Warum sollte ein Westeuropäer nach Sofia kommen? Die Frage ist ein bisschen blöd, fast so blöd wie die Antwort: wegen der Schachweltmeisterschaft! Wenn man dann durch die kleinen Straßen im Zentrum der bulgarischen Hauptstadt stolpert, denkt man, so blöd ist die Frage gar nicht. Man sieht westliche Marken und Geschäfte, von Peek & Cloppenburg bis zu dm-Drogeriemärkten, aber das sonst in Metropolen übliche Sprachengewirr hört man nicht. Keine Touristen, kaum Geschäftsleute. Fehlt es Sofia an Attraktivität?

Durch die Frühlingsluft schlendern schöne Frauen, alles Schwestern von Oda Jaune, Witwe des deutschen Malers Immendorff, und der typische Mann trägt Dreitageglatze und sieht aus, als würde er eine Diskothek bewachen. Die dynamischen Bulgaren sitzen gut gekleidet in flotten Autos, am Ohr schmale Handys. Woher mögen sie das Geld haben für all die teuren Juweliergeschäfte, den italienischen Delikatessenladen mit seinem Wein zu umgerechnet 70 Euro? Andererseits sind die Gehwegplatten lose, und wer nicht achtgibt, fällt beim Stadtrundgang in einen Schacht, aus dem frisches Internetkabel ragt.

Sofia mit dem neuen Flughafen und den bröckelnden Altbauten erweist sich als eine Stadt zwischen östlicher Rustikalität und westlicher Moderne, anregend, interessant, auch sehr fremdartig mit der raren Sprache und der kyrillischen Schrift. Nach einer leidvollen Geschichte sucht dieses Land noch seinen Platz im Zeitgeschehen. Auch deshalb hat man sich die Schachweltmeisterschaft hergeholt.

Der bulgarische Ministerpräsident Bojko Borissow, der seine politische Karriere als Leibwächter des kommunistischen Diktators Todor Schiwkow begann, leitet das Organisationskomitee. Er garantiert für die größte Summe, die je bei einer Schach-WM ausgespielt wurde. 1,2 Millionen Euro für den Sieger, 800.000 Euro für den Unterlegenen.

Spielort ist der Militärklub im Zentrum, ein rühreifarben renoviertes Gebäude voller Widersprüche. Da gibt es prachtvolle Säle mit goldverziertem Stuck und edelstem Parkett, orientalische Teppiche in nie gesehener Größe, aber auch konsequent Energiesparlampen vom Wurmtyp in allen Kronleuchtern und Kandelabern. Am Eingang lauert finster blickend die Security mit Ohrstöpseln und piependen Scannern. Die Rucksäcke des Publikums werden durchleuchtet, Handys werden eingesammelt. Alles supersicher, aber wer mal muss, darf hinters Haus aufs Dixi-Klo. Immer an zwei aufeinanderfolgenden Tagen wird gespielt, dann gibt es einen Ruhetag; auf zwölf Runden ist der Kampf angesetzt. Endet er unentschieden, kommt es zum Stechen in Schnellpartien. Zum ersten Mal seit 1927 hat es kein Russe ins Finale geschafft. In Moskau sieht man es mit Bitterkeit.

Seit der Bonner WM im Herbst 2008 steht ein Inder an der Spitze der Schachwelt: Viswanathan Anand, 40 Jahre alt, dunkler Teint, königsblaues Hemd. Golden blitzt seine Brille im Scheinwerferlicht, wenn er auf der Bühne vor dem Brett sitzt, den Kopf neigt, kurz in der Nase bohrt oder sich ans Ohr fasst. Vorne hat er ein Bäuchlein, hinten einen leichten Buckel – das still im abgedunkelten Saal verharrende Publikum registriert jedes Detail.

Dem Weltmeister gegenüber nimmt der Herausforderer Platz. Er ist der Hauptgrund für das staatliche Engagement: Wesselin Topalow, 35, zählt zu den wenigen Bulgaren, die international in irgendetwas Spitze sind. Eine Schach-WM in Bulgarien, aus der ein Bulgare als Weltmeister hervorgeht – das ist die sofiotische Hoffnung.