Wirtschaftsförderung Und es lohnt sich doch

Kein Wort zu Westerwelle: Als Rainer Brüderle vorletzte Woche nach Brasilien reiste, begleiteten ihn 33 Unternehmer. Sie wurden nicht enttäuscht.

Der Unternehmer Christian Roth lächelt amüsiert, aber man merkt ihm ein wenig Aufregung an. Immerhin fliegt er zum ersten Mal beim Wirtschaftsminister in einer Regierungsmaschine mit. Gerade ist das Flugzeug auf dem Weg von Berlin nach Brasilia in den Kapverden zwischengelandet. Tankstopp. Roth überbrückt die Zeit in einer ziemlich heruntergekommenen Bar. Ein »bisschen anachronistisch« findet er es, dass es der Airbus nicht non-stop über den Atlantik schafft und ein örtlicher Regierungsvertreter nun seine Aufwartungen macht. Dann aber sagt der Mann aus Karlsruhe: »Hauptsache, es lohnt sich am Ende«, und kehrt auf seinen Platz im Flieger zurück.

Dreiunddreißig Unternehmer standen auf der Passagierliste von Wirtschaftsminister Rainer Brüderles erster Brasilienreise: Mittelständler und Branchenvertreter aller Art. Dabei ist so etwas seit dem Skandal um die Lateinamerikareise von Guido Westerwelle höchst heikel.

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Auch der Außenminister wollte der Wirtschaft bei seinem Trip nach Rio Gutes tun. Er nahm aber seinen Lebensgefährten, den Eventveranstalter Michael Mronz, und großzügige FDP-Spender mit, und dann ergaben sich für sie – wie zufällig – ganz passende Termine. In den Verdacht einer Wiederholungstat wollte man im Wirtschaftsministerium auf keinen Fall kommen. Und so schickten die Verantwortlichen schon Tage vor Abflug die Namen der Gäste an die Redaktionen – und ließen doch eine viel grundsätzlichere Fragen offen: Hat sich die Wirtschaft für Werbereisen dieser Art nicht längst viel zu sehr globalisiert, ist sie nicht schon lange da, wo der Minister gerade hinreist? Ist so eine politökonomische Fernreise also nicht viel zu altmodisch – und zwar nicht nur wegen der betagten Regierungsflugzeuge?

»Sie müssen ihre Partner fühlen können – gerade in solchen Ländern«

Minister Brüderle lacht die Antwort weg. »Sie müssen ihre Partner riechen und fühlen, gerade in solchen Ländern«, sagt er am ersten sonnigen Morgen in der Hauptstadt Brasilia und ist höchst vergnügt. Eben hat er den Tourismusminister getroffen. Nun schreitet er die breite Freitreppe im Palacio Itamaraty hoch, vor ihm läuft Miguel Jorge, der brasilianische Minister für Wirtschaft. Der dreht sich um, wartet kurz und nimmt den Kollegen dann herzlich in den Arm. »Mein Freund«, sagt er und leitet den Deutschen in einen festlich eingedeckten Speisesaal. Um die hundert deutsche und brasilianischen Unternehmer warten dort, meist im angeregten Gespräch. Man kennt sich schon.

Tief unten im Keller, in einem großen, fensterlosen Konferenzsaal, dürfen die vielen Herren und die eine Frau mit Brüderle und seinem brasilianischen Kollegen Jorge am Vormittag eine Art powwow spielen. »Wir machen jetzt mal was Modernes«, sagt Brüderle, verzichtet auf seine deutsche Rede und fordert stattdessen die Chefs in fließendem Englisch auf, sich doch einfach selbst vorzustellen. Zum »Eisbrecher« ernennt er Stefan Zoller von EADS und Hans Christoph Atzpodien, den Vorstandsvorsitzenden von ThyssenKrupp Marine Systems. Letzterer will hier Fregatten verkaufen, ihm ist die halb öffentliche Rolle (vielleicht deswegen?) gar nicht so recht. Er gibt sich kurz und knapp, erst danach wird die Stimmung gelöster. Andere Unternehmer reden gern und stolz über das, was sie tun.

Und tatsächlich stößt das auf Gegenliebe: Der Brasilianer Murilo Barbosa von der staatlichen Flughafengesellschaft Infraero freut sich, dass der Chef der deutschen Flugsicherung da ist. Denn er hofft auf deutsches Know-how beim Ausbau seiner Anlagen.

Sabine Herold, Geschäftsführerin von DELO, erzählt, dass sie schon bei der deutschen Fußballweltmeisterschaft die Klebetechnik für die Personalisierung der Eintrittskarten geliefert hat und dass sie das in Brasilien gern wieder tun würde. Sowieso sind viele Unternehmer vor allem wegen ihrer Spezialkenntnisse bei Infrastruktur, Sport oder Veranstaltungen hier. Sie erhoffen sich von der Fußballweltmeisterschaft 2014 ein Geschäft – oder machen es schon. Er sei für die Stadien in Brasilia, Belo Horizonte, São Paulo und Manaus zuständig, rühmt sich Hubert Nienhoff von gmp Architekten. Am Ende dampft der Raum. Die Klimaanlage ist ausgefallen. Verlassen hat ihn trotzdem fast niemand.

