Die ZEIT: Nachdem die Burka jetzt in Belgien verboten wurde, fordern Politiker ein Verbot für ganz Europa. Wie lässt sich das in einem liberalen Rechtsstaat begründen?

Mathias Rohe: Die Burka, der Oberkörperumhang mit Gitterfenster, macht Kommunikation unmöglich, ebenso der sogenannte Niqab, der nur einen Sehschlitz frei lässt. Kommunikation aber ist die Voraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Außerdem kann man überall dort, wo sich Sicherheitsfragen stellen, solche Kleidung verbieten.

ZEIT: Ist die Burka denn ein Symbol für die brutale Herrschaft über die Frau?

Rohe: Ich denke, ja. Es dürfte nur sehr wenige Frauen geben, die solche Kleidungsstücke freiwillig tragen.

ZEIT: Burka, Niqab und Kopftuch sind völlig verschiedene Formen der Verhüllung. Wo lässt sich eine Grenze ziehen?

Rohe: Die Burka ist ein vorwiegend kulturelles Phänomen, eine paschtunische Stammestracht. Der vor allem in Saudi-Arabien übliche Niqab drückt eine sehr sexualisierte Sicht auf die Frau aus, die für die angebliche Gefährdung der Männer verantwortlich gemacht wird. Das freiwillig getragene Kopftuch ist anders zu beurteilen, es verhindert keine Kommunikation. Burka und Niqab würde ich hingegen bei meinen Studentinnen nicht dulden.

ZEIT: Ist das Kopftuch vereinbar mit dem Freiheitsbegriff einer Demokratie?

Rohe: Ja, wenn es freiwillig getragen wird. Wir können nicht alles verbieten, was uns fremd ist. Aber wir müssen stets die Grundlagen des wehrhaften Rechtsstaates verteidigen. Jede Ausübung von Zwang ist schärfstens zu verurteilen und strafbar.

ZEIT: Wo begänne Zwang?

Rohe: Prekär wird es dort, wo minderjährige Mädchen mit Sanktionen der Familie rechnen müssen, wenn sie sich nicht bedecken.

Der Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe ist Professor für Bürgerliches Recht und Rechtsvergleichung an der Universität Erlangen-Nürnberg

Die Fragen stellte Christian Schüle