Eckart von HirschhausenDoktor Allgemeinwohl

Von nun an moderiert er "Frag doch mal die Maus" in der ARD: Auf der Suche nach dem Erfolgsgeheimnis des Eckart von Hirschhausen von Ursula März

Er verkörpert das Modell des multiplen Entertainers: Eckart von Hirschhausen

Er verkörpert das Modell des multiplen Entertainers: Eckart von Hirschhausen  |  © Miguel Villagran/Getty Images

Der da? Natürlich, wer sonst. Die kurzen dunklen Haare, die für einen über Vierzigjährigen überraschend unverbrauchten Gesichtszüge hat man dutzend Mal gesehen, auf Buchcovern, im Fernsehen, in Zeitungen, Zeitschriften. Außerdem ist wochentags nicht viel los im Restaurant Alte Fischerhütte am Berliner Schlachtensee, da kann es keine Verwechslung geben. Nur hatte man sich den Mann, dessen öffentliche Erscheinung zu kultivierter Konvention neigt, inklusive gemusterter Halstücher, und der im vergangenen Dezember zum »Krawattenmann des Jahres 2009« gekürt wurde, irgendwie anders vorgestellt. Nicht formell, was für einen Seespaziergang tatsächlich übertrieben wäre. Aber mit Tendenz zum Tadellosen. Womöglich eine Spur etepetete.

Das Gegenteil ist der Fall. Er steht am späten Vormittag eine Spur derangiert in der Restauranttür, wie ein sympathischer, etwas chaotischer Student, dem auf dem Weg vom Kleiderschrank zum Hörsaal kein Spiegel begegnet ist. Das Hemd hängt an einer Seite aus der Hose, der Hemdkragen ist im Nacken unter dem Pullover verknäult. Beim Inhalt der dick ausgebeulten Brusttasche seines karierten Wollmantels scheint es sich um das Zwischenlager einer leger gehandhabten Zettelwirtschaft zu handeln. Er setzt sich mit untergeschlagenem, halb auf dem Stuhl liegendem Bein, genauso zwanglos ergibt sich das Gespräch. Als würde lediglich ein am Vortag unterbrochener Faden wieder aufgenommen.

Anzeige

Dr. med. Eckart von Hirschhausen also. Erfolgreichster deutscher Sachbuchautor der Gegenwart. Dreieinhalb Millionen verkaufte Bücher. Studium der Medizin in Heidelberg , Berlin , London, Studium des Wissenschaftsjournalismus. Vor fünfzehn Jahren trennte sich Hirschhausen vom Arztberuf, nicht aber von der Arztrolle. Er verlegte sie ins Humoristische, erfand im Lauf der Zeit ein Bühnengenre namens medizinisches Kabarett, das sich als Promenadenmischung aus Comedy und missionarisch angehauchtem Ratgebertum beschreiben lässt. Hirschhausen entstammt bildungsbürgerlichen Verhältnissen, ist 42 Jahre alt und, genau genommen, im Erstberuf Zauberkünstler. Er brachte sich als Kind das Zaubern bei, zauberte als Student in den Fußgängerzonen italienischer Städte, stand jahrelang als »Magical Entertainer« auf Varietébühnen. Bei einem seiner frühen Fernsehauftritte, in Jürgen von der Lippes Sendung Geld oder Liebe, trug er einen schwarzen Zylinder, der die damals etwas fleischlos wirkende Gestalt in die Lulatschform streckte. In Erinnerung ist, dass er den Kaninchentrick vorführte, aber das muss nicht stimmen.

Er hat ein kleines Frühstück bestellt, Tee, frisch gepresster Orangensaft, Rührei mit einer Scheibe Toast, die er – klassischer Kalorientrick – liegen lässt. Als vor über einem Jahr Glück kommt selten allein erschien und, wie der Vorgängertitel Die Leber wächst mit ihren Aufgaben, auf Platz eins der Bestsellerliste festwuchs, gab Hirschhausen einen Berg Interviews, aus denen unter anderem zu erfahren ist, dass er die Insel Sylt liebt, sich im Win-ter vor Auftritten mit einer Lichtdusche auf Trab bringt, nicht aber, dass er mindestens so gern selbst fragt, wie er antwortet. Noch bevor das Frühstücksgeschirr den Tisch verlässt, ist Hirschhausen über die Berufslaufbahn der Journalistin, deren Vorhaben es ist, seine zu beschreiben, weitgehend im Bild. »In mir steckt ja unter anderem auch ein Journalist«, kommentiert er den Rollentausch.

