Torhüter Deutschland, ein StrafraumSeite 2/2

So unterschiedlich Kahn und Lehmann in ihrem Charakter sind, so ähnlich waren sie sich in ihrer Bereitschaft, zu weit zu gehen. Man ahnte die Lust an der verbrannten Erde, sprich, am gewollten und wild gefeierten Gesichtsverlust: Komm du mir noch mal in meinen Strafraum!

Es gibt berühmte Sprüche über den Deutschen an sich: er sei der mad man of Europe lautet einer, ihm sitze »ein Gen locker« (Martha Gellhorn) lautet ein anderer. Kahn und Lehmann haben ihr Bestes getan, den mad man of Europe würdig zu verkörpern.

Und doch hatte man, wenn man ihnen zusah, immer das Gefühl, auch eine schauspielerische Leistung zu erleben. Es war, auf den Wogen des Adrenalins, ein großes Schauspiel.

Der Torwart ist dazu prädestiniert, die Qualen und Nöte seines Teams zu zeigen. Schließlich läuft er nicht mit, er gehört nicht zur Hetzmeute, er steht allein vor seiner Hütte und wartet. Er muss einen Ausdruck für seine Zustände finden, er muss sie »verkörpern«. Schon seine speziellen Rechte und Zwänge machen ihn zum Künstler und Sonderling: Der Torwart ist ein Urwesen und Kobold aus jener Vorzeit des Spiels, als Hand- und Fußball noch nicht getrennt waren, er ist eine Mischung aus Fänger und Flieger, aus Akrobat und Clown.

Die meisten großen Torhüter sind deshalb Spaßvögel oder gutmütige, mit ihren Teams verschworene Hausväter, fürsorgliche »Fänger im Roggen« in kurzen Hosen, die darauf achten, dass der eigenen Mannschaft kein Leid geschieht.

Die beiden prägenden Torhüter Deutschlands der letzten Jahre hingegen, Oliver Kahn und Jens Lehmann, lebten in einer Art grollendem, augenrollendem Dissens mit ihren Vorderleuten. Sie sahen ja, was da lief, und sie konnten nicht eingreifen. Sie verhielten sich zu ihren Mannschaftskollegen wie knurrende deutsche Schäferhunde zu ihren Schafen, und manche deutschen Verteidiger fürchteten sich mehr vor dem Irren in ihrem Rücken als vor den anstürmenden Gegnern.

All diese Ausbrüche waren sicher echt – und sie waren doch auch tolles Theater.

In Tolstojs Krieg und Frieden heißt es über eine junge Frau: »Über Elenas Körper waren schon so viele Blicke hinweggegangen, dass sie ihn wie mit einer Art Lack überzogen hatten.« – Unter einem solchen Lack der Blicke fand auch alles statt, was Kahn und Lehmann im Spiel taten; unter dem Lack des Vorurteils bewegten sie sich, und man sah, wie sie ihn vom Leib sprengen wollten, indem sie einen Wutanfall bekamen – man sah aber auch, wie sehr sie ihre Wut genossen.

Worauf aber waren diese beiden deutschen Torhüter so wütend? Vielleicht doch auf den schöneren Fußball, den die anderen spielten?

In anderen Nationen waren in den letzten Jahren immer mehr unfassbare Ballkünstler aufgetaucht, in Deutschland aber nicht. Wenn man etwa den genialen Gockel Christiano Ronaldo aus Portugal sieht, so denkt man, er und der Ball hätten ein Liebesverhältnis. Wenn Ronaldo und der Ball losrasen, ist es, als löse ein Hundebesitzer seinem glücklichen, frisch dressierten Welpen die Leine und beide wollten nun der Welt zeigen, was der Herr dem Hund beigebracht hat. Oder Messi aus Argentinien, Robben aus den Niederlanden, Rooney aus England, Ribéry aus Frankreich: Das sind Männer, die so viel können, dass man denkt, die Zeitlupe sei für ihre Tricks erfunden worden. Wenn man im Zusammenhang mit den Deutschen die Zeitlupe braucht, dann doch vor allem, um sich ihre Fouls noch einmal anzusehen.

Die Deutschen wirken noch immer, als hätten sie den Ball eher zum Feind, genau wie jene mythischen Urfußballspieler, die angeblich im Mittelalter pestverseuchte Lumpen und Lappen durch die Dorfgassen traten.

Die deutschen Torhüter sahen all das mit an. Sie hatten die feindlichen Zuschauer im Rücken und waren immer kurz davor, zu desertieren. Das wagten sie dann aber doch nicht, und so blieb ihnen nur die Kultivierung des eigenen Zorns.

