Sophie Hunger Die Unbekümmerte

Popmusik mit viel Eigensinn: Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger ist nur dem Zufall gefolgt.

Es ist einfach so passiert: Sophie Hungers Pistole zielt auf den Betrachter

Es ist einfach so passiert: Sophie Hungers Pistole zielt auf den Betrachter

Plötzlich wusste sie, es muss so sein. Ihr drittes Album sollte 1983 heißen, wie das Jahr, in dem sie geboren wurde. Bis heute lenkt der Zufall Sophie Hungers Tun. Er lässt Dinge passieren, und sie lässt sie geschehen. So ist aus einem Mädchen mit blühender Fantasie ein kleiner Popstar geworden. In ihrer Heimat, der Schweiz, kennt sie jeder. Seit sie 2006 ihre Lieder auf CDs gebrannt und im Bekanntenkreis verteilt hat, einfach so. Ihr Debüt Sketches On Sea trug den Namen Sophie Hunger schnell über die Alpen bis nach Frankreich. Schon ein Jahr später stand sie auf der Festivalbühne in Montreux und reiste mit dem Jazztrompeter Erik Truffaz um den Globus. Was manch anderen Musikern ein später Ritterschlag wäre, ist Sophie Hunger ganz zu Beginn ihrer Karriere widerfahren. Jazz sei gar nicht ihr Stil, eher Pop mit vielen Einflüssen. Und Musikerin wollte sie nie werden, es hat sich so ergeben.

Auf einmal hatte sie einen Agenten, eine Plattenfirma, und ein zweites Album floss ihr aus den Fingern. Monday’s Ghost erreichte 2008 sofort die Spitze der Schweizer Hitparade, der Erfolg ist mittlerweile in Platin gegossen. Auch in Deutschland, Frankreich und Österreich gibt sie Konzerte in überfüllten Sälen. Wie gelingt dieser jungen, ruhigen Frau so mühelos, woran sich andere Nachwuchsbands jahrelang abrackern? Vielleicht nährt sie die Hoffnung, dass auch im deutschsprachigen Raum niveauvoller Pop von internationaler Größe entstehen kann. Vielleicht ist es einfach nur schön, wie sie federleicht zwischen Folktradition, Jazzpop und Neo-Soul schwingt. Wie sie in kammermusikalischer Dichte mit ihren Freunden warme Töne setzt. Wie sie ihre wolkige Lyrik komponiert. Wie ihre Stimme sich der Worte annimmt. Wer Sophie Hunger einmal auf der Bühne gesehen hat, kommt auch ein zweites Mal.

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Vielleicht, vielleicht – Sophie Hunger weiß auch nicht, warum sie so erfolgreich ist. Sie beschreibt sich als Dilettantin zwischen den studierten Musikern ihrer Band. Klavierspielen könne sie nicht, die Gitarre beherrsche sie nicht, das Singen habe sie nie gelernt. Die einzige Begabung, zu der sie sich bekennt, ist ihre Vorstellungskraft. Wie wild die wuchert, lässt sich aus ihren Kolumnen im Schweizerspiegel der ZEIT lesen. Da schlüpft Sophie Hunger in die Rolle von Christian Seraphin Jenny. Das ist ein kleiner Kerl, der zwischen den Seiten einer Zeitung liegt und ab und zu von den schrägen Geschichten erzählt, die er dort erlebt hat. Er ist ihre Kolumne, sie hat ihn erdacht. Mal fährt er mit der schweizerischen Justizministerin nach Brüssel, mal landen das Blatt und er im Wohnzimmer des Populisten Roger Köppel oder auf dem Schoß des Bankmanagers Oswald Grübel.

Christian Seraphin Jenny hat seinen eigenen Blick auf die Welt, Sophie Hunger hat ihn auch. Sie mag oft naiv wirken, aber in dieser Unbekümmertheit liegt ihre Stärke. Sie lässt die Gedanken frei galoppieren. Kakteen findet sie gut, weil sie so autark sind. Sie ist gegen das Träumen, weil es die Menschen betäubt. Sie lobt ein gesundes Maß an Ignoranz, weil Kennertum den Geist lähmt. Sie hält die Psychoanalyse für eine Krankheit, weil ein Mensch nie isoliert betrachtet werden darf. Man verstehe ihn nur in seiner Beziehung zu anderen.

Das Individuum beeinflusst die Gesellschaft beeinflusst das Individuum. Diese Idee ist Hunger so wichtig, dass sie ihr das Coverfoto des neuen Albums 1983 gewidmet hat. Zufällig war ihr ein Selbstporträt der österreichischen Malerin Maria Lassnig begegnet, auf dem die alte, nackte Dame sich eine Pistole an die Schläfe hält und mit einer zweiten auf den Betrachter zielt. Plötzlich war Sophie Hunger klar: So muss das Titelbild zur CD aussehen. Solche Entscheidungen treffe sie immer intuitiv. Auch mit der Auswahl der Lieder, die auf ihre Platten kommen, hielte sie es so.