In ihm steckt viel. Seit dem vergangenen Herbst ist Hirschhausen Co-Moderator der NDR-Talkshow Tietjen & Hirschhausen, nebenbei Kolumnist des Playboys. In Kürze übernimmt er für die ARD mehrere Quizsendungen. Die Samstagabendshow Frag doch mal die Maus hatte am 8. Mai Premiere. Im aktuellen Kabarettprogramm Liebesbeweis, mit dem er derzeit durch die Republik reist, singt er außerdem auch noch. Er hat keine Gesangsausbildung, was schon deshalb nicht nachteilig wirkt, weil die familiale Nähe zwischen dem Publikum und Hirschhausen dessen musikalisches Debüt in eine Art gegenseitigen Vertrauensbeweis verwandelt. Am Ende des Abends singt das ganze Publikum im Stehen All you need is love. Nur der verwuschelte Filmregisseur Detlev Buck, der im Februar eine Vorstellung in der Berliner Universität der Künste besuchte, blieb als Einziger stumm sitzen. Vermutlich war ihm der kollektive Stimmungseffekt peinlich.

Eckart von Hirschhausen verkörpert, so flexibel wie kaum ein anderer, das Modell des multiplen Entertainers, für den der Buchmarkt eine Branche unter vielen ist. Wenn Barbara Schöneberger demnächst einen Roman herausbrächte, wäre das im Grunde so wenig überraschend wie ein Schauspieldebüt der Fernsehköchin Sarah Wiener. Der Schriftsteller Frank Schätzing wiederum hält längst keine literarischen Lesungen mehr ab. Er inszeniert Liveshows, bei denen er den naturwissenschaftlichen Input seines Thrillers Limit anschaulich und theatralisch aufbereitet, was Hirschhausens Kabarett durchaus nahekommt. Beide bewegen sich im Rahmen von Infotainment. Bildungsunterhaltung fürs breite Publikum, die den beängstigenden Abstand zwischen Durchschnitts- und Expertenwissen kompensiert. Gerd Scobel fungiert in diesem Medienreich als Minister für Philosophie, Günther Jauch hat das Ressort Allgemeinbildung. Doktor Hirschhausen ist eine Art Bundespräsident fürs Allgemeinwohl.

Über Privates spricht er mit der Presse grundsätzlich nicht. Dies war die einzige Vorgabe des Treffens am Schlachtensee, das im Übrigen zehn Tage vor jenem Artikel der SZ vom 22. März stattfand, in dem Hirschhausen unter der Überschrift Angst und Wahn Kontrollwut vorgeworfen und eine Mail seiner Managerin abgedruckt wurde, die darin die Forderung erhob, ein von der SZ geplantes Hirschhausen-Porträt vorab zu lesen. Weder kennt Eckart von Hirschhausen diesen Text der ZEIT, noch hat er es je gewünscht. Er sieht auch, wie er locker und gut gelaunt am Tisch sitzt, nicht gerade nach Angst und Wahn aus. Aber nach einem Widerspruch: zwischen spontaner Kommunikationslust und der unterschwellig alarmierten Umsicht, die die Beurteilung des Kommunizierten jederzeit vorausdenkt.