Darum geht es ja sowieso beim Fußball: um Aggressionsumleitung. Wesen, die mit Händen, Füßen, Zähnen und Klauen aufeinander losgehen möchten, haben gelernt, nur mit Füßen und nicht aufeinander, sondern auf ein rollendes Ersatzobjekt einzudreschen. Der moderne Fußball erzählt von der Verfeinerung dieser Dressurleistung. Er ist immer schneller, lakonischer, geisteswacher geworden. Kahn und Lehmann verrieten, dass das alles ein Provisorium war, welches sie nicht dauerhaft binden konnte. Sie waren immer kurz davor, sich zurückzuverwandeln in den Drachen aus dem Kinderbuch. Das eigentlich Wunderbare war nicht, ihnen dabei zuzusehen, wie sie ihre Mannschaft vor einem Rückstand bewahrten, sondern wie sie sich selbst vor einem Rückfall bewahrten – einem Rückfall in die Wildnis.

Kahn hat sich schon aus dem aktiven Fußball zurückgezogen, man hat ihn verabschiedet wie einen unverwundbaren Gladiator. Und Lehmann hat am 8. Mai sein letztes Fußballspiel bestreiten. Was sollen wir Deutschen, die mad men of Europe, nur tun ohne unsere beiden grandiosen Wutspieler? Wer soll uns nun verkörpern?

Ein neuer deutscher Gladiator, Panzer, Ober- Kraut ist nicht in Sicht. Eine merkelhafte Vorsicht hat die deutschen Fußballer ergriffen. In München, beim FC Bayern, zerteilt der Cheftrainer Louis van Gaal das Spielfeld symbolisch-taktisch in achtzehn Kleinfelder, die offene Kampfesfläche verwandelt sich also in ein Netz überschaubarer Parzellen, welches von den Spielern brillant verwaltet wird. Von oben sieht das zerteilte Feld aus wie ein Großraumbüro. Vorsicht, Überblick, Kommunikation sind hier die Gebote, aber nicht Unberechenbarkeit, Wagemut, einsamer Irrsinn. Vom deutschen Fußball ist mit madness nicht mehr zu rechnen, und bald werden die Europäer merken, was ihnen da verloren gegangen ist: Die deutschen Teufel sind fort. Der letzte Deutsche, über den sie sich am Ende noch guten Gewissens entrüsten können, hört auf den Namen Benedikt XVI.

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Leser-Kommentare
  1. Wir freuen uns über Ihre Kritik, bitten Sie jedoch, sie auf konstruktive Weise vorzubringen. Worin sehen Sie die Schwäche des Artikels genau? Danke. Die Redaktion/cs

    • meuser
    • 09.05.2010 um 13:49 Uhr

    Die Ausländer sind deshalb für die andere Mannschaft, weil Deutschland die erfolgreichste Mannschaft Europas ist.
    So wie kein Nicht-Bayern-Fan für die Bayern ist...

    Gekürzt. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns Ihre Kritik am Artikel mit konstruktiven Argumenten weiter ausführen. Danke. Die Redaktion/cs

  2. Manchmal ist es richtig toll Deutscher zu sein.

  3. Ich muss einfach mal danke sagen für die wirklich amüsanten Minuten, die beim Lesen vergingen.

  4. Nur hat zum Glück Italien international das Ansehen als Fussballzerstörer. Welche Presse ließt der Redakteur?

    • hagego
    • 12.05.2010 um 11:35 Uhr

    Ja, Sie haben das schon gut beschrieben: Oliver Kahn war während seiner aktiven Zeit ein sog. "Krieger". Er wollte alles. Den Sieg. Die Kontrolle. Und wenn er am Spieltag merkte, die Mittel der eigenen Mannschaft würden für einen Sieg nicht ausreichen, dann ging er mit gutem Beispiel voran und überschritt u.U. die Grenze des Fairplays (vielleicht erinnern wir uns an den Kampfflieger Kahn gegen Borussia Dortmund).

    Jens Lehmann war weniger eine Kampfwalze denn ein höchst dialektischer Mitspieler. Seine Rochaden waren unberechenbar - auch für die eigenen Mitspieler. Aber sie küssten die eigene Mannschaft wach. Lehmanns Eskapaden wirkten wie Spritzen gegen die eigene Lethargie. Lehmann merkte, wenn er über das Ziel hinausschoss. Er nutzte das sehr genau als ein Stilmittel gegen Durchschnitt bzw. Mittelmäßigkeit ein. Weil er nichts mehr hasste, als an einem unauffälligen Fussballspiel teilzunehmen.

    Beiden Torhütern gab ihr persönlicher Erfolg recht.

    Tim Wiese (Werder Bremen) ist von seiner Persönlichkeitsstruktur ein ganz ähnlicher Typ. Für den Erfolg macht er alles. Er riskiert Kopf und Kragen. Was ihm (noch) fehlt, ist aber das rhetorische Rüstzeug. Seine Aussagen sind nicht annähernd so kunstvoll wie seine Torwartparaden. Hier muss sich der Ballfänger noch steigern. Er wäre dazu in der Lage, hat aber mit Neuer und Adler große und jüngere Konkurrenz.

  5. Lange nichts gelesen was derart unterhalten hat. Danke!
    Super Story. Im Grunde kann man jeden soziologischen Zusammenhang mit dem Ballsport erklären. Ist wohl auch einer der Gründe, warum man als Mad Man of Europe immer noch Spaß an diesem für aussenstehende idiotischen Spiel haben darf...

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