Schach-WM in Sofia Sofiotisches Husarenschach

In Bulgarien tobt der Kampf um die Herrschaft auf 64 Feldern: Wird Weltmeister Anand seinem Herausforderer Topalow standhalten?

Warum sollte ein Westeuropäer nach Sofia kommen? Die Frage ist ein bisschen blöd, fast so blöd wie die Antwort: wegen der Schachweltmeisterschaft! Wenn man dann durch die kleinen Straßen im Zentrum der bulgarischen Hauptstadt stolpert, denkt man, so blöd ist die Frage gar nicht. Man sieht westliche Marken und Geschäfte, von Peek & Cloppenburg bis zu dm-Drogeriemärkten, aber das sonst in Metropolen übliche Sprachengewirr hört man nicht. Keine Touristen, kaum Geschäftsleute. Fehlt es Sofia an Attraktivität?

Durch die Frühlingsluft schlendern schöne Frauen, alles Schwestern von Oda Jaune, Witwe des deutschen Malers Immendorff, und der typische Mann trägt Dreitageglatze und sieht aus, als würde er eine Diskothek bewachen. Die dynamischen Bulgaren sitzen gut gekleidet in flotten Autos, am Ohr schmale Handys. Woher mögen sie das Geld haben für all die teuren Juweliergeschäfte, den italienischen Delikatessenladen mit seinem Wein zu umgerechnet 70 Euro? Andererseits sind die Gehwegplatten lose, und wer nicht achtgibt, fällt beim Stadtrundgang in einen Schacht, aus dem frisches Internetkabel ragt.

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Sofia mit dem neuen Flughafen und den bröckelnden Altbauten erweist sich als eine Stadt zwischen östlicher Rustikalität und westlicher Moderne, anregend, interessant, auch sehr fremdartig mit der raren Sprache und der kyrillischen Schrift. Nach einer leidvollen Geschichte sucht dieses Land noch seinen Platz im Zeitgeschehen. Auch deshalb hat man sich die Schachweltmeisterschaft hergeholt.

Der bulgarische Ministerpräsident Bojko Borissow, der seine politische Karriere als Leibwächter des kommunistischen Diktators Todor Schiwkow begann, leitet das Organisationskomitee. Er garantiert für die größte Summe, die je bei einer Schach-WM ausgespielt wurde. 1,2 Millionen Euro für den Sieger, 800.000 Euro für den Unterlegenen.

Spielort ist der Militärklub im Zentrum, ein rühreifarben renoviertes Gebäude voller Widersprüche. Da gibt es prachtvolle Säle mit goldverziertem Stuck und edelstem Parkett, orientalische Teppiche in nie gesehener Größe, aber auch konsequent Energiesparlampen vom Wurmtyp in allen Kronleuchtern und Kandelabern. Am Eingang lauert finster blickend die Security mit Ohrstöpseln und piependen Scannern. Die Rucksäcke des Publikums werden durchleuchtet, Handys werden eingesammelt. Alles supersicher, aber wer mal muss, darf hinters Haus aufs Dixi-Klo. Immer an zwei aufeinanderfolgenden Tagen wird gespielt, dann gibt es einen Ruhetag; auf zwölf Runden ist der Kampf angesetzt. Endet er unentschieden, kommt es zum Stechen in Schnellpartien. Zum ersten Mal seit 1927 hat es kein Russe ins Finale geschafft. In Moskau sieht man es mit Bitterkeit.

Seit der Bonner WM im Herbst 2008 steht ein Inder an der Spitze der Schachwelt: Viswanathan Anand, 40 Jahre alt, dunkler Teint, königsblaues Hemd. Golden blitzt seine Brille im Scheinwerferlicht, wenn er auf der Bühne vor dem Brett sitzt, den Kopf neigt, kurz in der Nase bohrt oder sich ans Ohr fasst. Vorne hat er ein Bäuchlein, hinten einen leichten Buckel – das still im abgedunkelten Saal verharrende Publikum registriert jedes Detail.

Dem Weltmeister gegenüber nimmt der Herausforderer Platz. Er ist der Hauptgrund für das staatliche Engagement: Wesselin Topalow, 35, zählt zu den wenigen Bulgaren, die international in irgendetwas Spitze sind. Eine Schach-WM in Bulgarien, aus der ein Bulgare als Weltmeister hervorgeht – das ist die sofiotische Hoffnung.

