Es ist sieben Uhr morgens. Der kräftige Nordwind, der schon über Nacht ums Haus ging, bläst unvermindert weiter. Im Hafen von Lira, einem kleinen Ort an Galiciens Westküste, hocken die Fischer in den Lagerschuppen und warten ab. Mit Wollmützen auf dem Kopf und Ölzeug am Körper lugen sie hinaus auf den Kai, hinüber zu den Booten, und fachsimpeln über den gestrandeten Kutter, den der Wind in der Nacht durch die Hafenbucht getrieben und an die Kaimauer geknallt hat.

Andrés Domínguez, Kapitän eines anderen Kutters, ein stämmiger Kerl mit schmaler Brille, ist bereits seit sechs Uhr hier. Er will mit drei Männern, seiner Besatzung, zum Fischen auslaufen. Während es hinter den nahe gelegenen Hügeln langsam hell wird, riecht Andrés in den Wind hinein. Er und seine Mannschaft können dem heftigen Wetter trotzen, doch heute soll noch ein Gast an Bord gehen – »nicht zur Besatzung gehöriges Personal«, wie es offiziell heißt. Lokale Fischerverbände haben in Galicien vor Kurzem den Turismo Marineiro ins Leben gerufen, den Fischerei-Tourismus. Er bietet interessierten Urlaubern Ausfahrten mit Küsten- oder Muschelfischern an. Der Tour-Ablauf richtet sich nach dem Stundenplan der Fischer. Das heißt: Früh geht’s raus, und der Ausflug kann gut acht Stunden dauern. Einen Reiseleiter gibt es nicht.

Andrés sagt mit halbem Lächeln: »Na – Frühaufsteher?« Geht so…

Dann sagt er, den Nacken in die schwere Windjacke vergraben: »Da draußen wird es dir schlecht ergehen. Hast ja gesehen, was mit dem Kutter passiert ist. Willst du dir das wirklich antun?« Na ja… Ja.

»Also gut. Auf ins Leiden.«

Ich frage nach Gummistiefeln und Ölhose. Andrés kramt aus dem Schuppen Stiefel und Wetterzeug hervor. Dann geht er los, um das Boot zu holen. Als wir am Pier wieder aufeinandertreffen, sieht er mich skeptisch an. »Du hast deine eigene Jacke anbehalten.« Die ist wasserabweisend. Aber wenn du meinst. »Ich meine gar nichts. Du kannst dich nackt ausziehen, wenn du willst. Ist bestimmt auch ’ne Erfahrung.« Ich entscheide mich doch lieber für seine Jacke. Einer der Fischer eilt noch mal zum Schuppen und bringt sie. Dann springen alle an Bord, und es geht los. Andrés steht am kleinen Steuerrad in der winzigen Führerkabine, alle anderen drücken sich dahinter in den Windschatten. Wir schippern hinaus in die Bucht von Carnota. Es ist inzwischen hell geworden. Vor uns liegt Galiciens längster Sandstrand, ein weißes Band von acht Kilometern, zu dieser Stunde menschenleer. Wir steuern kleine Bojen an, unter denen die gestern ausgeworfenen Netze hängen. Die ersten beiden werden eingeholt. Gut 20 Seezungen haben sich darin verfangen, außerdem Steinbutte, Tintenfische, Rochen, Kraken und Seespinnen. Die Fischer stecken sich Kippen in die Mundwinkel, ihren Fang kommentieren sie nicht. Lässig werfen sie die Fische über Deck, die mit saftigem Platsch und dumpfem Plumps in verschiedenen Eimern und Ecken landen.

An den nächsten Bojen beginnt das dornige Glück des Tages. Nach und nach kommen zwei Netze voller Seespinnen hoch. Die dunkelroten Biester machen eine Menge Arbeit, bringen aber viel Geld. Die vier Fischer, stoisch am Werk, brauchen mehrere Stunden, um Scheren und Stachelpanzer aus dem Geknäule herauszuwinden. Die Hälfte der Tiere geht gleich wieder über Bord; sie kommen für dieses Mal davon, weil sie nach EU-Norm zu klein sind. Trotzdem ein guter Fang, oder? Andrés antwortet vorbildlich galicisch, was bedeutet, dass er sich nicht festlegen lässt. »Mhm. Mal fängt man mehr, mal weniger. So ist das.«