Dann kamen wir an die polnische Grenze, sagt der alte Herr. Immer noch in der Erwartung, es ist ein ganz normaler Krieg. Wir wussten ja nicht, dass es von einer Obersten Heeresleitung oder von einem größenwahnsinnigen Führer gedacht war, Polen anzugreifen. Wir meinten, wir sind da, um dafür zu sorgen, dass die Polen ihren 80-Tage-Marsch nach Berlin nicht wahr machen.

Unfassbar. Das wurde je geglaubt? Durchaus, laut Meldereiter Hans-Georg Schulz, geboren 1920 in Strausberg bei Berlin. Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen. Schulz war dabei, mit seiner Kamera, und dokumentierte alsbald den ersten toten Feind. Keine Fotos, aber unvergessliche Bilder hat er von der Kesselschlacht bei Kutno. Die armen Polen versuchten, in Reiterkolonnen rauszukommen, sagt Schulz. Da sind sie also regelrecht abgemäht worden im Maschinengewehrfeuer. Das war für mich furchtbar, wie die Pferde… Ich als Pferdemann, für mich war das Pferd ein Kamerad.

Polen war rasch erledigt. Am 2. Oktober 1939 passierte Schulz Truppentransport Strausberg. Er warf ein adressiertes Päckchen aus dem Zug: zwei Rollfilme und einen Brief. »Liebe Mutti«, schrieb der Sohn, »die Polen haben eine kleine Ahnung von der deutschen Wehrmacht bekommen.« Die Mutter möge die Filme entwickeln lassen. »Es sind Bilder von vor und während des Krieges, natürlich immer in ruhigen Augenblicken. Daß auch geschossen wird, ist im Kriege nun mal notwendig. Aber Du siehst, von hundert Kugeln trifft nicht mal eine.«

Etwa jeder zehnte Deutsche besaß 1939 einen Fotoapparat. Viele Soldaten zogen mit der Kamera in den Krieg. Das war geradezu erwünscht. Goebbels Propagandaministerium startete eine Kampagne – die Front knipst für die Heimat, diese für die Front –, um die heldisch ringende Volksgemeinschaft im Schicksalskampfe lichtbildnerisch zu einen. Unzählige Soldatenfotos entstanden und überdauerten in Alben und Kartons. Die Kunsthistorikerin Petra Bopp hat per Zeitungsannonce danach gesucht, Zeitzeugen-Interviews geführt und eine Ausstellung komponiert. Sie heißt Fremde im Visier und wird, nach den Stationen Oldenburg und München, derzeit bis zum 29. August im Historischen Museum in Frankfurt am Main gezeigt, danach noch in Jena.

Die Schau ist nichts für den raschen Blick. Mit dem Frankfurter Goethe: »Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.« Was wüsste man heute nicht? Unser retrospektives Bewusstsein speichert den Zweiten Weltkrieg en gros als zentrales Simultanereignis des 20. Jahrhunderts. Die etablierten Fakten und Urteile werden illustriert von allseits bekannten Motiven: die grinsenden Wehrmachtsoldaten am polnischen Grenzbalken, die Führerfratzen, die Leichenberge und Ruinenstädte und schließlich, als ikonografische Befreiung, die Nazi-Häuptlinge im Nürnberger Gericht. Nichts davon zeigen diese Fotos, bis auf die Ruinen – später.

Zunächst sieht man frische junge Männer, zackig in Uniform oder nackt, beim Bade. Man kocht am Lagerfeuer und vergnügt sich, scheints, pfadfindermäßig. Dolle Kameradschaft! Immer lustig! Für viele ist der Feldzug ihre erste Auslandsreise. Paris-Fotos wie aus dem Tourismus-Prospekt: Eiffelturm, Arc de Triomphe, Napoleons Grab und das des Unbekannten Soldaten, dem man Respekt bezeigt, vielmehr sich selbst, als Besieger von Frankreichs unreiner Kultur. Gefangener Neger: »Ein Vertreter der Grande Nation«.