 Kommentare Seite 2 von 2 Kommentieren

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Man kann Geschichte nicht verstehen, wenn die Anziehungskraft von Menschen und Ideen der Geschichte nicht verstanden und analysiert wird. Auch ein Tyrann kann nur regieren, solange die Bevölkerung auch mitspielt. Dazu reicht es schlicht nicht aus, die Bevölkerung in Angst zu versetzen (man vgl. auch N.M.). Ein meines Erachtens gutes Bild der Stalinzeit findet sich im Werke Bulgakovs. Der durfte zwar zur Stalinzeit durchaus publizieren, seine Texte sind allerdings alles Andere als Loblieder auf das System und die Kritik geht weitaus tiefer als der deutsche Zorn über den Sieg Sovjetrusslands und die 35-Stunden-Woche (welche in Wirklichkeit fast eine 42-Stunden-Woche war - der revolutionäre Kalender hatte nämlich nur noch 6 Tage pro Woche).

Mischung aus Angst und Faszination

>>Auch ein Tyrann kann nur regieren, solange die Bevölkerung auch mitspielt. Dazu reicht es schlicht nicht aus, die Bevölkerung in Angst zu versetzen...<<

Das ist schon richtig, es gab zugleich eine große Begeisterung und Aufbruchstimmung, die von der Propaganda noch aufgeheizt wurde, und Stalin selbst wurde verehrt wie ein Gott.
Dennoch hatten die Leute Angst, besonders in den späten 1930er Jahren, in denen viele die Erfahrung machten, dass der Terror buchstäblich jeden treffen konnte.
Letztlich war auch Angst der Grund, dass Stalin nach seinem Schlaganfall anfang März 1953 keine medizinische Hilfe bekam. Man hätte ja etwas falsch machen können.

>>...(man vgl. auch N.M.)<<

Mir will nicht einfallen, wer damit gemeint ist.

Niccolò Macchiavelli...

...war aber selbst kein Tyrann, und ich suchte im geist einen Tyrannen mit den Initialen N.M..
Er war Autor des Werkes "Il Principe", in dem er m.W. darlegt, dass ein Fürst sehr wohl Furcht verbreiten müsse und sich nicht z.B. auf Dankbarkeit verlassen dürfe, wolle er an der Macht bleiben. Auch dürfe er ein Verprechen nicht halten, wenn ihm dies schade.
Das Vorbild für seinen Fürsten war zwar nicht Stalin, sondern Cesare Borgia, aber der war auch nicht von Pappe.
Stalin allerdings hat es mit der Verbreitung von Angst reichlich übertrieben.

Re: Niccolò Macchiavelli...

Nicht ganz Niccolò Macchiavelli war u.a. ein Machttheoretiker. Natürlich schreibt er, ein Fürst müsse Angst und Schrecken verbreiten, weisst aber in gleichem Buche auch darauf hin, beides reiche nicht aus, die eigene Macht auch zu erhalten. Macchiavelli lässt sich recht gut auf jegliche Herrschaft anwenden. Genau deswegen verwies ich auf ihn. Es lässt sich nicht lange gegen eine Bevölkerung regieren.

@cassandra: Einen Moment bitte!

Dass Hitler mit Stalins Hilfe besiegt wurde, ist zwar richtig.
Aber Stalin hätte eigentlich genauso beseitigt werden müssen - auch wenn es in seinem Herrschaftsbereich keine KZs gab, die man mit Auschwitz vergleichen könnte. Er war (von der Ideologie her) nicht ganz so unmenschlich wie Hitler - aber er hat sich "große Mühe gegeben".

Im übrigen: Finden Sie es in Ordnung, dass die Polen derart verletzt werden - so kurz nach dem Flugzeugabsturz in Smolensk (und angesichts der symbolischen Bedeutung von Katyn)?

оченъ интересно

das hier gerade die Rede Herrn Weizsäckers erwähnt wird, die 40 Jahre nach dem 1000-jährigen Reich und knapp 20 Jahre nach den 68ern einen wichtigen Impuls zur Aufarbeitung gegeben hat, welche noch lange nicht abgeschlossen ist.
Geben wir den Sowjetbürgern noch ein bißchen Zeit bzw.-gemäß der dominierenden christlichen Kultur- wer ohne Schuld ist...

Unverantwortlich!!!

Vieles kann ich an Russland nicht verstehen. Dazu gehört die "wiedergeburt" Stalin. Aber-Millionen Menschen litten unter dem Diktator, wurden grausam enthauptet. Und nun wird dieser auch noch gefeiert. Schande darüber, was dort getrieben wird! Ich gedenke der Opfer, denn auch Verwandte meiner Seite litten unter dem Stalinismus. Man sollte aufklären, unseren Jugendlichen (und meistens auch noch den unwissenden Erwachsenen) begreiflich machen, welche Missetaten Stalin vollführt hat. Sowas darf auf der Welt nie wieder passieren!!!
Auch wenn er Hitler besiegt hat, gehört kein einziger Triumph dem Stalin-Kult.