Angst in Portugal »Zeit, zu beten«

Portugal ist der nächste Wackelkandidat in Europa. Mit Sparprogrammen kämpft die Regierung um das Vertrauen der Gläubiger

Es ist ein lauer Abend, als zwei Straßenmusiker – Rumänen, wie sich herausstellt – vor einer Caféterrasse am Rossio in der Lissabonner Altstadt ihre Gitarren nehmen, den Verstärker aufdrehen – und einen schlechten Witz zum Besten geben. Die Melodie des griechischen Welthits Ta pedia tou Pirea schallt über den Platz, auf Deutsch bekannt als Ein Schiff wird kommen. Ausgerechnet. Ein paar Touristen lachen amüsiert, aber die Einheimischen finden das nicht komisch.

Seit Tagen wehren sich die Portugiesen dagegen, mit den griechischen Beinahe-Staatspleitiers gleichgesetzt zu werden. Die Schulden sind hier nicht so hoch. Doch an den internationalen Finanzmärkten wird zumindest der Vergleich gezogen. Die internationale Rating-Agentur Standard & Poor’s setzte das Land auf »A–« herab. »Ansteckung« nennt man es in Finanzmarktkreisen, wenn die Sorgen um das eine Land den kritischen Blick auf andere Länder schärfen.

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»Portugal ist nicht Griechenland«, wiederholen Politiker und Ökonomen des Landes geradezu beschwörend. Als Botschaft an die Finanzmärkte war auch zu werten, dass der Chef der wichtigsten Oppositionspartei, der sozialliberalen PSD, vergangene Woche zusagte, zusätzliche Sparmaßnahmen der sozialdemokratischen Regierung voll zu unterstützen. Es verfehlte seine Wirkung nicht: Die Zinsaufschläge für portugiesische Staatsanleihen gingen leicht zurück.

Zudem verlangt die Regierung tatsächlich viel von den zehn Millionen Portugiesen: Das Arbeitslosengeld soll um rund 25 Prozent sinken. Eine Steuer von 20 Prozent auf Börsengewinne wird eingeführt, und Portugiesen, die mehr als 150.000 Euro im Jahr verdienen, müssen höhere Steuern zahlen. Für Autobahnstrecken, die bisher noch kostenfrei befahren werden können, wird eine Mautgebühr eingeführt.

Diese Einschnitte folgen einem im März vorgelegten Sparprogramm: Danach sollen Staatsunternehmen privatisiert, Steuererleichterungen abgeschafft und die Gehälter für Staatsdiener nur noch unterhalb der Inflationsrate erhöht werden. Dadurch soll das Haushaltsdefizit im laufenden Jahr von 9,3 Prozent auf unter 8 Prozent der Wirtschaftsleistung und bis 2013 wieder unter das für die Euro-Staaten geltende Limit von 3 Prozent gedrückt werden.

Leser-Kommentare
  1. Ihre Analyse ist insgesamt treffend. Aber Mieten wie die der Maria de Lourdes sind in Lissabon heute eher die Ausnahme. Es sind jene, die einen alten Mietvertrag haben und eine Wohnung, in der meist Jahrzehnte nichts renoviert wurde. Seit Jahren bekommt man kaum eine Wohnung unter 10 Euro pro Quadratmeter, Wohnungen mit guter Ausstattung (Zentralheizung, Doppelglasfenster etc.) kosten 15 Euro pro qm oder mehr. Es gibt im Stadtzentrum Lissabon sehr viel Leerstand - das führt aber nicht dazu, dass die Mieten sinken. Man verzichtet lieber auf die Einnahmen, als dass man mit dem Preis runter geht. Eine solche "Politik" hat auch dazu geführt, dass selbst in Spitzenlagen der Stadt Ladenlokale mehrere Jahre leer standen oder dass die Inhaber dort ständig wechselten. Seit einigen Monaten macht sich der Trend bemerkbar, dass ein teureres Restaurant, das Virgula, ein Edel-Blumenladen, Atmosphere, ein feinerer Schuhladen und eine Boutique in der Nähe der Avenida da Liberdade aufgegeben haben sowie im Chiado der brasilianische Designer Osklen und das angrenzende Geschäft, das Marken wie Replay führte, auch. Alle gab es seit mehreren Jahren. Dennoch möchte ich hier auf gar keinen Fall ein Klagelied auf den Niedergang Portugals oder Lissabons anstimmen. Denn zeitgleich öffnen an anderen Orten andere Geschäfte und insgesamt spürt man eine Rückbesinnung auf eigene Traditionen, eigenes Kunsthandwerk - im ganzen Land.

  2. Die Regierung von José Socrates hat sich schon in den vergangenen Jahren bemüht, wie Sie geschrieben haben, die Wirtschaft zu diversifizieren und z.B. auch eine Solarzellenproduktion aufgebaut. Nur lassen sich jahrelange Fehlentwicklungen aus den 90er Jahren und Anfang 2000 nicht innerhalb weniger Jahre korrigieren, schon gar nicht inmitten dieser Finanz- und Wirtschaftskrise und angesichts einer extrem hohen Verschuldung der Privathaushalte. V.a. letzteres nagt an Portugal, verhindert einen Aufschwung und gibt Anlass zum Pessimismus. Portugal hat schon seit dem Antritt der Regierung Socrates 2005 mit dem Sparen begonnen, im Gesundheits- und Bildungssektor und insgesamt im Staatsdienst. Vieles, was Griechenland aufgelegt wurde, hat Portugal aus eigener Anstrengung, um die Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen, bereits gemacht. Die Portugiesen haben Recht, wenn sie sich gegen den Vergleich mit Griechenland verwehren. Er stimmt tatsächlich nicht. Aber die Probleme sind auch hier groß und man hängt in der Zwickmühle: Spart man, verzichtet man auf Investitionen und bringt damit die Wirtschaft noch weiter ins Tal und die Arbeitslosenzahlen noch mehr in die Höhe? Oder verschuldet man sich noch mehr und kurbelt das Wirtschaftswachstum an???

  3. 3. Teil3

    Die Mehrwertsteuer in Portugal beträgt übrigens 21 Prozent und die Erholung Portugal hängt an den Fragen der Ver- und Entschuldung sowie an der Angekurbelung des privaten Konsums. Dies unter der Perspektive, wie Wirtschaft heute funktioniert. Die Portugiesen hatten übrigens laut einer britischen Studie vom März 2009 zu 92 Prozent eine andere Weltwirtschaftsordnung gefordert, gefolgt von den Philippinen (88%) und Spanien (84%). es war eine Umfrage in 24 Ländern. Vielleicht bräuchte es das ja statt Ab- und Aufwertungen durch Rating-Agenturen!

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