Amazonas-Oper Der Atem des Waldes

Die Münchner Biennale und das Goethe-Institut haben ein Opernprojekt ins Leben gerufen, das sich an der Gedankenwelt der Yanomami orientiert. Aber wie sieht das Leben der Indianer wirklich aus? Eine Reise an den Amazonas

Die Oper als Spiegel der Yanomami

Die Oper als Spiegel der Yanomami

Wer die Yanomami-Indianer besuchen will, muss eine kleine Cessna besteigen und zwei Stunden über den unberührten amazonischen Regenwald fliegen. Man sieht auf dieser Reise bei schönem Wetter nur zwei Farben: das Blau des Himmels und das geflinkerte Grün des Waldes, Kilometer für Kilometer, Eine gefühlte Ewigkeit. Was ist das für ein surreales, grünes Kissen, über das die kleine Propellermaschine wie ein verirrtes Insekt im Zeitlupentempo brummt? Die Yanomami glauben, dass am Anfang der Welt der Himmel umgekippt ist und auf seiner Rückseite der Wald zu wachsen begann. Sie leben in dem Bewusstsein, nicht nur einen Himmel über sich, sondern auch einen unter sich zu haben. Wir fliegen also zwischen zwei Himmeln hindurch.

Anfang der siebziger Jahre hat die brasilianische Regierung das Teilstück einer geplanten Transamazonas-Straße durch das Land der Yanomami gebaut, ein größenwahnsinniges und vergebliches Unternehmen. Der Dschungel hat sich die gerodeten Flächen längst zurückerobert. Aber eine kleine Piste gibt es noch, auf der kann die Cessna mitten im Urwald landen.

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Von der ersten Begegnung an, sagt der französische Anthropologe Bruce Albert, hätten ihn der Feinsinn und die Eleganz der Yanomami-Indianer fasziniert. Fast jungenhaft schmal sind die Männer, sorgfältig rasieren sie sich am ganzen Körper. Weiße wirken neben ihnen wie plumpe Zottel. Die Frauen sieht man fast nie ohne die Schmuckstäbchen, die sie sich durch Unterlippe, Wangen und Nasenscheidewand bohren. Wie anmutige Schönheitsantennen stehen sie von ihren Gesichtern ab. Und am wundersamsten sind die silbrigen Stimmen der Yanomami. Ihre Sprachmelodie klingt lianenhaft verschlungen, weich und dick wie tropische Regentropfen fallen die Konsonanten. Einzelne Silben heben sie durch Glissandi ausdrucksvoll hervor.

Die Yanonami-Indianer

»Die Weißen müssen einsehen, dass der Regenwald nicht dazu da ist, ausgebeutet zu werden. Sie sollen verstehen, dass die Yanomami seit Urzeiten friedlich in ihm leben. Unser Denken folgt anderen Pfaden als das der Weißen. Wenn der Wald stirbt, wird kein neuer mehr geboren werden.« So spricht Davi Kopenawa, der Schamane und charismatische Sprecher der Yanomami-Indianer, die fernab der Zivilisation im nordbrasilianischen Regenwald leben.

Stimmen aus dem Urwald

Die Yanomami wollen, dass ihre Stimme in den internationalen Debatten um die drohende Klimakatastrophe gehört wird. Deshalb wirken sie (ohne selbst aufzutreten) an einem groß angelegten Multimedia-Opernprojekt mit, das an diesem Wochenende bei der Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater Premiere hat. Es geht von der These aus, dass das Leben der Yanomami, die zum ersten Mal Mitte des 20. Jahrhunderts mit Weißen in Kontakt traten, eine hochklassige Wissenskultur birgt, die der technisierten Zivilisation ebenbürtig (wenn nicht überlegen) ist.

Besuch in Watoriki

»Weiße denken nicht weit über sich selbst hinaus«, sagt Davi Kopenawa, »sie sind immer nur mit den Dingen des Augenblicks beschäftigt.« Der Schamane hat drei kleine Delegationen von Weißen in sein Dorf Watoriki im Regenwald eingeladen – Komponisten und Videokünstler, Philosophen und Journalisten. Begleitet hat sie dabei der französische Anthropologe Bruce Albert, der Yanomami spricht und sich seit mehr als dreißig Jahren für die Unabhängigkeit der Yanomami-Kultur einsetzt. Er ist ein enger Freund von Davi Kopenawa.

Alle leben im großen Dorfkreis einander zugewandt

»Kommt ihr auch wirklich als Freunde? Sonst würde ich mit einem Pfeil auf euch zielen«, sagt Lucas, einer der Alten im Dorf. Er schenkt uns ein Lächeln, die Drohung ist nicht ernst gemeint. Schließlich hat Bruce Albert uns ins Dorf geführt, ihn verbindet mit Lucas eine lange Freundschaft. Woher rührt der christliche Name Lucas? Die Yanomami denken sie sich für die Weißen aus, untereinander gebrauchen sie sie nicht. Sie nennen sich nur Bruder, Mutter, Tochter und sind sich darüber hinaus namenlos nahe.