Leser-Kommentare
  1. Lieber Herr Stock,

    gibt es das tatsächlich, Schach im hamburger Stadtpark?

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    Redaktion
    • stock
    • 02.05.2010 um 14:48 Uhr

    Verehrter Lijbosz Nek,

    wenn Sie mal da sind (und ich auch), ein Euro?

    Bis dahin...

    Redaktion
    • stock
    • 02.05.2010 um 14:48 Uhr

    Verehrter Lijbosz Nek,

    wenn Sie mal da sind (und ich auch), ein Euro?

    Bis dahin...

  2. Ehe ich es vergesse, lieber Herr Stock - ein dreifaches Hip-Hip-Hurra für Ihre sehr einfühlsamen und informativen Kommentare, die kleinen Bosheiten, die zwischen den Zeilen lauern, eingeschlossen. Mein alter Hippenstock Rosinante lechzt ihnen entgegen wie der nächsten Möhre.
    Schach im Hamburger Stadtpark?? Nöö, nich bei Schmuddelwetter - und schon gar nich wg. des Blechdosen-Monopols am Mexikoring. Jeder bessere Schach-Nonkonformist in Hamburg kennt doch mindestens einen, bei dem er in die Tastatur hauen darf - und Gusti, der Ober-Nonkonformist, spielt lieber Poker?! Aber im Central Park NY gab es mal einen Berufszocker namens Humphrey, der erst später als Bogart Karriere machte. Also haben Sie bitte ein Herz und jeden Tag 10 Euro über für die armen Schlucker mit dem Superhirn im Sofioter Park. Denen geht es wie ihren Kollegen im Gorki Park in Moskau - was bleibt ihnen denn? Vor Jahren habe ich mal einen aus Gorki Park kennengelernt - er hat sich leider schon zu Tode gesoffen. War Großmeister und hieß Arbakov, ist meines Wissens auch durch die Bundesliga und verschiedenste Open getingelt. Das größte Problem für Veranstalter und Teilnehmer sollen dessen intensive Ausdünstungen gewesen sein - wehe, man saß neben ihm, noch weher, man saß ihm gegenüber: Er pflegte einen sehr rustikalen Stil auf dem Brett, wie ein feuerspeiender Drache. Bekanntlich hat Jung-Siegfried nur einmal gewonnen - die anderen Kämpfe gewann der Drache. Wer weiß, welcher Drache noch in Topalov lauert?!

  3. Redaktion
    • stock
    • 02.05.2010 um 14:48 Uhr

    Verehrter Lijbosz Nek,

    wenn Sie mal da sind (und ich auch), ein Euro?

    Bis dahin...

    Antwort auf "Schach im Stadtpark"
  4. Hallo Herr Stock, viele Dank für die sehr interessanten Artikel. Zwei Fehler haben sich in den obigen Artikel aber eingeschlichen: Anand ist bereits seit 2007 Weltmeister (WM-Turnier in Mexiko), und die aktuelle WM ist die erste seit 1937 (nicht 1927), dass rein Russe oder Sowjetbürger teilnimmt.

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    Natürlich muss es "kein Russe oder Sowjetbürger" heißen

    Redaktion
    • stock
    • 03.05.2010 um 10:03 Uhr

    Danke für Ihr Interesse. Was die Fehler angeht: 1927 oder 1937? Da haben wir uns wohl beide vertan. 1921 war die letzte WM ohne russische Beteiligung, als Capablanca gegen Lasker spielte. Denn Aljechin, der auch die französische Staatsbürgerschaft hatte, war ja Russe. Und was die vielen - entschuldigen Sie – sogenannten WM-Titel außerhalb der traditionellen WM-Zweikämpfe angeht: Die habe ich bewusst ignoriert und glaube mich da eins mit den allermeisten Schachbeobachtern. Was ist ein sogenannter Weltmeistertitel wert, wenn kein normaler Schachspieler die Titelträger kennt? Das war eine traurige Episode zwischen 1993 und 2006, ausgelöst durch den Egoismus Kasparows, die mit viel Mühe zum Glück endlich überwunden ist. Steinitz, Lasker, Capablanca, Aljechin, Euwe, Botwinnik, Smyslow, Tal, Petrosjan, Spasski, Fischer, Karpow, Kasparow, Kramnik, Anand das sind die Schachweltmeister. Es sind 15 seit 1886. Andere mögen sich so nennen.