Leserkommentare
  1. "von Hirschhausen recht genau, dass es da in der deutschen Kulturlandschaft ein Grüppchen gibt, das
    überhaupt nicht mitfeiert und seine Bücher im besseren Fall unerheblich findet, im schlechtesten nahezu reaktionär. Das Hochkulturfeuilleton beispielsweise
    oder Kritiker wie Denis Scheck, der in seiner Sendung Druckfrisch Hirschhausens Bestseller in die Schrotttonne wirft.
    "

    Ich muss immer lachen, wenn ich deutsche Kulturlandschaft höre. Genial finde ich die mit nasaler Stimme vorgetragene Kulturkritik. Wenn es jemanden gibt, der im Elfenbeintrum wohnt, dann sind es diese Leute. Scheck ist ein Musterbeispiel für bornierte Selbstverliebtheit und damit Vorbild all dieser Leute. Die sind so ähnlich wie die Amazon-Rezension, bestenfalls unterhaltsam, selbstverliebt und belanglos.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn ich das Wort Kulturlandschaft höre, bekomme ich eher eine Gänsehaut. Kultur ist, wie alles in diesem Lande längst zur Ware verkommen, dabei sollte sie allen zugänglich sein, weil sie eben auch einen Bildungseffekt hat.
    Selbst wer gern liest, muß seine Ansprüche in engen Grenzen halten, wenn er nicht über ausreichend Einkommen verfügt, um sich die Ausgabe für ein Buch leisten zu können. Gut, mancher findet noch den Weg in ein Antiquariat, aber selbst dort muß man sich beschränken.
    Ich bin das, was man einen Büchernarr nennt und habe mir, solange die DDR existierte, eine umfangreiche Bibliothek zugelegt (z.B. 1968 angefangen mit einer 12-bändigen Goethe-Ausgabe für 72 Mark der DDR). Bücher kosteten in der Regel eben nur knapp 10 Mark, so daß man nicht lange überlegen mußte. Bei 19,60€ und mehr, denkt man schon ganz anders. Manche, scheint mir, greifen nur auf die Romanhefte zurück, damit sie überhaupt einmal etwas zu lesen in die Hand zu bekommen. Selbst eine Tageszeitung mit etwas Niveau ist heute fast schon Luxus.
    Arme Kulturlandschaft.
    Von Theater und Knzert will ich gar nicht erst anfangen. Da paßt der Normalverdiener doch schon lange nicht mehr hin.

  2. Wenn ich das Wort Kulturlandschaft höre, bekomme ich eher eine Gänsehaut. Kultur ist, wie alles in diesem Lande längst zur Ware verkommen, dabei sollte sie allen zugänglich sein, weil sie eben auch einen Bildungseffekt hat.
    Selbst wer gern liest, muß seine Ansprüche in engen Grenzen halten, wenn er nicht über ausreichend Einkommen verfügt, um sich die Ausgabe für ein Buch leisten zu können. Gut, mancher findet noch den Weg in ein Antiquariat, aber selbst dort muß man sich beschränken.
    Ich bin das, was man einen Büchernarr nennt und habe mir, solange die DDR existierte, eine umfangreiche Bibliothek zugelegt (z.B. 1968 angefangen mit einer 12-bändigen Goethe-Ausgabe für 72 Mark der DDR). Bücher kosteten in der Regel eben nur knapp 10 Mark, so daß man nicht lange überlegen mußte. Bei 19,60€ und mehr, denkt man schon ganz anders. Manche, scheint mir, greifen nur auf die Romanhefte zurück, damit sie überhaupt einmal etwas zu lesen in die Hand zu bekommen. Selbst eine Tageszeitung mit etwas Niveau ist heute fast schon Luxus.
    Arme Kulturlandschaft.
    Von Theater und Knzert will ich gar nicht erst anfangen. Da paßt der Normalverdiener doch schon lange nicht mehr hin.

    Antwort auf "Wirklich"
  3. 3. Leider

    schimmert durch diesen Text ganz unverhohlen die Abneigung der Autorin.

    Vielleicht sind ja alle Artikel nur Meinungsäusserungen der Schreiber.
    Doch dann sollte es doch besser heissen: Was denkt Frau März uber....
    Nur, würde mich das wirklich interessieren?
    Ich denke nicht.

    Und trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, das es den einen oder anderen Schreiber gibt, dem es gelingen möge, sich einem anderen Menschen zu nähern und ihn vielleicht auch ein wenig zu erfassen und das auch noch in eine gute Story zu verarbeiten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service