Am Morgen danach sagt Markus Kammann: »Wahrscheinlich habe ich einen Partner gefunden.« Der Unternehmer aus Paderborn verkauft berufliche Bildung. Die Maschinen, an denen künftige Facharbeiter lernen, kommen alle von deutschen Firmen: von Miele, Bosch, Siemens, Bayer. »Viele Unternehmen können ihre Produkte nur dann verkaufen, wenn die Leute sie auch bedienen lernen. Die Maschine muss mit der nötigen Bildung verkauft werden. Und die liefern wir«, sagt Kammann. Vor zwölf Jahren hat der Ingenieur seine Firma gegründet, heute arbeiten für ihn 37 Leute. Er ist froh, dabei zu sein – auch wenn er zu Hause einigen Spott hat über sich ergehen lassen müssen. »Na, hast du schon an die FDP gespendet?«, sei er häufiger gefragt worden. Er verneint das vehement. Auch die Reise bezahle er selbst. Die sei ein seriöser Türöffner.

Türöffner: Dieser Begriff fällt immer wieder, beim Empfang, beim Warten auf die Anschlussflüge, im Bus. Ein Ticket in der Ministermaschine sei auch heute noch ein Sesam-öffne-dich. Es sorge zwar nicht direkt für ein Geschäft, aber es helfe bei der Kontaktanbahnung im Ausland: Plötzlich gibt es Termine, die vorher undenkbar waren. Selbst für Firmen wie die Bahn, die schon lange in Brasilien vertreten sind, sorgt so ein Besuch offensichtlich wieder mal für Tempo.

Auch ganz praktisch: In São Paulo geht es mit Rotlichteskorte von Termin zu Termin. Die steht zwar offiziell nur Regierungschefs zu. Aber angeblich soll ein deutsches Schweinshaxenfest für viel Sympathie bei der Polizei gesorgt haben – so können ein paar Extratermine eingeplant werden.

Brüderle verteidigt auch, dass er den Fregattenverkäufer mitgenommen hat. Brasilien sei ein zuverlässiger und sicherer Partner, sagt er. Ein Verkauf der Schiffe könne der Sicherung von Arbeitsplätzen bei Blohm und Voss dienen. Was der Minister nicht sagt, hört man abends an der Bar. Bisher habe sich die Bundesregierung viel zu wenig um die Exportförderung gekümmert – auch bei solchen Produkten. »Wir machen in Deutschland viel zu wenig Industriepolitik«, findet beispielsweise Günther Mull. Und dann erwähnt der Geschäftsführer von Dermalog, einem Biometrie-Hersteller, die Franzosen. Die seien eigentlich kein Vorbild, aber mit denen stehe man schließlich im Wettbewerb. Und deren Präsident sei zuletzt mit zwei Maschinen nach Brasilien gereist, habe dort Atom-U-Boote versprochen und Aufträge für die Kernkraftwirtschaft mitgenommen. Der damalige Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte zuvor seinen Termin mit Präsident Lula da Silva abgesagt. Ihm ging der Wahlkampf vor.

Der französische Präsident ist zuletzt mit zwei Flugzeugen angereist

Brüderle will es besser machen, auch besser als Westerwelle. So sagt er das zwar nicht. Zur Reise des Parteikollegen schweigt er, behauptet aber ohne Umschweife: Ich bin der »erste Handelsvertreter des Landes« oder: »Hauptsache, wir kommen zum Zug«, oder: »Unsere Aufgabe ist es, die Exportziffer nach oben zu bringen.« Deswegen will er nun regelmäßige Wirtschaftstreffen mit den Brasilianern.

Noch auf der letzten Etappe, in Rio, eilt er von Termin zu Termin, als die wirtschaftspolitischen Sprecher von CDU- und FDP-Fraktion, Martin Lindner und Joachim Pfeifer, längst mit dem EADS-Vertreter auf den Zuckerhut und an die Copa Cabana verschwunden sind. Das Lob der Unternehmer ist ihm spätestens danach sicher.

Auch Christian Roth zieht eine positive Bilanz. Der Unternehmer, der mit seiner Symbiose AG Konzepte für Flughäfen erstellt, ist froh, dass seine Bewerbung für diese Reise erfolgreich war. Er hat neue Partner gefunden. Und sein Respekt für die Politik sei gewachsen. Das sagt er diesmal ganz ernst.

 
Leser-Kommentare
    • pbosch
    • 10.05.2010 um 21:00 Uhr
    1. Image

    Pluspunkte für Rainer Brüderle.

    So kommt er weg vom Image als Fachminister für Weinproben hinzu zum Bundesminister für die Exportwirtschaft. Und da scheint er einen guten Job zu machen wie früher als wirklich erfolgreicher Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz.

    Da hat er Gestaltungsräume. Man muss bei aller Kritik auch berücksichtigen wie sehr das Bundeswirtschaftsministerium in den vergangenen Legislaturperioden von anderen Ministerien gefleddert wurde. Na ja - bei Vorgängern wie Bangemann-Möllemann-Hausmann. Da hatten ein Erhard oder ein Schiller andere Möglichkeiten.

    Totgesagte leben länger - wer glaubt dass Westerwelle den Brüderle so einfach auswechseln und abschieben könne, der verkennt die Stimmung an der Basis. Und die ist eher für Brüderle als für den Pleitier Westerwelle.

    Die FDP vom Image der Mövenpick-Partei oder als Handlanger der Versicherungswirtschaft bzw. der Neoliberalen wegzuführen wird Westerwelle nicht gegeben sein.

    Was bitte hat dieser Jurist mit dem entsprechenden Curriculum denn mit dem Mittelstand zu tun? Brüderle und andere schon eher.

    Hab mich gefreut endlich mal einen freundlichen Artikel über ihn zu lesen der auch den Tatsachen entspricht.

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