    Natürlich muss es "kein Russe oder Sowjetbürger" heißen

    Redaktion
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    • 03.05.2010 um 10:03 Uhr

    Danke für Ihr Interesse. Was die Fehler angeht: 1927 oder 1937? Da haben wir uns wohl beide vertan. 1921 war die letzte WM ohne russische Beteiligung, als Capablanca gegen Lasker spielte. Denn Aljechin, der auch die französische Staatsbürgerschaft hatte, war ja Russe. Und was die vielen - entschuldigen Sie – sogenannten WM-Titel außerhalb der traditionellen WM-Zweikämpfe angeht: Die habe ich bewusst ignoriert und glaube mich da eins mit den allermeisten Schachbeobachtern. Was ist ein sogenannter Weltmeistertitel wert, wenn kein normaler Schachspieler die Titelträger kennt? Das war eine traurige Episode zwischen 1993 und 2006, ausgelöst durch den Egoismus Kasparows, die mit viel Mühe zum Glück endlich überwunden ist. Steinitz, Lasker, Capablanca, Aljechin, Euwe, Botwinnik, Smyslow, Tal, Petrosjan, Spasski, Fischer, Karpow, Kasparow, Kramnik, Anand das sind die Schachweltmeister. Es sind 15 seit 1886. Andere mögen sich so nennen.

  5. Natürlich muss es "kein Russe oder Sowjetbürger" heißen

    Antwort auf "Zwei Fehler"
  6. Redaktion
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    • 03.05.2010 um 10:03 Uhr

    Danke für Ihr Interesse. Was die Fehler angeht: 1927 oder 1937? Da haben wir uns wohl beide vertan. 1921 war die letzte WM ohne russische Beteiligung, als Capablanca gegen Lasker spielte. Denn Aljechin, der auch die französische Staatsbürgerschaft hatte, war ja Russe. Und was die vielen - entschuldigen Sie – sogenannten WM-Titel außerhalb der traditionellen WM-Zweikämpfe angeht: Die habe ich bewusst ignoriert und glaube mich da eins mit den allermeisten Schachbeobachtern. Was ist ein sogenannter Weltmeistertitel wert, wenn kein normaler Schachspieler die Titelträger kennt? Das war eine traurige Episode zwischen 1993 und 2006, ausgelöst durch den Egoismus Kasparows, die mit viel Mühe zum Glück endlich überwunden ist. Steinitz, Lasker, Capablanca, Aljechin, Euwe, Botwinnik, Smyslow, Tal, Petrosjan, Spasski, Fischer, Karpow, Kasparow, Kramnik, Anand das sind die Schachweltmeister. Es sind 15 seit 1886. Andere mögen sich so nennen.

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    Ich sehe das genauso wie Sie, dass nämlich die "Weltmeister" der FIDE 1993 bis 2006 nicht als solche anzusehen sind. Allerdings fand die WM 2007 nach dem Vereinigungsmatch 2006 Kramnik-Topalow statt, und Kramnik als Weltmeister nahm auch daran teil. Insofern ist es völlig legitim, auch als Gegner der FIDE-WMs, Anand als Weltmeister 2007 anzusehen.

    Ich sehe das genauso wie Sie, dass nämlich die "Weltmeister" der FIDE 1993 bis 2006 nicht als solche anzusehen sind. Allerdings fand die WM 2007 nach dem Vereinigungsmatch 2006 Kramnik-Topalow statt, und Kramnik als Weltmeister nahm auch daran teil. Insofern ist es völlig legitim, auch als Gegner der FIDE-WMs, Anand als Weltmeister 2007 anzusehen.

  7. Ich sehe das genauso wie Sie, dass nämlich die "Weltmeister" der FIDE 1993 bis 2006 nicht als solche anzusehen sind. Allerdings fand die WM 2007 nach dem Vereinigungsmatch 2006 Kramnik-Topalow statt, und Kramnik als Weltmeister nahm auch daran teil. Insofern ist es völlig legitim, auch als Gegner der FIDE-WMs, Anand als Weltmeister 2007 anzusehen.

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