Ohne Kopf wiegt das Tuch exakt 56 Gramm. 94 auf 94 Zentimeter, 100 Prozent Polyester. Nichts weiter als ein Stück bügelbarer Stoff der Firma Rosa Parks aus Istanbul , massenindustriell gefertigt, als Cargo per Lkw nach Hamburg verfrachtet. Artikelnummer 992, zu waschen bei 30 Grad, eingeschweißt in einer Plastiktüte mit neun weiteren. Es kommt auf Basare, in Import-Export-Shops, Damenmodeboutiquen, zu Kaufhof und Karstadt, wird in flache Kartons gesteckt, in Regale gestapelt, in Glaskästen gelegt. In seiner ganzen Unschuld kostet das Kopftuch fast überall 4,99 Euro.

Özlem Nas ist eine muslimische Frau im deutschen Alltag, türkische Wurzeln, vor 36 Jahren in Uelzen geboren. Auf den ersten Blick ist sie das beste Beispiel für Zweifel am salonfähigen Generalverdacht, kopftuchtragende Frauen seien zum Tragen des Kopftuchs gezwungen. Es gibt Momente in einer Begegnung, da man spürt, dass man eine Frau wie Özlem Nas niemals zu irgendetwas zwingen könnte; beweisbar ist das nicht, natürlich, es könnte genauso gut auch anders sein.

Özlem Nas ist eine Art Vorzeigemuslimin, die schnell, klar und geistreich spricht, norddeutscher Dialekt, leichter Hamburger Akzent, reflektiert, engagiert, an Versöhnung, Dialog und dem Einschmelzen handelsüblicher Vorurteile interessiert. Ihr Haar ist nicht zu sehen, das Kopftuch hat – an jenem Freitag Ende April – ein braunes Muster, passend zur braunen Hose und den braunen Ballerinas. Ihre drei Kinder spielen Geige, die älteste Tochter macht Kung-Fu, einen Kampfsport, den Özlem Nas früher selbst betrieb. Ihr Terminkalender gestern, heute, morgen randvoll, Kind und Karriere, anstrengend, ja klar, aber es geht. Nas ist Vorstandsmitglied im »Bündnis der islamischen Gemeinden in Norddeutschland« und Frauenbeauftragte des »Rats der islamischen Gemeinschaften« (Schura). Weil sie, examinierte Pädagogin, Lehrer fortbildet und Schüler unterrichtet, kennt sie die muslimische wie nichtmuslimische Perspektive und sagt ohne Umschweife: »Wir können nicht mehr von Islamophobie reden, wir müssen heute von regelrechter Islamfeindlichkeit sprechen.«

Dass das Kopftuch seine Trägerin im deutschen Alltag zu einer Person zweiter Klasse macht, hat sie leibhaftig erfahren und zigfach erzählt bekommen; sie hat das Tuscheln hinter ihrem Rücken gehört, hat Passanten die Straßenseite wechseln sehen, hat mit Musliminnen gesprochen, die auf der Straße bespuckt, auf Ämtern für minderbemittelt gehalten wurden. Und wie oft wurde sie selbst von Fremden gefragt, ob sie unterdrückt werde, wie oft musste sie erleben, dass es weniger darauf ankommt, was eine Frau im Kopf, als was sie auf dem Kopf hat. Nichts anderes soll das heißen, als dass im liberalen Rechtsstaat Deutschland die offene Diskriminierung Alltag ist. »Kennen Sie«, fragt Özlem Nas keineswegs provokativ, »auch nur eine Frau mit Kopftuch, die bei einem Amt oder bei einem Notar arbeitet und keine Putzfrau ist?«

Wenn das Stück Stoff zum Symbol des Islams an sich reduziert wird, muss die anhängige Debatte um das Kopftuch als Stellvertreterschlacht in einem Kulturkampf zwischen Islamkritikern und Islamkritiker-Kritikern begriffen werden, der auch ein Kampf der Klischees ist. Die Islamkritiker sagen in etwa: Der Islam sei unreformierbar, rückständig und das Kopftuch, wie Alice Schwarzer es in einem Interview vor vier Jahren in der FAZ formulierte, die »Flagge des Islamismus«. Die Kritiker der Islamkritiker sagen: Man muss den Islam neu definieren, den Koran aus dynamischer Perspektive lesen und vor allem mit jeder einzelnen Muslimin über ihre Motive sprechen, Aug’ in Aug’, Fall für Fall.

