Autor Moritz von Uslar hat seinen ersten Auftritt. Für seine Reihe "Freitagnacht" wird er Menschen an unterschiedlichen Orten beim Feiern beobachten. Diesmal war er in Anklam in Vorpommern. Uslar, 39, zuvor beim "Spiegel", wurde bekannt durch die Serie "100 Fragen an..." im "SZ-Magazin". Im Herbst erscheint sein Buch "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung"

Es zeichnete sich einer dieser grandios aufgeregten Berliner Abende ab (an der Friedrichstraße sollte die King Size Bar eröffnen, gegen Mitternacht würden die Gäste des Deutschen Filmpreises den Friedrichstadtpalast verlassen und wieder nicht wissen, wo sie weiterfeiern sollten, was immer für lustige Szenen sorgte) – als ich, gegen Mittag, den Entschluss fasste, diese Freitagnacht nicht in Berlin, sondern ganz woanders zu verbringen: in Anklam. In dieser – so konnte man vielleicht sagen – kaputtesten, fertigsten, unseligsten Stadt Deutschlands.

Wer sich in den vergangenen 20 Jahren die Probleme Ostdeutschlands (Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Überalterung) vor Augen führen wollte, der hatte immer nur auf diesen Ort zu blicken brauchen: Kleinstadt Anklam, 12.000 Einwohner, im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns gelegen.

Neueste Nachrichten aus der Hauptstadt Dunkeldeutschlands: Ein-Euro-Jobs hatten die Arbeitslosigkeit von 33 auf 22 Prozent gedrückt. Rechtsradikale hatten hier den so entscheidenden Schritt von der Protestpartei in die Mitte der Gesellschaft, die Normalität, den Alltag vollzogen (die NPD sitzt in Stadtparlament und Kreistag). So rund war das Bild von der Symbolstadt des kaputten Ostens über die Jahre geworden, dass Anzeichen des Aufschwungs, die es auch gab, da fast nur störten. Der Reporter stellte sich die Soziologen und die Kollegen mit den Fernsehkameras vor, die sich an der Ampelkreuzung von Anklam aufstellten und die genervte Bevölkerung ausfragten: Entschuldigung, aber wo geht es hier bitte zum sozialen Brennpunkt?

Bahnhof Anklam: 18 Uhr. Ein Backsteingebäude. Ich war der Einzige, der ausstieg. Ein Schild listete Hoteladressen auf: 1-A-Hotel, Hotel Schwarz, Hotel Pommernland. Im Café Müller & Co. hing das Wahlplakat des Kandidaten der Initiative für Anklam. Am Sonntag waren hier Bürgermeisterwahlen.

Ich, Reporter, wollte ja nicht viel – nur ankommen und die Leute, die da eventuell herumstanden, fragen, ob man hier noch irgendwo ein Bier trinken konnte. Meine Frage war: Was treibt ihr, Anklamer, wenn ihr, gegen alle Wahrscheinlichkeit, doch einmal gute Laune habt?

Nächste Frage: Wie lief man noch mal in eine Kleinstadt hinein? Richtig, immer die Hauptstraße hinunter. Die hieß hier Pasewalker Straße. Und mit den ersten Schritten war gleich die ganze Tristesse, das ganze Drama der deutschen Kleinstadt da.

Es kamen erst mal fünf, sechs kaputte Häuser: blinde Scheiben, der Putz der DDR (Spritzbeton), das mit der Hand geschriebene Schild "Objekt zu verkaufen". An der Ecke lag eine Spielothek (Glück, Spiel, Chance, 24 Stunden geöffnet). Dann kam ein Erotiklokal und Massagestudio (Barbetrieb, ständig neue Aushilfskräfte gesucht). Dann das China-Restaurant Atlantik (Mittagsmenü ab 3,90 Euro). Die Ferienwohnung mit Dusche, Heizung und Fernseher war frei. Anklamer Einzelhandel: Happy Damenmoden, Studio Nagelneu, Kosmetiksalon Hautfreundlich, das Bräunungsstudio Sun for you. Bild Mecklenburg-Vorpommern meldete an diesem Freitag: "Lohnmauer höher. Ostdeutsche arbeiten länger, verdienen weniger". Und da hing auch schon, so normal und unauffällig, dass es dem Fußgänger förmlich ins Auge sprang, das Schild vom Bürgerbüro der NPD. Das Fenster war mit Styroporplatten zugenagelt.

