»Phantastische Geschäfte« verspricht die Werbung für die »Höfe am Brühl«, das neueste Einkaufszentrum der Stadt. »Ein Frevel«, sagt Dieter Deissler zornig. Der 60-Jährige ist aus Hessen eingewandert, trägt CDU-Anstecker am Sakko und Goldkette um den Hals. »Eine Katastrophe am Tor zur Innenstadt«, denn für das Shoppingcenter muss Leipziger Geschichte weichen. Von der »Blechbüchse«, einem reich verzierten Zeugnis des Aufstiegs der Messestadt zur Jahrhundertwende, eröffnet 1908 als Kaufhaus am Brühl, wird nichts bleiben. Die Baugenehmigungen sind erteilt, die Bagger könnten jeden Tag anrollen. Deissler bleibt nur das Mahnen. Für 200 Millionen Euro werden 820 Parkplätze entstehen, drei Verkaufsebenen, 45.000 Quadratmeter Handelsfläche, 130 »Shops«. Es wird eines dieser Glasgebäude sein, deren Gesichter beliebig sind, in denen sich nur der Betrachter spiegelt. Der Investor ersetzt ein Schmuckstück durch einen Schaukasten. Kann man ihn umstimmen?

Das Kaufhaus am Brühl stand schon einmal vor dem Ende. Im Krieg zerstört, rettete der Sozialismus das Gebäude auf seine Weise: Auf die geschundene Fassade wurden Blechwaben montiert, Kosmetik. »Blechbüchse«, befand der Volksmund. Jahrelang ahnte keiner, was sich unter der zweiten Haut verbirgt, »dass es doch noch ein Schatz sein könnte«, sagt Deissler. Seit einigen Wochen ist die Sandsteinfassade freigelegt. 400 Leipziger bildeten daraufhin eine Menschenkette, aus der ganzen Stadt treten inzwischen Bürger ein für den Erhalt des vom Blech befreiten Gemäuers.

Deissler ist Bauingenieur von Beruf, aber diesmal arbeitet er auf der anderen Seite des Zauns. Ein Mitstreiter, Moderator im Lokalfernsehen, hat sich neulich medienwirksam ans Gebäude gekettet. Deissler würde das nicht tun, seine Waffe ist das Wort, aber manchmal, sagt er verständnisvoll, müsse man zu ungewöhnlichen Mitteln greifen.

Er stammt aus der Kleinstadt Usingen, Hessen, Hochtaunuskreis. Er kam 1990 in den Osten, um die Niederlassung seiner Firma aufzubauen. Leipzig war damals nicht die schönste Stadt, aber Deissler verliebte sich in sie, weil er ihr Potenzial erkannte. »So heruntergekommen wie das Kaufhaus am Brühl sahen die meisten Gebäude aus.« Deissler beschloss, für Leipzig zu kämpfen: seit 2009 sogar als Stadtrat in der CDU. Es geht ihm nicht nur um dieses eine Gebäude, sondern um die vielen Hundert in Leipzig, die bedroht sind von Abriss und Verfall. 2009 gründete er auch die Leipziger Denkmalstiftung – er will, dass sich eine Denkmalschützerszene etabliert wie in Dresden. »Wir sollten uns einsetzen für Leipzig.«

Am alten Kaufhaus ist auf einem Graffito zu lesen: »Jeden Tag stirbt ein Teil von dir. Jeden Tag schwindet deine Zeit.« Dieter Deissler sagt: »Wir geben nicht auf.«