Wenn Angela Merkel am Freitag in Brüssel landet, hat sie viel Geld im Gepäck – für die Griechen. Mit 110 Milliarden Euro Kredit helfen die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land aus der Patsche, 22 Milliarden kommen aus Deutschland, es ist das größte Rettungspaket in Europa seit dem Marshallplan. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) rettet mit . Sie beschloss am Wochenende, griechische Staatsanleihen gegen Cash zu tauschen – egal, wie sehr die anderswo verramscht werden.

Europa hat sich in seiner dunkelsten Stunde zusammengerauft. Und auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei die Rückkehr der Weltfinanzkrise gebannt. Als seien Griechenland und halb Südeuropa gerettet und mit ihnen der Euro. Das Problem ist nur: Es stimmt nicht.

In Wahrheit kauft Europa sich gerade für viel Geld ein wenig Zeit. Die Griechen werden dank der Hilfe schätzungsweise zwei Jahre lang über die Runden kommen. So lange sind sie nicht auf die nervösen Finanzmärkte angewiesen, wo sie zuletzt nur noch zu Wucherzinsen Geld borgen konnten. Für Europas Politiker beginnt jetzt aber erst der schwierigste Teil des Rettungsgeschäfts. Sie müssen der Welt beweisen, dass sie den Euro und den gemeinsamen Währungsraum krisenfest machen können.

Wie nötig das ist, haben sie in den vergangenen Wochen gelernt – auf die unsanfte Art. Nach Wochen des Zauderns war man selbst im Berliner Kanzleramt davon überzeugt: Alternativen zur Nothilfe gibt es nicht. Dann nämlich wäre die Lage wahrscheinlich eskaliert. Es gab längst Panikzeichen an den Finanzmärkten. Aus Angst vor einer Welle von Staatspleiten trennten sich Investoren auch schon von Staatsanleihen aus dem weniger hoch verschuldeten Portugal. Sie sorgten sich um Zahlungsausfälle in Spanien, Irland und Italien. Man weiß das über Wirtschaftskrisen: Wenn sich Panik ausbreitet, gibt es kein Halten mehr. Dann ergreifen Investoren die Flucht, Sparer stürmen Banken, Finanzinstitute kollabieren, wieder einmal. Dann droht die tiefe Rezession.

Niemand hat den Überblick, wo sie überall stecken, die Staatsanleihen aus den wackligen Euro-Ländern. Welche Banken, welche Pensionsfonds, welche Lebensversicherer und Unternehmen sich damit eingedeckt haben, um satte Zinsen zu kassieren. Schätzungen gibt es inzwischen für die Papiere aus Griechenland: Demzufolge halten allein deutsche und französische Banken griechische Staatsanleihen im Wert von 20 bis 30 Milliarden Euro, 40 bis 50 Milliarden haben europäische Versicherungen gebunkert, und niederländische Pensionsfonds sind mit rund 15 Milliarden dabei.

Sogar die USA fürchten sich vor der Ansteckungsgefahr durch Staatsbankrotte in Europa . Der amerikanische Finanzminister Timothy Geithner warnte vor zwei Wochen im Kreis seiner Kollegen vor einer globalen Schuldenkrise – falls Europa die Lage nicht in den Griff bekomme. "Griechenland ist euer Lehman Brothers", sagt der amerikanische Makroökonom Barry Eichengreen.

Daher die Milliardenhilfen für das klamme Nachbarland. Und daher auch die bange Frage: Sehen wir das Geld jemals wieder?

Der Jubel über das Rettungsprogramm wich schon zur Wochenmitte tiefer Ernüchterung an den Weltbörsen. Die Risikoaufschläge auf kurzfristige griechische Staatsanleihen sanken, kein Wunder bei all den Garantien, aber bei den langfristigen Anleihen blieben die Aufschläge hoch. Der Euro-Kurs fiel. Das sind klare Zeichen dafür, dass viele Marktteilnehmer der Rettung misstrauen. Groß bleibt die Gefahr, dass Griechenland trotz der Hilfen nicht auf die Beine kommt – und seine Schulden nicht zurückzahlt.

Paradoxerweise hat das auch mit dem drakonischen Sparkurs zu tun, zu dem das Land vor allem auf deutschen Wunsch gezwungen wird. Rund 11 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt sollen eingespart werden, Reallöhne müssen im Schnitt um 20 bis 30 Prozent sinken und dergleichen Rosskuren mehr. Der Regierungschef hält Blut-Schweiß-und-Tränen-Reden, die Bevölkerung rebelliert . Ob die Regierung wirklich so viel sparen kann, ist offen.