Staunen. Gruseln. Weiterirren. Es gab einen runden Platz (Neuer Markt) und einen viereckigen Platz (Rathausmarkt). Der festungsartig überdimensional große Neubau der Sparkasse. Das architektonische Prinzip der Kleinstadt, so viel hatte ich nach einer Viertelstunde verstanden, bestand aus drei wuchtigen Türmen der Backsteingotik (renoviert) und aus Plattenbauten (ebenfalls renoviert). Wenig, so dachte der Reporter, sah so gemein, so widersinnig, so menschenverachtend aus wie in Pastelltönen gestrichene und mit Metallbalkonen verkleidete Plattenbauten. Da trat dem Reporter vor der Begegnungsstätte für Senioren (Spiele für jedermann, altersgerechte Gymnastik, gemeinsames Frühstücken) der erste Anklamer in den Weg: Trainingsanzug, viel Metall im Gesicht. Was sollte ich den jetzt, bitte, fragen? Richtig, man konnte ja auch nichts fragen und einfach weitergehen.

 

Der Reporter betrat den Kleiderladen "New Dawn / Streetwear / Musik & More": New-Balance-Turnschuhe, Sweatshirts der Marke Thor Steinar, die Garderobe des jungen, modernen, zeitgemäß gekleideten Nazis. Der Typ hinterm Tresen, er trug ein schwarzes Kapuzenshirt, erzählte erst dies und das. Er fragte: "Journalist?" Dann stand er, Typ in Schwarz, auf und zeigte zur Tür: "Da geht’s hinaus. Aber ganz schnell. Tschüss."

Im Theater Anklam – in den achtziger Jahren hatte es das Haus unter der Leitung des späteren Volksbühnen-Chefs Frank Castorf zu einem Wallfahrtsort der kritischen DDR-Intelligenz gebracht. Heute gab hier der Schlagersänger Dirk Michaelis, in der DDR mit der Rockband Karussell bekannt geworden, ein Konzert: glückliches, mitklatschendes Anklamer Publikum, Kurzhaarfrisuren in Hennarot, Wattejacken in Beige. Der Intendant, nach mehr als 25 Dienstjahren selber fast schon eine Legende, hatte vor dem Konzert nachdenkliche Worte gesprochen: "Die Rechten werden hier in Anklam nicht stärker, die anderen werden nur immer schwächer." Als sich der Reporter aus dem Saal schlich, sang der Schlagersänger gerade: "Vielleicht gestehe ich dir heute alle meine Liebeslieder."

Abendessen im Gasthaus am Steintor. Dann wurde es Nacht.

Aus den Schatten niedriger Häuser trat der Fußgänger immer wieder auf Highways hinaus. Das gelbe Licht des Ostens. Viel Straße, viel Kreuzung, wenige Autos, noch weniger Fußgänger. Die Autos der Freitagnacht, Kleinwagen mit getunten Motoren, bohrten die Highways rauf und runter. Ein Mädchen trug sein Popmusik plärrendes Handy den Bürgersteig hinab. Ein vielleicht 100-jähriger Mann schob sein Fahrrad. Da kamen mir zwei Jungs mit Nasenringen und Backenbärten entgegen. Auf der Straßenseite gegenüber lief ein Trupp ganz in Schwarz gekleideter Männer: glatzköpfig, tätowiert, stumm. Kein Mensch konnte mehr sagen, ob das Nazis, Linke oder letztlich friedfertige Playstation-Spieler waren. Als die Marienkirche zehn schlug, war es gefühlt zwei Uhr nachts.