Monday’s Ghost lag hinter einem Schleier aus Melancholie. Die Sophie Hunger von heute kann sich darin nicht wiedererkennen. Umso glücklicher ist sie über 1983. Sie lässt die Hörer begreifen, was sie beschäftigt. Ihr neuestes Spielzeug ist ein Drumcomputer, an dem sie trockene Funk-Rhythmen und zarte Klopfmuster gebastelt hat. Simon Gerber spielt den Bass, Christian Prader Flöte oder Klavier, Michael Flury die Posaune. Ihr Schlagzeuger Julian Sartorius darf weiter mittrommeln, das verschafft einigen Liedern ordentlich Antrieb. Es gibt auch ruhige Momente, durch die noch die alte Sophie geistert.

So erzählt sie in Broken English von der Herausforderung, in fremden Sprachen zu dichten: "There were mountains to begin with / Silence shaped in giants / My voice would reach the highest / But you cannot tell this in English." Zwar ist sie als Tochter eines Diplomaten viel gereist, spricht und singt polyglott auf Englisch, Französisch und Schwyzerdütsch. Doch am besten Schreiben könne sie auf Hochdeutsch. Wie gut, beweist der Titelsong, in dem sie den Egoismus, die Verlorenheit ihrer Generation beklagt und fragt, warum die heute 27-Jährigen sich kaum für Umweltpolitik interessieren. Ebenso überzeugend gerät ihre Medienkritik im englischen Invisible. Oder auch das groteske Bild, das sie in Your Personal Religion von einer Masse uniformierter Individualisten zeichnet: "Your T-Shirt says Punk, you’re so Rock’n’Roll / You do whatever you want, I know, I know / Your individual, individual vomit. It doesn’t speak for me."

Sophie Hunger spricht für sich selbst. Dem Kontext des Diskurspop, wie ihn Tocotronic, Die Sterne, Die Goldenen Zitronen oder Fehlfarben seit Langem pflegen und kürzlich renoviert haben, fügt sie damit eine junge, weibliche Stimme hinzu. Ihr geht es nicht um Widerstand, um Revolution oder Kapitulation gar, sie will das Publikum nur ein bisschen kitzeln, kleine Bomben platzieren, wie sie es nennt. Hungers Musik ist für all jene, die im Pop den guten Geschmack, den Geist und die lyrische Auseinandersetzung mit der Gegenwart suchen. Die Schweizerin gehört zu keiner Szene, folgt keinem Credo, hat sich nichts vorgenommen. Sie hat lediglich verstanden, dass ihre Stimme gehört wird. Es ist einfach so passiert, und das macht ihre Musik umso schöner.

Tourdaten: 17.5. Frankfurt am Main, 18.5. Leipzig, 19.5. Hannover, 22.5. Bremen, 23.5. Köln, 27.5. Berlin, 28.5. Dresden, 29.5. Ulm, 30.5. Ludwigsburg

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. "Sie mag oft naiv wirken, [...]"

    und diesbezüglich:

    "Sie ist gegen das Träumen, weil es die Menschen betäubt. Sie lobt ein gesundes Maß an Ignoranz, weil Kennertum den Geist lähmt. Sie hält die Psychoanalyse für eine Krankheit, weil ein Mensch nie isoliert betrachtet werden darf. Man verstehe ihn nur in seiner Beziehung zu anderen."

    Das gesunde Maß an Ignoranz muss wohl in allen Aussagen bereits impliziert sein. Sie äußert sich schlagfertig und auftrumpfend, und würde man nicht über das was sie da von sich gibt nachdenken, könnte man fast meinen, es würde sich um so etwas wie formale Kritik handeln (etwa die völlige Fehleinschätzung der Gegenwartspraktik der Psychoanalyse).

    "Your T-Shirt says Punk, you’re so Rock’n’Roll / You do whatever you want, I know, I know / Your individual, individual vomit. It doesn’t speak for me."

    Wenn es nicht über ein subkulturalistisches Anprangern hinausgeht, dann sollte man womöglich von Pop, nicht Diskurspop sprechen. Wer bewandt genug ist, intellektuelle Plattitüden in Dreivierteltakte zu packen, eröffnet damit noch lange keine Spannweite à la Tocotronic u.a.

    Kein Lob auf unreflektierte Medienrezeptionen.

  2. ... ist ne posaune dabei und die texte gehen übers übliche "mein ex ist doof, ich bin ja so verletzlich und ich geh jetzt meinen weg" hinaus soll es gleich was großes sein? so weit sind wir also schon ...

  3. Kann man Musik nicht einfach schön finden, ohne sich dafür abschätzige Bemerkungen anhören zu müssen und sie zu zerkauen? Und selbst wenn sie "Mein Ex ist doof" sänge (lyrisch und inhaltlich sind die Texte wohl besser, aber was soll's, hier schon die erste Rechtfertigung) und nur die Posaune den "kulturell-elitären" Anstrich gäbe (was ebenfalls nicht der Fall ist, hiermit die zweite...; im übrigen: was macht ein Instrument nun zu einem "guten" Instrument und was definiert das "schlechte"? Mainstream? Die kulturelle Elite?), dann braucht es trotzdem nicht den Vorwurf von "Literatur-Kulturkritikern", die den guten Geschmack und den niveauvollen Anspruch für sich gepachtet haben.

    Es muss ja nicht immer groß sein, es kann auch einfach schön sein.
    Aber sicher, dies nun sage ich, eine nicht versierte Musikerin, sondern lediglich Musikrezipientin. Und zudem noch solche wie von Frau Hunger - so weit bin ich also schon....

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Ein Mensch, der dieser Welt noch etwas neues zu geben hat!
    Wie schön!

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