Gladiatoren mit Amokschalk im Nacken: Jens Lehmann (links) neben Oliver Kahn © Lars Baron/Getty Images

Würde man während eines internationalen Fußballspiels mit deutscher Beteiligung von Land zu Land schalten und einen Blick in die Sportbars von beispielsweise Amsterdam, Sheffield, Oslo, Madrid, Rom, Lissabon, Helsinki, Zürich, Wien werfen, so würde man feststellen, dass in all diesen Städten sämtliche Fans (mit Ausnahme der deutschen Touristen) für die nicht deutsche Mannschaft brüllen. Sie schlagen sich nicht erst im Lauf des Spiels auf die Seite der deutschen Gegner, sie stehen naturgemäß, sozusagen aus Erfahrung, auf deren Seite. Woran liegt das wohl?

Vor einigen Jahren stellte der amerikanische Lyriker C. K. Williams in der ZEIT die These auf, die Deutschen seien ein »symbolisches Volk«, nämlich »das Volk der Täter«. Das heißt: Was auch immer sie tun, sie werden Täter bleiben. Und wenn das Volk der Täter zu spielen beginnt, so werden die anderen Völker es betrachten als das Volk der Täter, das so tut, als habe es das Spielen gelernt.

Wer liest, wie deutscher Fußball in der ausländischen Presse immer noch gern besprochen wird, muss erkennen, dass da was dran ist: der deutsche Angriff als Rollkommando und Blitzkrieg, die deutschen Spieler als Panzer, die deutsche Strategie als Himmelfahrtskommando.

Immer wieder hört man aus Fußballkommentaren ausländischer Fans ein AHA! heraus: Da ist er noch/wieder, der hässliche Deutsche. Sie haben sich nicht wesentlich geändert; sie spielen, wie sie einst kämpften; sie sind unfähig zum Spiel; sie kämpfen Fußball; sie werden es nie besser können, und sie ertragen es nicht, wenn andere es besser können: Die zwingen sie gnadenlos auf ihr eigenes, deutsches Niveau herunter.

Einst verdarben sie Europa, nun verderben sie den Spaß am großen europäischen Spiel. Sie sabotieren das One touch- Abenteuer, die Kunst des modernen Fußballs. Sie sind nicht in der Lage, mit den anderen zu spielen, aber sie sind in der Lage, deren Spiel zu zerstören.

Die einstige Dominanz des deutschen Fußballs (etwa in den siebziger und den neunziger Jahren) war demnach die Dominanz des Hässlichen, die Überlegenheit aus falschen Gründen. Die richtigen Gründe wären gewesen: Eleganz, Schönheit, Witz und Intelligenz. Die deutschen Gründe waren: Ausdauer, Zerstörungslust, böses Glück.

Diese Deutschen! Sie machten auch aus dem großen Spiel eine Kraft-ohne-Freude-Demonstration.

Insgeheim begriffen alle deutschen Fußballspieler den Argwohn und die Aversion der gegnerischen Zuschauer, sie litten darunter, und sie hüteten sich, ihr Unglück zu artikulieren. Zwei große deutsche Fußballer allerdings wählten eine andere Strategie: Sie spürten die Rollenerwartung der internationalen Fan-Kulissen, und mit einer gewissen masochistischen Lust sprangen sie der Erwartung ins Gesicht. Sie erfüllten, mal hysterisch, mal parodistisch, das Vorurteil vom grimmigen, zerstörerischen, aus der Haut fahrenden Deutschen. Es waren die tollen Torhüter Kahn und Lehmann.

Immer ahnend, dass man sie mitsamt ihren Mannschaftskollegen für stillos und spielschwach hielt, und beim Anblick ihrer strauchelnden Vorderleute vermutlich zum gleichen Urteil kommend, waren Oliver Kahn und Jens Lehmann Männer der Angriffsverteidigung: von ihren Leuten im Stich gelassen, berannt von überlegenen Teams – Deutsche unter Druck.

Wenn Oliver Kahn seinen Standort verließ, mit lodernden Augen, wirkte er tatsächlich bisweilen wie ein Soldat, der grimmig aus dem Schützengraben springt und mit stampfenden Stiefelschritten aufs Schlachtfeld rennt, hinein ins feindliche Feuer, den gegnerischen Reihen entgegen.

Es ging in seinen großen Ausrastmomenten darum, nicht bloß den Angriff zu vereiteln, sondern auch noch den Angreifer zu fassen. Sein Zorn schien auszureichen, einen Gegner nach dem anderen umzumähen, erst die feindlichen Stürmer, dann die Mittelfeldspieler, dann die Abwehrspieler, um am Ende dem größten Feind, dem eleganten gegnerischen Torwart, an die Gurgel zu fahren. Kahn war der Gladiator mit dem Netz, und man hatte Angst, ihm zu nahe zu kommen – der Strafraum war sein Reich und seine große Falle.

Es war eine Modernisierungsleistung des deutschen Fußballs, dass auf den bulligen Oliver Kahn der feingliedrigere Jens Lehmann folgte. Hier kam der auf eigene Kosten ausrastende Privatmann und Unternehmer, der mit seinem Land eine Art Franchise-Abkommen abgeschlossen hatte: Er führte den Strafraum der Nationalmannschaft wie sein Geschäft, mit dem Mutterkonzern nur lose und aus rasendem Eigeninteresse verbunden.

Seine Ausraster waren fast noch absurder, unvorhersehbarer als jene Kahns. Lehmann hatte selbst in seinen Adrenalinmomenten so etwas wie einen Amokschalk im Nacken, eine gewisse selbstzerstörerische Grazie.

Lehmann hatte sich vom Bild des typischen deutschen Wutnickels emanzipiert, dem nur der Weg ins Bullige blieb, das Plattmachen, das Soldatische. Lehmann war schon eher der selbstsichere Komfort-, Anspruchs- und Luxusdeutsche, der Deutsche als Liegestuhlbesetzer auf Mallorca, der die sonnenverbrannten Engländer und Niederländer wegbeißt, die seinen Ruheort ansteuern.