»Es nervt schlicht und einfach«, sagt Özlem Nas, »wenn ich jedes Mal wieder auf ein Kleidungsstück reduziert werde. Ich kenne keine einzige muslimische Frau, die ihr Kopftuch aus politischen Gründen trägt.«

Mitten im Abitur hatte sich Özlem Nas für das Tuch entschieden, vor 18 Jahren. Ihr Vater war laizistisch. »Du spinnst«, hatte er gesagt und gelacht. Für Özlem Nas aber wurde das Kopftuch ein Teil ihres Ichs. Das Kopftuch drückte die beginnende Beziehung zwischen ihr und ihrem Schöpfer aus, sagt sie. »Es passte zu mir.« Bis heute ist es Teil ihrer religiösen Identität, Teil ihrer Identität als Bürgerin einer liberalen Demokratie, die ihr vor allem eines garantiert: unbedingtes Selbstbestimmungsrecht. Das Stück Stoff auf dem Kopf von Özlem Nas ist verfassungsrechtlich geschützte Freiheit.

Die Suche nach dem Wort Kopftuch im Koran dauert bereits eine halbe Stunde. Der Haupt-Imam der Centrum-Moschee Hamburg, Mitte vierzig, ein islamischer Theologe mit beträchtlichem Einfluss, hatte das arabische Wort für Kopftuch über das »Qu’ran«-App auf seinem iPhone eingegeben, dann zwei zweisprachige Koranausgaben aus dem Regal gezogen, sodann die Grundlagenwerke des syrischen Rechtsgelehrten Wahba Al-Zuhayli zurate gezogen, um die Frage zu klären, ob der arabische Terminus jalabib nun als »Übergewand« oder »Ganzkörpergewand« zu verstehen sei und ob der Kopf dann als Teil des »Ganzkörpers« gelten könne.

Stundenlang sucht der Imam im Koran nach dem Wort für Kopftuch

Ramazan Ucar ist ein ordentlicher Mann. Er lässt sich alle Zeit, obwohl er eigentlich keine hat. Anzug und Krawatte sind in hellem Ton gehalten, der Vollbart ist kurz und konturiert. Mehr Wandschmuck als das Bild der Ka’aba in Mekka ist nicht zu sehen. Immer wieder wird türkischer Schwarztee serviert, Ucar verzichtet auf Zucker. Fünf zum Teil voluminöse Bücher in arabischem Schriftbild liegen aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch, dritter Stock, kurz unter der Kuppel, Hamburg-St.Georg. Die Gemeinde ist Kooperationspartner des Verbandes Milli Görüș, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Man darf hier also eine eher konservative Lesart erwarten, und wenn Ucar als Imam in siebzehn Moscheen in Norddeutschland über die Aufgaben von Männern und Frauen predigt, hat jedes seiner Worte entsprechendes Gewicht.

Wieder legt er eine Seite um, fährt die Zeilen mit dem Finger ab. Im Raum steht Stille. Nur zwei der 114 Kapitel des Korans geben Hinweise auf die Bekleidungsvorschriften, die für die muslimische Frau – da »muslimisch« mit »gottergeben« zu übersetzen ist – religiöse Pflicht sind. Jede Silbe ist entscheidend, das Schriftarabische ist oft zweideutig. Ucars Exemplar wurde 1901 von Max Hennig übertragen und ist akademisch allgemein anerkannt. Er nuschelt Sure 24, Vers 31: »Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke niederschlagen und ihre Scham hüten und dass sie nicht« – hier merkt er auf – »ihre Reize zur Schau tragen, es sei denn, was außen ist, und dass sie ihren Schleier über ihren Busen schlagen (…).« Und dann, von hinten mit dem Daumen vorgeblättert, Sure 33, Vers 59: »O Prophet, sprich zu deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Weibern der Gläubigen, dass sie sich in ihren Überwurf verhüllen. So werden sie eher erkannt und werden nicht verletzt. Und Allah ist verzeihend und barmherzig.«

Das Wort »Kopftuch« ist mit keiner Silbe erwähnt. Ucar wappnet sich für das große Also. Entscheidend sei der Begriff Hmr (gesprochen: Hamer) im arabischen Original. Weltweit jeder, der den Koran im Original liest, stößt auf Hmr. Ohne den frisch servierten Tee anzurühren, versucht der Islamgelehrte und Imam Ramazan Ucar, der in Damaskus Theologie studiert hat, den Begriff Hmr gleichzusetzen mit Kopftuch. »Wir lesen es so.«

Aber so steht es nicht da. Ein Tuch kann man sich auch über die Schulter legen. »Zur Zeit unseres Propheten«, sagt Ucar, »zog man in Medina und Mekka ein Tuch über den Kopf.«