Nach dem Sturz des Militärregimes begann die Herrschaft der Demokraten. Schnelles Wachstum folgt. Das Land bindet sich an eine Währungsunion. Doch die Leistungsbilanz verfällt, die Auslandsschulden steigen. Die Regierung gelobt Haushaltsdisziplin, der Weltwährungsfonds (IWF) stellt eine Notreserve bereit. Das reicht nicht; ein Rettungspaket in Höhe von 40 Milliarden Dollar muss her, dann ein zweites. Die Regierung verspricht ein Nulldefizit bis Jahresende, eine dritte Milliardenspritze wird verabreicht.

Das Geld verpufft, zwei Monate später kommt die Schuldenumstrukturierung, was ein vornehmes Wort für "Staatsbankrott" ist. Nach zwei Wochen kann der Staat die Schulden nicht mehr bedienen. Die Arbeitslosigkeit schießt auf 18 Prozent hoch; der brutale Ausgabenschnitt entfesselt den Aufruhr in den Städten. Regierungen fallen. Noch eine Spritze, dann macht der IWF dicht. Das Land flüchtet aus der Währungsunion, die nationale Währung kollabiert, die Leute schleppen ihr Geld kofferweise ins Ausland, zum Schluss geraten 100 Milliarden in die Pleitezone.

Der Staat heißt nicht Griechenland, sondern Argentinien, und das Default-Drama liegt 20 Jahre zurück. Unheimlich aber sind die Parallelen. Zwar bestand die Währungsunion nicht aus 16, sondern aus zwei Ländern, und nur in dem Sinne, dass der Peso an den Dollar gekettet wurde: eins zu eins. Aber wie Athen heute konnte Buenos Aires an dieser Kette nicht in die Abwertung flüchten, welche die Exporte verbilligt, die Importe und den Konsum insgesamt verteuert und so die Zahlungsbilanz aufrichtet. Dann sprudeln die Devisen und fließen in den Schuldendienst; die Zinsen sinken.

Dieses Schlupfloch war zu. Muss sich die giftige Geschichte wiederholen? Es gibt nur drei Lösungen. Die beste für alle wäre, dass Hellas seinen verschwenderischen Lebensstil ändert und schmerzhaft reformiert. Wenn nicht, könnte die EU den Partner als Sozialfall akzeptieren und zahlen und zahlen. Schließlich die dritte Lösung: der Austritt aus der Währungsunion, eine flottierende Neo-Drachme und eine geordnete Pleite, wonach die Gläubiger x Cent auf den Euro kriegen.

Zurzeit probt die EU die Instrumente eins (harte Auflagen) und zwei (weiches Herz), um das Dritte zu vermeiden. Die argentinische Erfahrung lehrt leider, dass Regierungen schneller stürzen, als Gewerkschaften und Opposition einknicken. Noch schneller flüchtet das Kapital ins Ausland. Folglich hilft die offene Hand nicht, folglich explodieren die Zinsen (derzeit: 14 Prozent).

Aber sang nicht Evita, die Witwe des Diktators Perón: Don’t cry for me, Argentina? Die Geschichte hat halbwegs ein Happy End. Nach dem 100-Milliarden-Default wurden 65 Prozent der Schulden wegverhandelt. Die Abwertung (3,5 Peso pro Dollar) funktionierte wie im Lehrbuch: Ausfuhr nach oben, Einfuhr nach unten, und heute herrscht ein Plus von 17 Milliarden. Die Investoren kehrten zurück. Die Staatsschuld halbierte sich auf den Traumwert von heute 46 Prozent der Wirtschaftsleistung (die Griechen sind bei 108 Prozent).

Der Staatsbankrott muss also nicht in den Orkus führen. Aber bis dahin werden noch einige Euros in der Ägäis versinken.