Sophie Hunger Die Unbekümmerte
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Kakteen findet sie gut, weil die so autark sind

Monday’s Ghost lag hinter einem Schleier aus Melancholie. Die Sophie Hunger von heute kann sich darin nicht wiedererkennen. Umso glücklicher ist sie über 1983. Sie lässt die Hörer begreifen, was sie beschäftigt. Ihr neuestes Spielzeug ist ein Drumcomputer, an dem sie trockene Funk-Rhythmen und zarte Klopfmuster gebastelt hat. Simon Gerber spielt den Bass, Christian Prader Flöte oder Klavier, Michael Flury die Posaune. Ihr Schlagzeuger Julian Sartorius darf weiter mittrommeln, das verschafft einigen Liedern ordentlich Antrieb. Es gibt auch ruhige Momente, durch die noch die alte Sophie geistert.

So erzählt sie in Broken English von der Herausforderung, in fremden Sprachen zu dichten: "There were mountains to begin with / Silence shaped in giants / My voice would reach the highest / But you cannot tell this in English." Zwar ist sie als Tochter eines Diplomaten viel gereist, spricht und singt polyglott auf Englisch, Französisch und Schwyzerdütsch. Doch am besten Schreiben könne sie auf Hochdeutsch. Wie gut, beweist der Titelsong, in dem sie den Egoismus, die Verlorenheit ihrer Generation beklagt und fragt, warum die heute 27-Jährigen sich kaum für Umweltpolitik interessieren. Ebenso überzeugend gerät ihre Medienkritik im englischen Invisible. Oder auch das groteske Bild, das sie in Your Personal Religion von einer Masse uniformierter Individualisten zeichnet: "Your T-Shirt says Punk, you’re so Rock’n’Roll / You do whatever you want, I know, I know / Your individual, individual vomit. It doesn’t speak for me."

Sophie Hunger spricht für sich selbst. Dem Kontext des Diskurspop, wie ihn Tocotronic, Die Sterne, Die Goldenen Zitronen oder Fehlfarben seit Langem pflegen und kürzlich renoviert haben, fügt sie damit eine junge, weibliche Stimme hinzu. Ihr geht es nicht um Widerstand, um Revolution oder Kapitulation gar, sie will das Publikum nur ein bisschen kitzeln, kleine Bomben platzieren, wie sie es nennt. Hungers Musik ist für all jene, die im Pop den guten Geschmack, den Geist und die lyrische Auseinandersetzung mit der Gegenwart suchen. Die Schweizerin gehört zu keiner Szene, folgt keinem Credo, hat sich nichts vorgenommen. Sie hat lediglich verstanden, dass ihre Stimme gehört wird. Es ist einfach so passiert, und das macht ihre Musik umso schöner.

Tourdaten: 17.5. Frankfurt am Main, 18.5. Leipzig, 19.5. Hannover, 22.5. Bremen, 23.5. Köln, 27.5. Berlin, 28.5. Dresden, 29.5. Ulm, 30.5. Ludwigsburg

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Leser-Kommentare
  1. "Sie mag oft naiv wirken, [...]"

    und diesbezüglich:

    "Sie ist gegen das Träumen, weil es die Menschen betäubt. Sie lobt ein gesundes Maß an Ignoranz, weil Kennertum den Geist lähmt. Sie hält die Psychoanalyse für eine Krankheit, weil ein Mensch nie isoliert betrachtet werden darf. Man verstehe ihn nur in seiner Beziehung zu anderen."

    Das gesunde Maß an Ignoranz muss wohl in allen Aussagen bereits impliziert sein. Sie äußert sich schlagfertig und auftrumpfend, und würde man nicht über das was sie da von sich gibt nachdenken, könnte man fast meinen, es würde sich um so etwas wie formale Kritik handeln (etwa die völlige Fehleinschätzung der Gegenwartspraktik der Psychoanalyse).

    "Your T-Shirt says Punk, you’re so Rock’n’Roll / You do whatever you want, I know, I know / Your individual, individual vomit. It doesn’t speak for me."

    Wenn es nicht über ein subkulturalistisches Anprangern hinausgeht, dann sollte man womöglich von Pop, nicht Diskurspop sprechen. Wer bewandt genug ist, intellektuelle Plattitüden in Dreivierteltakte zu packen, eröffnet damit noch lange keine Spannweite à la Tocotronic u.a.

    Kein Lob auf unreflektierte Medienrezeptionen.

  2. ... ist ne posaune dabei und die texte gehen übers übliche "mein ex ist doof, ich bin ja so verletzlich und ich geh jetzt meinen weg" hinaus soll es gleich was großes sein? so weit sind wir also schon ...

  3. Kann man Musik nicht einfach schön finden, ohne sich dafür abschätzige Bemerkungen anhören zu müssen und sie zu zerkauen? Und selbst wenn sie "Mein Ex ist doof" sänge (lyrisch und inhaltlich sind die Texte wohl besser, aber was soll's, hier schon die erste Rechtfertigung) und nur die Posaune den "kulturell-elitären" Anstrich gäbe (was ebenfalls nicht der Fall ist, hiermit die zweite...; im übrigen: was macht ein Instrument nun zu einem "guten" Instrument und was definiert das "schlechte"? Mainstream? Die kulturelle Elite?), dann braucht es trotzdem nicht den Vorwurf von "Literatur-Kulturkritikern", die den guten Geschmack und den niveauvollen Anspruch für sich gepachtet haben.

    Es muss ja nicht immer groß sein, es kann auch einfach schön sein.
    Aber sicher, dies nun sage ich, eine nicht versierte Musikerin, sondern lediglich Musikrezipientin. Und zudem noch solche wie von Frau Hunger - so weit bin ich also schon....

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Ein Mensch, der dieser Welt noch etwas neues zu geben hat!
    Wie schön!

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