Bei den Yanomami lebt das ganze Dorf unter einem Dach. In Watoriki sind es 165 Männer, Frauen und Kinder. Das traditionelle Rundhaus, Maloka genannt, ist ein überdachter Reif, der einen freien Platz aus gestampfter Erde einfasst. Nach außen wirkt die Siedlung wie eine Trutzburg mit geschlossenen Wänden gegen die Gefahren des Waldes. Nach innen tut sich der kommunikativste Ort auf, den sich eine Lebensgemeinschaft nur erdenken kann. Ein Paradies für die Kinder. Ein summender Bienenstock für Geschichten des Alltags! Alle leben im großen Dorfkreis einander zugewandt. Es gibt keine Hauswände. Jede Familie hat eine offene Feuerstelle, um die herum sie ihre Hängematten spannt – das genügt als Privatsphäre. Und die freie Fläche in der sonnenbeschienenen Mitte ist nicht, wie man vermuten könnte, der offizielle Marktplatz der Begegnungen und die Auftrittsbühne für die Autoritäten. Sie bleibt die meiste Zeit verwaist. Hier dösen, von Moskitos umschwirrt und mit Flöhen übersät, nur die knochigen Dorfköter.

Die Maloka-Architektur offenbart auf genial einfache Weise die egalitäre Sozialstruktur der Yanomami: Die Gemeinschaft gruppiert sich um ein leeres Zentrum. Die im großen Hausrund an allen Feuerstellen vorbeiführende Dorfstraße kennt keinen Anfang und kein Ende. Und an den milchig blauen Rauchfahnen, die Tag und Nacht durch den Blättergiebel aufsteigen, kann man den Lebenspuls der Siedlung ablesen: In windstiller Luft ziehen sie gemächlich dahin.

Den Klischeebildern von zivilisationsfern lebenden Ureinwohnern entspricht das Yanomami-Dorf trotzdem nicht. Nur die alten Männer tragen die traditionelle Penisschnur, alle anderen sind in farbigen Shorts und Flipflops unterwegs. Unten am Dorfbach putzt man sich morgens mit Zahnpasta und Zahnbürste die Zähne. Die Mädchen schauen in einen Spiegel, wenn sie ihre Gesichtsbemalung auflegen. Die Yanomami benutzen Taschenlampen und Messer mit Stahlklingen, aber im Kopf sind sie viel unabhängiger, als die Utensilien der modernen Welt nahelegen. Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stehen sie mit der Zivilisation in kontinuierlichem Kontakt. So spät, dass sie nicht einfach nur von der großen kulturellen Zerstörungswalze überrollt wurden, sondern auch auf einige schützende Hände zählen konnten. Seitdem versuchen die Yanomami den Einfluss der Moderne auf ihre Kultur selbst zu gestalten.

Davi Kopenawa ist einer ihrer Vordenker. Davi, der Würde durch Körperfülle und Schweigsamkeit ausstrahlt. Er ist der respektierteste Schamane im Dorf und noch viel mehr: die Portugiesisch sprechende, charismatische Stimme der Yanomami in der Welt. Er kann nur den Kopf darüber schütteln, wie ein sinnloses Besitzstreben die Menschen in den Städten treibt. Er ist ratlos, warum die Weißen die Zusammenhänge nicht verstehen, die zum Klimawandel und zum unausweichlichen Tod des Regenwaldes führen, wo die Schamanen doch solches Wissen seit Urzeiten von Generation zu Generation weitergeben. Er zweifelt an der Macht der Bücher und des Papiers, die jenseits des Waldes herrscht. Denn die Bildhäute, wie Bücher in der Yanomami-Sprache heißen, werden aus toten Bäumen gemacht und verrotten irgendwann, während die Erzählungen und Weisheiten von Omama, dem Erschaffer und Urvater der Yanomami, alle Zeiten überdauern. Die Xapiripë, die unsichtbaren Geister des Waldes, hüten sie und wispern sie den Schamanen zu, und die geben sie an die Gemeinschaft weiter. Die Yanomami haben gute Gründe, weiterhin wie ihre Vorfahren mit Giftpfeil und Bogen zu jagen, im Rundhaus ohne Geld, ohne Handel und nahezu ohne persönlichen Besitz zu leben und den Wald als höchste Instanz ihrer Existenz zu respektieren. Den Weißen, sagt Davi, fehle es an Weisheit. 

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