Film "David wants to fly" : Endlich fliegen – aber wie?

David Sievekings bizarrer Dokumentarfilm über David Lynch und die Transzendentale Meditation
Der Regisseur David Sieveking versucht sich in einer Lynch-Pose © Adrian Stähli, Berlin

Welcher David hier fliegen will, bleibt gezielt unklar in David wants to fly. Ist es der unterfinanzierte Hutträger und Regie-Anfänger David Sieveking oder sein Idol, der weltberühmte Filmemacher und militante Sekten-Unterstützer David Lynch ? Dessen Sekte sind die Transzendentalen Meditierer – bekannt durch ihren kürzlich verstorbenen Chef Maharishi Mahesh Yogi und seine berühmtesten Jünger, die Beatles – und die wollen schließlich neben allerhand anderem Schnickschnack auch qua Meditation die Schwerkraft aufheben. Nun ist der Ruf von David Lynch durch sein Engagement für diese Leute ohnehin derartig ramponiert, dass es wahrscheinlich leicht wäre, eine Art Biopsie spezifischer Künstlerverblödungen zu erstellen. Aber die Geschichte verläuft ganz anders.

Der begabte junge Filmemacher Sieveking, der, wie man das heute so macht, einen Dokumentarfilm dreht, um zunächst mal von sich zu erzählen, beschließt, selber gläubig zu werden. Er reist zu allerlei Welttreffen der Transzendentalen Meditierer, wird als vielversprechendes Mitglied hofiert und trifft alte und neue Gurus, ja bizarre Heilige wie einen dicklichen »König von Deutschland«, der Deutschland unbesiegbar machen will (durch Meditation). David Sieveking beginnt erst in dem Moment zu zweifeln, als er mitkriegt, dass es ums Geld geht. Und da ist mit deutschen Seelensuchern nicht zu spaßen. Religion und Geld gehen für sie nicht zusammen.

Dabei hatte ein aufgeräumter Lynch bei seiner ersten Audienz für den anderen David schon ganz offenherzig erklärt, der große Vorteil der Transzendentalen Meditation (TM) bestehe darin, dass man als Meditierender besser und konzentrierter arbeiten könne. »It’s like money in the bank.« Und dass ein gut geölter, das Letzte aus den Leuten herausholender Kapitalismus seine ganz spezifische Spiritualität braucht und konstruiert, weiß man spätestens seit Max Webers Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, mithin seit hundert Jahren. Die verschärfte Form eines kognitiven Kapitalismus, für den Hollywood steht, hat seit Jahrzehnten einen eigenen Komplex aus Religionen hervorgebracht, den der Literaturwissenschaftler Harold Bloom den »kalifornischen Orphismus« nennt: New Age, Ambient-Religionen und Burning-Man-Erlebniskulte sind wohl schon die dritte Generation dessen, was mit der zweiten Theosophie-Welle begann, dann mit Scientology und eben auch Transzendentaler Meditation seit Jahrzehnten Menschen Trost, Halt und Identität spendet, die von Berufs wegen andere Leute darstellen.

Dass man diesen Bewegungen nicht den Mumpitz vorwirft, den sie ihren Kunden verkaufen, sondern nur die Tatsache, dass sie überhaupt etwas verkaufen und ungesund hohe Profite für sinistre indische Sippschaften einfahren, war schon immer rätselhaft. Wieder ist es in David wants to fly David Lynch, der gute Gründe dafür nennt, dass die Spiritualitäts-Dealer gewiefte Geschäftsleute sein müssen: Gute Produkte müsse man jederzeit und überall kaufen können, die Produktion müsse gut organisiert sein. Doch der Filmemacher David Sieveking hat jetzt langsam genug. Er folgt einem lustigen hinduistischem Mönch in die Berge, um seinen eigenen spirituellen Weg zu gehen, wie man das so macht im Lande der Siddhartha- Leser.

Zwischendurch ist er ganz vom Thema »Lynch und organisierte Spiritualität« abgekommen und weite Strecken gereist, um seine ebenfalls sehr betriebsame Freundin auf irgendeinem Flughafen zu treffen. Irgendwann verlässt sie ihren Boyfriend bei einem Spaziergang auf Coney Island. Die Entscheidung im ewigen Städtevergleich New York gegen Berlin ist diesmal für New York gefallen. Außerdem hält sie eine Verteidigungsrede für David Lynch. Der hyperkritisch gewordene Ex-Freund solle aufhören, berühmte Männer zu belästigen.

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Kommentare

57 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

An David Lynch:

JOHANN GOTTFRIED HERDER
Der Mond

UND grämt dich, Edler, noch ein Wort
Der kleinen Neidgesellen?
Der hohe Mond, er leuchtet dort,
Und lässt die Hunde bellen
Und schweigt und wandelt ruhig fort,
Was Nacht ist, aufzuhellen.

The Moon

O noble one, why do you care
What envious morons may remark?
Look at the moon, it shines up there
Ignoring all the dogs that bark
And quietly moves everywhere
To brighten up what still is dark

(Übersetzung Franz Richter)