Zu Aral. Vielleicht gab es wenig, was so abenteuerlich und romantisch war, wie sich zu Fuß und bei Mondlicht einer Tankstelle im Nordosten Deutschlands zu nähern. Der Reporter konnte die Jugend, die sich an Tankstellen traf, gut verstehen, denn dieser Nachtort war besser als die anderen: luftig, offen, modernistisch gestaltet, mit dem besten Essensangebot.

Da standen Mike (Gießereimechaniker), Hanno (Ausbildung zum Rettungsassistenten) und Krusie (derzeit auf Hartz IV). Anja (demnächst Banklehrling in Berlin) war auch da. Der Beruf des Kochs war hier oft vertreten (Möglichkeit der Saisonarbeit auf der nahe gelegenen Insel Usedom). Die Jeansmarke Rusty Neal hatte jetzt ihren Auftritt. Keiner sah wie ein Nazi, alle sahen eher wie Menowin von Deutschland sucht den Superstar aus. Es waren helle, freundliche Gestalten. "Gesehen werden bei Aral", so lautete ihr Wahlspruch. Wer sie alle beisammenhabe, so Krusie, der lasse die Kleinstadt schnell hinter sich: "Die Doofen bleiben, die nicht ganz Doofen gehen." Ihre Diskothek sei das Colosseum in Neubrandenburg, 45 Kilometer entfernt.

Einer machte nun die Bewegung heftigen Alkohol-in-den-Hals-Schüttens nach: "Was geht heute noch? Koma?" Nach zehn, so Krusie, gebe es hier am Freitagabend nur noch Duewell’s Bierstuben: Das sei die beste Kneipe Anklams und, natürlich, auch ein Treff der Kurzrasierten. Gegen Mitternacht steige dann in der großen Baracke mit der Aufschrift "Bowling Center/Der Club" die "Black is Beautiful"-Night: kostenloser Eintritt, Freibier. Trotzdem gehe da kein Arsch hin. Gelächter, müdes Abwinken bei den Kindern von der Tankstelle: Mit "Black" sei natürlich nicht schwarze Musik gemeint, sondern die CDU. Die wolle bei jungen Leuten für ihren Bürgermeisterkandidaten werben.

Über die Hauptstraße zogen nun sechs Mannschaftswagen der Polizei: verstärkte Präsenz. Die Rockerbande Bandidos sollte am morgigen Samstagabend das einjährige Bestehen ihrer vor der Stadt gelegenen Clubzentrale feiern.

In Duewell’s Bierstuben: Ich schaffte eine Pilslänge. Es war ein übler und, natürlich, kein schlecht übler Ort: die Rocker-, Hooligan- und Knastbruder-Szene von Anklam. Wer Western und die Filme von Quentin Tarantino mochte, der konnte dieses Lokal nicht schlecht finden. Das Schild "Für Bier würde ich sogar arbeiten". Da saß ein Alter mit zutätowiertem Gesicht und Wehrmachtskreuz um den Hals. Der Reporter spürte die Hitze des sozialen Brennpunkts – verrückt, aber es war ein Feuer, an dem der Mensch sich auch wärmen konnte (die Bedrohung war ja nicht wirklich, die Bedrohung fand natürlich im Kopf des Reporters statt). Ein Männerchor sang: "Marco, Marco, Marco gibt einen aus." Auf den Klos randalierten tätowierte Skinheads.

Ich hätte es fast noch in die Discothek Der Club geschafft (aus der Baracke drang die entsetzliche Proll-Hymne Hey das geht ab), als mein Telefon klingelte. Anruf vom King Size auf der Berliner Friedrichstraße. Die Stimme am Telefon fragte, wo ich eigentlich bleibe. Ich wurde hektisch. Ich hatte plötzlich Angst, doch noch eins aufs Maul zu kriegen. Der schwarze Freitagnachthimmel von Anklam. Ich sagte: "Ich bin gleich da."