Fingierte Online-RezensionenEin Flüsterer

Der Historiker Orlando Figes als anonymer Rezensent im Internet von Alexander Cammann

Der Veriss im Netz: Er wird von Verlagen - und den Autoren - oft mehr gefürchtet als Presserezensionen

Der Veriss im Netz: Er wird von Verlagen - und den Autoren - oft mehr gefürchtet als Presserezensionen  |  © spacejunkie/photocase.com

Nirgendwo treten Neid, Intrigen und andere unterhaltsame moralische Fragwürdigkeiten so unverstellt zutage wie in der Wildnis der Wissenschaft. Das akademische Großbritannien, das nicht ohne Grund die campus novel erfunden hat, bietet dieser Tage ein Schauspiel, das eher einem Roman von David Lodge zu entstammen scheint als der Realität. Doch ist es in diesem Fall auch eher die virtuelle Welt, die ihren Auftritt hat: das Internet. Dort nämlich hat der am Londoner Birkbeck College lehrende Historiker Orlando Figes über Jahre hinweg Bücher anerkannter Kollegen unter dem Pseudonym »Historian« verrissen: in sogenannten Kundenrezensionen beim Onlinebuchhändler Amazon. Diese mal kompetenten, mal dämlichen Texte begeisterter Hobbykritiker werden von Verlagen oft mehr gefürchtet als Presserezensionen.

Figes ist nicht irgendwer, sondern einer der renommiertesten Spezialisten für russische Geschichte weltweit, seine preisgekrönten Bücher sind auf Deutsch im Berlin Verlag erschienen: Die Tragödie eines Volkes über die russische Revolution (1998), Nataschas Tanz , eine Kulturgeschichte Russlands (2002), sowie zuletzt Die Flüsterer über den Alltag im Stalinismus (2008). Einschlägige Werke anderer Forscher befand der »Historian« dagegen als »Müll« oder von jener »Art, bei der man sich fragt, warum es je veröffentlicht wurde«. Nur Die Flüsterer bedachte er mit Lob und einer Bitte an sich selbst: »Ich hoffe, er hört nie auf zu schreiben.« Ein misstrauisches Opfer des Rezensenten hat nun herausgefunden, dass dessen IP-Adresse zum Profil »orlando-birkbeck« gehörte. Der ebenfalls betroffene Russland-Historiker Robert Service stellte daraufhin per Rundmail die Frage nach der naheliegenden Identität von »Historian«. Figes reagierte empört auf »verleumderische Anschuldigungen« und ließ seinen Anwalt Klagedrohungen zustellen; die Onlinerezensionen verschwanden plötzlich. Schließlich erklärte Figes’ Frau, sie habe die Rezensionen ohne Wissen ihres Mannes verfasst.

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Eine romantische Tat der Ehefrau, aus Rache an böswilligen Konkurrenten ihres Mannes? Letzte Woche gestand Orlando Figes, dass doch er selbst die Verrisse verfasst habe. »Ich schäme mich für mein Verhalten und verstehe selbst nicht, warum ich gehandelt habe, wie ich es tat.« Einige der Rezensionen waren »kleingeistig und kleinlich«, »aber sie sollten niemandem schaden«. Ach so. Vielleicht schreibt dereinst ein Historiker anhand des Flüsterers Figes eine Kulturgeschichte der Schmährede, der Anonymität oder gleich des Internets im frühen 21. Jahrhundert.

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Leserkommentare
    • rabin
    • 30. April 2010 18:35 Uhr

    Im Schutz der Anonymität ist viel Manipulation möglich. Davon wird auch in den verschiedensten Richtungen Gebrauch gemacht und amazon hat das Problem nicht wirklich im Griff.

    Das beste ist, immer gewahr zu sein, es kann manipuliert sein, also nicht zu erst nehmen.

    Eine Leserempfehlung
  1. Da man mittlerweile Werbeagenturen damit beauftragen kann, positive oder negative Rezensionen zu verfassen, bzw. mit gezieltem "google-monitoring" das eigene Profil sauber zu halten sind die meisten Produktbewertungen sowieso nicht mehr nützlich.

    Eine Leserempfehlung
  2. meiner erwartung nach hätte diese meldung mit der gesammelten veröffentlichung des schmäh als buch geendet-und wohlwollen aller beteiligten.

  3. Fast schon amüsant das Ganze: Figes schrieb stichelnde Rezensionen bei Amazon über andere Bücher und lobte sein eigenes, »The Whisperers«, in schwärmerischten Tönen. Dabei hat er das doch gar nicht nötig, denn seine Bücher haben nahezu durchgehend heraussragende Bewertungen.

    Was man aber nicht von den Büchern vom oben erwähnten Robert Service behaupten kann, die mitunter vernichtende Kritiken erhielten - sowohl in der deutschen, als auch in der amerikanischen Version des Amazon-Portals.

    Erschreckend finde ich jedoch, dass es der Autorin Rachel Polonsky anscheinend so krankhaft unter den Fingern brannte, dass sie extra »einen Fachmann für digitale Spurensicherung einsetzte« (FAZ), der mal für sie spionieren sollte. Hat man sowas schon erlebt? Scheint ein riesiger Konkurrenzdruck in diesen Sachbuch-Gefilden zu herrschen...

  4. Verstehe die Nachricht nicht. Die Amazon-Rezensionen sollen doch gar nichts anderes ausdrücken als die subjektive Bewertung eines anonymen Rezensenten. Wenn also Figes die Bücher seiner Kollegen wirklich schlecht fand (ich gehe davon aus, dass das so war), tat er doch nichts anderes als das, wofür diese Rezensionen vorgesehen sind, nämlich seine persönliche Meinung über das Buch kundzutun. Dass es sich bei dem anonymen Rezensenten nun zufällig um einen ausgewiesenen Fachmann handelt, wertet die Rezension doch nur auf! Wo ist das Problem??? Dass andere Wissenschaftler(innen) anonymen Rezensenten ihrer Bücher auf Amazon hinterherschnüffeln finde ich hingegen tatsächlich bedenklich...

    • 121WATT
    • 17. Februar 2011 15:23 Uhr

    Die Verlockung "anonym" Rezensionen und Bewertungen bei Amazon & CO zu schreiben ist durch die einfache Möglichkeit inzwischen sehr groß. Auch selber bin ich hiervon schon betroffen worden ( aktuell gestern), da mein Unternehmen und das vieler Konkurrenten mit einem Schlag schlechte Bewertungen bekommen hatte. Dieser ein wenig ältere Fall steht aber auch in einer langen Weiterführung durch zum Beispiel Konstantin Neven Du Mont oder auch dem Geschäftsführer der Neofonie in Berlin, der durch möglichwerwiese ungeschickte Bewertungen auf Google sein eigenes Produkt angepriesen hat.
    Problem 1: Diese wurde entdeckt durch Richard Gutjahr - hier dann ma die folgende Stellungnahme durch die Neofonie
    http://gutjahr.biz/blog/2...
    Problem 2: Auch wenn die Rezensionen dann doch relativ schnell von Amazon veschwunden war, so waren diese mit einigen Tricks doch noch später wieder reproduzierbar
    siehe hier: http://www.121watt.de/blo...

    Also auch hier gilt es: Das Web erlaubt zwar Anonymität, aber wenn man nicht sehr geschickt ist hinterlässt man auch Spuren
    Alexander

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