Film "Sin Nombre" Leere Augen

Cary Joji Fukunagas mexikanischer Film "Sin Nombre"

Wenn ein Film eine so brutale Welt zeigt wie Cary Joji Fukunagas mexikanisches Gang-Drama Sin Nombre, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man ist nach dem Kino einfach nur froh, dass der Ort, an dem diese Jugendlichen einander unterdrücken, quälen, exekutieren, zehntausend Kilometer weit entfernt ist. Oder man hat das Gefühl, selbst mit einem Kind, das einem zusammengeschlagenen, gefesselten Gegner einen Bolzen in die Brust schießt, auf entfernte Weise verwandt zu sein. Für Sin Nombre gilt Letzteres.

Der junge Regisseur Fukunaga enthält sich jeglicher visueller Mätzchen, all der Reißschwenks und wilden Kamerafahrten, die Stilisierung, aber eben auch Distanz schaffen. Stattdessen begibt sich sein Spielfilm völlig unaufgeregt in den Alltag einer mexikanischen Untergruppe der Mara Salvatrucha. Mit allein hunderttausend zentralamerikanischen Mitgliedern, verstrickt in Drogen-, Waffen und Menschenhandel, ist die »Mara« eine der größten und gefährlichsten kriminellen Organisationen der Welt. Für Fukunagas Protagonisten, den sechzehnjährigen Casper, scheint die Bande eine Art militärisch organisierter Familienersatz, ihr Anführer El Sol eine Mischung aus Diktator, Vater und Bruder. Es ist eine Welt aus nackten Oberkörpern und Männerschweiß, tief hängenden Jeans, Waffen, und Tatoos, eine Familie der Verlorenen, die einander umarmen und belauern. Fukunaga zeigt die Codices der Gang, ihre Initiationsriten, wie die »13 Sekunden«, bei denen ein Gangmitglied von den anderen geprügelt und getreten wird. Oder die stets von einem Mord besiegelte Rekrutierung der Jüngsten, confetti genannt. Er zeigt Männer, die ein Kleinkind im Arm halten, während sie eine Exekution befehlen, und den leeren Blick der Jüngsten nach dem ersten Töten. Erschütternd ist hier aber nicht so sehr die Gewalt, sondern vielmehr ihre absolute Selbstverständlichkeit und Beiläufigkeit. Adoleszenz als Kriegszustand.

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Trotz seiner authentischen Anmutung ist Sin Nombre echtes Kino mit dramatischen Konflikten und einem Helden, der erst noch einer werden muss. Als der Anführer der Gang Caspers Freundin umbringt, wird sich der Jüngere entscheiden: zwischen der Loyalität zur Bande und der Achtung vor sich selbst.

Der moralische Scheidepunkt ist auch ein dramaturgischer. Von einer quasi dokumentarischen Gang-Geschichte wird Sin Nombre zu einem Roadmovie. Gemeinsam mit Tausenden anderen Flüchtlingen besteigt Casper einen Zug, der vom äußersten Süden des Landes zur mexikanisch-US-amerikanischen Grenze fährt. Es ist eine Reise vorbei an Müllbergen, Fabrikruinen, zerfallenen Dörfern, apokalyptischen Elendslandschaften. Aber auch der Beginn einer neuen Liebesgeschichte.

Sin Nombre wurde produziert von den mexikanischen Superstars Gaël García Bernal und Diego Luna, die auch als Schauspieler (Amores Perros, Y Tu Mamá También) und zusammen mit befreundeten Regisseuren (Alejandro Gonzáles Iñárritu, Alfonso Cuarón) für ein junges mexikanisches Kino stehen, das einen schonungslosen Blick auf ein desolates Land wirft. Die Filme dieser Generation suhlen sich nicht im Elend, genauso wenig zelebrieren sie Machomythen und Gewaltorgien. Sie blicken in die Slums, in die Banden, ins armselige Zentrum der Gewalt hinein. Es sind Geschichten über die Peripherie, die längst zum Zentrum des Landes geworden ist, Roadmovies über eine Jugend ohne Hoffnung. So wie Sin Nombre. Denn egal, wohin der Held dieses Films gelangt, er wird sich selbst und Mexiko nicht los.

 
Leser-Kommentare
    • Monya
    • 24.06.2010 um 15:46 Uhr

    Sin nombre ist einer der besten Filme die ich in den letzten fünf Jahren gesehen habe. Die Geschichte ist genauso traurig wie sie mitreissend ist und spielt meiner Meinung nach in einer Liga mit Filmen wie City of God und Amores Perros. Unbedingt anschauen!

    • dalles
    • 23.09.2010 um 19:39 Uhr

    Das sehenswerte dokumentarische Pendant zu diesem Film ist "La Vida Loca" von Christian Poveda. Spielt zwar in El Salvador, behandelt aber dasselbe Problem.

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  • Quelle DIE ZEIT, 06.05.2010 Nr. 19
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  • Schlagworte Film | Regisseur | Band | Drogen | Kino | Menschenhandel | Spielfilm | Theater | Mexiko | Boss
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