Fingierte Online-Rezensionen : Ein Flüsterer

Der Historiker Orlando Figes als anonymer Rezensent im Internet
Der Veriss im Netz: Er wird von Verlagen - und den Autoren - oft mehr gefürchtet als Presserezensionen

Nirgendwo treten Neid, Intrigen und andere unterhaltsame moralische Fragwürdigkeiten so unverstellt zutage wie in der Wildnis der Wissenschaft. Das akademische Großbritannien, das nicht ohne Grund die campus novel erfunden hat, bietet dieser Tage ein Schauspiel, das eher einem Roman von David Lodge zu entstammen scheint als der Realität. Doch ist es in diesem Fall auch eher die virtuelle Welt, die ihren Auftritt hat: das Internet. Dort nämlich hat der am Londoner Birkbeck College lehrende Historiker Orlando Figes über Jahre hinweg Bücher anerkannter Kollegen unter dem Pseudonym »Historian« verrissen: in sogenannten Kundenrezensionen beim Onlinebuchhändler Amazon. Diese mal kompetenten, mal dämlichen Texte begeisterter Hobbykritiker werden von Verlagen oft mehr gefürchtet als Presserezensionen.

Figes ist nicht irgendwer, sondern einer der renommiertesten Spezialisten für russische Geschichte weltweit, seine preisgekrönten Bücher sind auf Deutsch im Berlin Verlag erschienen: Die Tragödie eines Volkes über die russische Revolution (1998), Nataschas Tanz , eine Kulturgeschichte Russlands (2002), sowie zuletzt Die Flüsterer über den Alltag im Stalinismus (2008). Einschlägige Werke anderer Forscher befand der »Historian« dagegen als »Müll« oder von jener »Art, bei der man sich fragt, warum es je veröffentlicht wurde«. Nur Die Flüsterer bedachte er mit Lob und einer Bitte an sich selbst: »Ich hoffe, er hört nie auf zu schreiben.« Ein misstrauisches Opfer des Rezensenten hat nun herausgefunden, dass dessen IP-Adresse zum Profil »orlando-birkbeck« gehörte. Der ebenfalls betroffene Russland-Historiker Robert Service stellte daraufhin per Rundmail die Frage nach der naheliegenden Identität von »Historian«. Figes reagierte empört auf »verleumderische Anschuldigungen« und ließ seinen Anwalt Klagedrohungen zustellen; die Onlinerezensionen verschwanden plötzlich. Schließlich erklärte Figes’ Frau, sie habe die Rezensionen ohne Wissen ihres Mannes verfasst.

Eine romantische Tat der Ehefrau, aus Rache an böswilligen Konkurrenten ihres Mannes? Letzte Woche gestand Orlando Figes, dass doch er selbst die Verrisse verfasst habe. »Ich schäme mich für mein Verhalten und verstehe selbst nicht, warum ich gehandelt habe, wie ich es tat.« Einige der Rezensionen waren »kleingeistig und kleinlich«, »aber sie sollten niemandem schaden«. Ach so. Vielleicht schreibt dereinst ein Historiker anhand des Flüsterers Figes eine Kulturgeschichte der Schmährede, der Anonymität oder gleich des Internets im frühen 21. Jahrhundert.

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Fragwürdig

Fast schon amüsant das Ganze: Figes schrieb stichelnde Rezensionen bei Amazon über andere Bücher und lobte sein eigenes, »The Whisperers«, in schwärmerischten Tönen. Dabei hat er das doch gar nicht nötig, denn seine Bücher haben nahezu durchgehend heraussragende Bewertungen.

Was man aber nicht von den Büchern vom oben erwähnten Robert Service behaupten kann, die mitunter vernichtende Kritiken erhielten - sowohl in der deutschen, als auch in der amerikanischen Version des Amazon-Portals.

Erschreckend finde ich jedoch, dass es der Autorin Rachel Polonsky anscheinend so krankhaft unter den Fingern brannte, dass sie extra »einen Fachmann für digitale Spurensicherung einsetzte« (FAZ), der mal für sie spionieren sollte. Hat man sowas schon erlebt? Scheint ein riesiger Konkurrenzdruck in diesen Sachbuch-Gefilden zu herrschen...